IS-Chef Baghdadi erscheint erstmals nach fünf Jahren in Video

In einem neuen Propaganda-Video der Terror-Miliz nimmt der bereits mehrmals für tot erklärte Abu Bakr al-Baghdadi unter anderem Stellung zu Sri Lanka.

Im Video soll sich al-Baghdadi auf die ehemalige IS-Bastion im Osten beziehen: Rauch über Baghus am 11. März 2019. (Archiv)

Im Video soll sich al-Baghdadi auf die ehemalige IS-Bastion im Osten beziehen: Rauch über Baghus am 11. März 2019. (Archiv)

Sein «Kalifat» ist zerschlagen, sein Verbleib war lange ein Rätsel, doch jetzt gibt es ein Lebenszeichen von IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi: Am Montag veröffentlichte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ein Video.

In diesem spricht al-Baghdadi die Einnahme der letzten IS-Bastion im Osten Syriens im März an. «Die Schlacht um Baghus ist vorbei», sagt der Mann, auf dessen Kopf die USA eine Prämie in Höhe von 25 Millionen Dollar ausgesetzt haben.

In dem Video sitzt al-Baghdadi im Schneidersitz auf einer Art Matratze und spricht mit drei Männern, deren Gesichter unkenntlich gemacht wurden. Sein langer grauer Bart scheint teilweise mit Henna gefärbt, er spricht langsam, unterbricht seine Sätze häufig für mehrere Sekunden.

Wann genau und wo das Video aufgenommen wurde, blieb zunächst unklar. Versteckt sich der selbsternannte Kalif mit seinen letzten Kämpfern in der syrischen Wüste, ist er im Irak untergetaucht oder konnte er ins Exil entwischen?

Soweit bekannt trat der 47-Jährige nur einmal in der Öffentlichkeit auf: Anfang Juli 2014, als er von der Kanzel der Al-Nuri-Moschee in der nordirakischen Grossstadt Mosul den «Gehorsam» aller Muslime gegenüber seinem «Kalifat» in Syrien und dem Irak einforderte.

Mehrfach für tot erklärt

Seitdem veröffentlichte seine Gruppe in unregelmässigen Abständen Audiobotschaften, die von al-Baghdadi stammen sollen. Doch wurde der Iraker, der an Diabetes leidet, nicht wieder in der Öffentlichkeit gesehen. Mehrfach wurde er bereits für tot erklärt, mindestens einmal wurde er verletzt.

«Er ist nur von drei Menschen umgeben: Seinem älteren Bruder Jumua, seinem Fahrer und Leibwächter Abdellatif al-Juburi, den er seit seiner Kindheit kennt, und seinem Kurier Saud al-Kurdi», sagte der Jihadismus-Experte Hisham al-Hashemi im März. Er vermutete die vier in der weitläufigen Badia-Wüste im Zentrum Syriens.

Geboren wurde al-Baghdadi 1971 als Sohn einer armen Familie im zentralirakischen Samarra unter dem Namen Ibrahim Awad al-Badri. Als Junge begeisterte er sich für Fussball und träumte davon, Anwalt oder Soldat zu werden, doch seine mangelhaften Noten und seine schlechten Augen verhinderten beides. So studierte er schliesslich in Bagdad Theologie, bevor er nach der US-Invasion 2003 als Anführer einer Jihadistengruppe in den Untergrund ging.

Die Journalistin Sofia Amara, die einen Dokumentarfilm über ihn gedreht hat, sagt, er mache nicht den Eindruck eines «brillanten Mannes», sondern erscheine eher als «geduldig und arbeitsam». Doch habe der «geheime Planer» schon früh «eine sehr klare Vorstellung» von der Organisation gehabt, die er schaffen wollte. Als er 2004 im Februar von der US-Armee im Gefängnis von Bucca inhaftiert wurde, knüpfte er dafür wichtige Kontakte.

«Universität des Jihad»

Das Gefängnis im Südirak galt als «Universität des Jihad», da dort radikale Islamisten mit Militär- und Geheimdienstleuten des gestürzten Baath-Regimes von Saddam Hussein zusammenkamen. «Alle haben gemerkt, dass dieser schüchterne Typ ein feiner Stratege ist», sagt Amara über al-Baghdadis Zeit in Bucca.

Als er im Dezember 2004 aus Mangel an Beweisen freikam, schloss er sich dem Al-Kaida-Führer Abu Mussab al-Zarkawi an. Als erst al-Zarkawi und dann sein Nachfolger getötet wurden, übernahm der einstige Theologiestudent aus Samarra 2010 unter dem Namen Abu Bakr al-Baghdadi die Führung der Extremisten im Irak.

Indem er frühere Offiziere Saddam Husseins anwarb, machte er aus seiner Guerillagruppe eine schlagkräftige Truppe und nannte sie Islamischer Staat (IS). Sie überrannte im Sommer 2014 die nordirakische Grossstadt Mosul und drang binnen weniger Wochen bis vor Bagdad vor.

Doch mit Gräueltaten und blutigen Anschlägen brachte er viele Iraker und Syrer sowie die internationale Gemeinschaft gegen sich auf. In den vergangenen Jahren folgte eine Niederlage auf die andere, und nach dem Verlust des letzten Dorfs in Ostsyrien bleiben dem IS-Führer nur noch einige versprengte Zellen.

USA geloben Sieg über IS

Die USA haben nach der Verbreitung des ersten Videos mit IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi seit fünf Jahren betont, die Jihadistenmiliz Islamischer Staat dauerhaft besiegen zu wollen. Ein Sprecher des US-Aussenministeriums sagte am Montag, die «Terroristen» würden bezwungen. Jeder Anführer der Miliz, der noch am Leben sei, werde zur Verantwortung gezogen.

Auch wenn al-Bagdadi noch am Leben sei: Der IS habe mit seiner territorialen Niederlage im Irak und in Syrien einen «vernichtenden strategischen und psychologischen Schlag» erlitten, sagte der Sprecher. Sein sogenanntes Kalifat sei zusammengebrochen.

Derzeit prüfen die USA noch die Authentizität des al-Bagdadi-Videos, das am Montag vom IS veröffentlicht worden war. Die USA haben ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar auf den IS-Anführer ausgesetzt, der 2014 das «Kalifat» des Islamischen Staates ausgerufen hatte.

sep/chk/AFP

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt