Make North Korea Great Again!

Trump ist berauscht, er will den Deal des Jahrhunderts geschlossen haben. Hat er auch – zugunsten von Kim.

Showman und Blender, am Ende wusste man nicht, auf wen die Beschreibung besser passte: Kim Jong-un und Donald Trump in Singapur. Foto: Kevin Lim (Keystone)

Showman und Blender, am Ende wusste man nicht, auf wen die Beschreibung besser passte: Kim Jong-un und Donald Trump in Singapur. Foto: Kevin Lim (Keystone)

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«Herzliche Glückwünsche Ihnen allen da draussen.» Die liess der Präsident der Vereinigten Staaten am Ende dieses Tages in Singapur ausrichten, und zwar genau in diesen Worten. Was für ein Tag. Historisch. Beispiellos. Nie da gewesen. Donald Trump über das Nordkorea-Problem: «Denken Sie es mal von der Immobilienperspektive her.» Hat er auch gemacht. Und so «ein grosses Ereignis der Weltgeschichte» geschrieben.

Treffen sich ein Wahnsinniger und ein Tattergreis und basteln an den Atomwaffen Nordkoreas. Klingt nicht sehr beruhigend? Nun, mit einem Mal heissen sie einander ja gar nicht mehr «wahnsinnig» (Donald Trump noch vor ein paar Monaten über Nordkoreas Herrscher Kim Jong-un) und «senil» (Kim über Trump). Schauen einander stattdessen tief in die Augen. Speisen an einem Tisch. Ziehen sich für ein Tête-à-tête ganz ohne Berater zurück in den Wandelgang des Tagungshauses. Tätscheln einander Unter- und Oberarme. Loben einander über den grünen Klee.

Showman und Blender

Donald Trump ist wie berauscht, wenn er von seinen Stunden mit Kim berichtet, er tänzelt am Ende dieses Tages beseelt vor den ihm sonst so verhassten Journalisten, lässt immer noch eine Frage zu, 58 euphorische Minuten lang. Er schwärmt von dem «ganz besonderen Band», das Kim und ihn nun verbinde. Von der «grossen Persönlichkeit» des Koreaners, was für ein «talentierter Mensch» der sei und «wie klug». Vor allem: was für ein «würdiger Verhandlungspartner». Ritterschlag.

Klug und ein grosser Verhandler – tatsächlich hat Kim Jong-un an diesem Tag der Welt bewiesen, dass er das ist. Ausnehmend klug. Der Gipfel war ein Coup. Für Kim Jong-un. Eben noch war er ein Ausgestossener aus der Weltgemeinschaft, Herrscher des brutalsten Regimes der Erde, ein Diktator, dessen Griff nach der Atombombe allerorts Entsetzen auslöste. Seit Singapur ist er ein Staatsmann, ein Gleichgestellter, einer, der auch Selfies mit sich machen lässt und auf Dachterrassen einen trinken geht. Showman und Blender, am Ende wusste man nicht, auf wen die Beschreibung besser passte: auf Trump oder Kim. Das Motto des Gipfels hätte jedenfalls lauten können: Make North Korea Great Again. «Trauen Sie ihm?», fragte ein Reporter Donald Trump. «Ja, das tue ich», antwortete Trump. «Ich glaube, er möchte das wirklich.»

Das Erlöservideo

Ein Auserwählter vielleicht sogar, dieser Kim Jong-un. Der US-Präsident brachte Kim ein Geschenk mit nach Singapur: einen Videoclip, den er extra hatte drehen lassen, einen Film «aus den höchsten Ebenen der Zukunftsentwicklung», wie Trump hernach sagte. Er war so stolz auf den Film, dass er ihn auch gleich den anwesenden Reportern vorspielte, von denen nicht wenigen der Mund offen stand, weil man nicht sofort erkannte, ob das Werk nun aus den Propagandastätten Pyongyangs oder Washingtons entsprungen war. «Destiny Pictures presents», sagt der Erzähler in dem Film: «Eine neue Geschichte. Ein neuer Anfang. Für den Frieden? Zwei Männer. Ein gemeinsames Schicksal.»

Bilder: Historischer Gipfel in Singapur

Man sieht glitzernde Städte, einen Hochgeschwindigkeitszug. Im Hintergrund spielt dramatisches Orchester. Wolken öffnen sich. «Es kommt eine Zeit, wenn nur wenige auserwählt sind, einen Unterschied zu machen», raunt der Sprecher. Man sieht einen strahlenden Kim Jong-un, wie er der Menge zuwinkt. Dann einen strahlenden Donald Trump, wie er der Menge zuwinkt. «Aus dem Dunkel kann ein Licht kommen.» Der Sprecher nun mit Tremolo. Man sieht die Sonne aufgehen.

Kim und Trump: zwei Weltenretter. Er habe Kim den Film vorher gezeigt, sagte Trump hinterher: «Ich glaube, er hat ihn geliebt. Wir hatten ihn auf Kassette dabei. Auf dem iPad.» Wahrscheinlich hat Kim der Clip wirklich gefallen: Messiaskult, er kennt das von zu Hause. Na ja, meinte Trump dann noch, vielleicht wollten die Nordkoreaner ja gar nicht «die Züge und das Zeugs» aus dem Film, das sei ja ihr gutes Recht. «Aber sie haben dann ja zum Beispiel noch diese grossartigen Strände. Die sieht man doch immer, wenn sie ihre Kanonen in den Ozean schiessen. Da hab ich gesagt: Mann, schau dir mal den Ausblick an. Stünde da nicht ein Apartmentkomplex ganz grossartig?»

Immerhin, informierte Trump dann die Journalisten, liege Nordkorea ja genau zwischen China und Südkorea: «Denken Sie das mal von der Immobilienperspektive her!»

Bereit, eine neue Geschichte zu starten: In Singapur kam es erstmals zu einem Treffen der Präsidenten von Nordkorea und den USA. Video: AFP/AP/Tamedia

Verrückt. Das Erlöservideo. Die Pressekonferenz. Der Rausch des Präsidenten, der tatsächlich zu glauben scheint, er habe gerade den Deal des Jahrhunderts gemacht, während draussen die meisten Nordkorea-Beobachter ein ums andere Mal die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: Hat Trump tatsächlich gerade die traditionellen Manöver mit Südkorea gestrichen? Hat er tatsächlich für die Zukunft einen Truppenabzug aus Südkorea in Aussicht gestellt? Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Nordkorea? Eine Einladung ins Weisse Haus? Und was hat er dafür bekommen? Das Versprechen der «kompletten Denuklearisierung». Hört sich grossartig an. Gab es aber alles auch schon früher. So ein Abkommen aber sei ohne Details und ohne konkreten Zeitplan «null wert», sagt wie viele andere auch der Nordkorea-Experte Andrei Lankow: «Wir hatten einen Flop erwartet. Aber das ist noch ein grösserer Flop als alles, was wir uns ausgemalt hatten», so Lankow. Eine «gewaltige, riesige, gigantische Nullnummer» sieht der renommierte Politologe Van Jackson.

«Gott, ist das deprimierend»

Robert E. Kelly, Nordkorea-Experte der BBC – vor einem Jahr zu Ruhm gekommen durch seine während eines Live-Interviews durchs Bild rollenden kleinen Kinder und seine tapfer hinterherhechtende Ehefrau –, schrieb auf Twitter: «Gott, ist das deprimierend. Der ganze Hype für das? Das ganze Drama und das Gerede vom Nobelpreis? Und dann das? Das ist, nun, armselig.»

Die Zusage der kompletten Denuklearisierung ist nicht einmal neu: Kim hatte sie bereits bei seinem Treffen mit Südkoreas Präsident Moon Jae-in am 27. April gegeben. Und nun? Abrüstung bis wann also? Genau könne er das jetzt auch nicht sagen, meint Trump. Warum man denn keinen Zeitplan festgelegt habe? «Weil wir die Zeit dazu nicht hatten.» Kim denke in Dekaden, meint Andrei Lankow: «Er wird alle Tricks nutzen, um die Nuklearwaffen nicht abzugeben. Das werden die Amerikaner aber erst in ein paar Jahren endgültig merken. Vorher kann Trump jedem verkünden, der es hören will: ‹Mission accomplished›.»

Es ist einfach: Die Nuklearwaffen sind Kims Lebensversicherung. Ghadhafi und Saddam Hussein sind die mahnenden Beispiele. So will Kim auf keinen Fall enden. «Zwischen ihm und dem Tod stehen seine Nuklearwaffen», sagt Lankow. Hat sich Trump also verschaukeln lassen? Und wenn ja, weshalb?

Ohne Zeitplan ist das Abkommen laut Experten «null wert».

Der Charme des Kim Jong-un alleine wird es nicht gewesen sein. Spulen wir noch einmal zurück. Gar nicht weit. Herbst 2017 reicht schon. September letzten Jahres. Das war der Monat, in dem Donald Trump Kim Jong-un erst einen «Raketenmann auf Selbstmordmission» nannte und später einen «Wahnsinnigen», der kaltblütig sein Volk «zu Tode hungern lässt und umbringt». Der Monat, in dem Kim Jong-un seinerseits Trump einen «Schurken» und «Gangster» schimpfte und in dem er versprach, den «geistig verwirrten senilen Greis» in Washington «mit Feuer zu zähmen». Nach dem Beginn einer wunderbaren Freundschaft klang das damals nicht unbedingt.

«Warum bloss beleidigt mich Kim Jong-un als ‹alt›, wo ich ihn doch niemals ‹klein und fett› nennen würde», lamentierte Trump noch im November auf Twitter – aber schon der Anschlusssatz klang dann vieldeutiger: «Ach ja, ich versuche so sehr, sein Freund zu sein – und vielleicht wird das eines Tages geschehen.» Es folgte dann zu Neujahr ein Schlagabtausch darüber, wer die Welt gründlicher in Schutt und Asche legen könne, ein Fernduell um die roten Atomknöpfe beziehungsweise darum, wer den grösseren habe, aber vielleicht war das ja auch schon neckisch gemeint.

Ablenkungsmanöver

Die Bewunderung des US-Präsidenten für Autokraten jeder Schattierung ist mittlerweile bekannt. Warum aber hat er sich im März ganz spontan auf Kims Angebot zu einem Gipfel eingelassen? Das Stattfinden des Treffens allein, muss man dazu wissen, war zwar nun historisch – aber aus amerikanischer Sicht alles andere als ein Verhandlungserfolg: Die Nordkoreaner wünschen sich schon seit Jahrzehnten nichts sehnlicher als einen solchen Gipfel. Seit 1953 gibt es einen Waffenstillstand, aber offiziell dauert der Koreakrieg bis heute an.

«Mit diesem Gipfel stehen wir noch am Anfang einer Entwicklung»: Christof Münger analysiert den Trump-Kim-Gipfel. Video: Tamedia

Die USA haben Nordkorea nie diplomatisch anerkannt – und das ist es, was sich schon Kim Jong-uns Vater und Grossvater wünschten: die Anerkennung durch die USA und die internationale Gemeinschaft. Wenn die vorherigen US-Präsidenten sich nicht einliessen auf diesen Wunsch, dann hatte dies einen Grund: Sie wollten zuvor Zugeständnisse Pyongyangs. Trump gab Kim den Gipfel ganz offensichtlich ohne grosse Zugeständnisse. Und es gelang ihm offenbar auch in Singapur nicht mehr, welche auszuhandeln. Allerdings konnte er im März, als ihn die Anfrage Kims erreichte, ein wenig Ablenkung ganz gut brauchen: Über ihm schlugen da gerade die Wellen des Skandals um seine Affäre mit der Pornodarstellerin Stormy Daniels und der Debatte um Russlands Einmischung in die US-Wahlen 2016 zusammen. «Hey, wer weiss? Vielleicht findet er statt, vielleicht nicht», sagte Trump voller Genugtuung auf einer Wahlkampfveranstaltung der Republikaner zwei Tage nach seiner Ankündigung vom 8. März, er werde sich vielleicht mit Kim treffen.

Da fanden sich zwei, Trump und Kim. Beide erhofften sich eine Show für zu Hause. Ihre Bühne war das elegante Hotel Capella auf der kleinen Insel Sentosa. Vom bewaldeten Hügel Faber Peak schweben schwarze Gondeln hinüber nach Sentosa, früher war die kleine Insel vor Singapur mal ein berüchtigtes Piratennest, aber das ist lange her. «State of Fun» nennen die Werbestrategen das Eiland, den «Spassstaat». Klein-Disneyland zieht Urlauber aus allen Himmelsrichtungen an, 19 Millionen drängeln sich hier im Jahr. Kim und Trump hätten sich kaum eine passendere Kulisse wünschen können.

«Packendes Fernsehen» hatten manche Beobachter versprochen. In Wirklichkeit ist Gipfelfernsehen jenseits der Handschüttelfotos natürlich niemals packend: Auch am Dienstag durfte man wieder tapfere Moderatoren dabei beobachten, wie sie sich zunehmend verzweifelt durch endlose Stunden ohne Protagonisten und Information kämpfen, dabei endlos die Vokabeln «historisch» und «beispiellos» wiederholend. Daneben standen wacker als Gesprächspartner die im Verlauf des Tages sichtlich gegen mentale Ermüdung ankämpfenden Akademiker.

Kim als Popstar

Sie sollten bitte «schöne Fotos» machen, auf denen er «nett und hübsch und dünn und perfekt» aussehe, wies Trump die Fotografen an, bevor er am Mittagstisch Platz nahm. Das war das einzige Mal, dass man den ansonsten fleissig lächelnden Kim pikiert dreinschauen sah. Hatte aber auch Grund zum Lächeln, dieser Kim: Er reiste mit reicher Beute ab, er durfte sich schon fast wie ein Popstar feiern lassen. Wo er auftauchte, kreischten die Menschen und balgten sich vor dem Kordon der ihn ständig abschirmenden Sicherheitsleute. Trumps Begeisterung schien sich auf die Singapurer zu übertragen. In einem BBC-Interview fiel das Wort «Teddybär».

Moment mal. Man mag durchaus begrüssen, dass die Welt in Kim nicht länger den durchgeknallten Clown sieht, wo er doch in Wirklichkeit eher «der perfekte Diktator» ist, als den ihn Andrei Lankow beschreibt: smart, pragmatisch, realistisch. Aber eben auch: skrupellos und brutal. Kein Teddybär. Steht der Mann nicht einem Gefängnisstaat vor, in dem einer schon fürs Ansehen eines ausländischen Spielfilms ins Lager geworfen wird? Ein Land, in dem wohl 200'000 Menschen im Gulag sitzen?

Hat er nicht seinen Onkel in kleine Fetzen schiessen lassen und seinen Halbbruder in aller Öffentlichkeit auf einem Flughafen in Malaysia vergiften lassen? Ein Land, das den US-Studenten Otto Warmbier als gesunden Touristen ins Gefängnis steckt und ein Jahr später im Koma nach Hause schickt, wo er stirbt. Oh, sagte Trump, es gehe da schon «hart zu, ja», in Nordkorea, «aber es geht übrigens an vielen Orten hart zu». Im Übrigen zeuge das schon von grossem Talent, was dieser Kim in einer solchen Umgebung geschafft hat: «Ich sage nicht, dass er nett war.» Aber: Er hat sich durchgesetzt. «Das schafft vielleicht einer von 10'000.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2018, 21:33 Uhr

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Erklärung im Wortlaut

Die wichtigsten Punkte

1 Die Vereinigten Staaten von Amerika und Nordkorea verpflichten sich, neue Beziehungen aufzubauen, die dem Wunsch der Völker beider Länder nach Frieden und Wohlstand entsprechen.

2 Die Vereinigten Staaten und Nordkorea werden sich den Bemühungen um den Aufbau einer dauerhaften und stabilen Friedensregelung auf der Koreanischen Halbinsel anschliessen.

3 Nordkorea bekräftigt die Erklärung von Panmunjom vom 27. April 2018 und verpflichtet sich, auf eine vollständige Entnuklearisierung der Koreanischen Halbinsel hinzuarbeiten.

4 Die Vereinigten Staaten und Nordkorea verpflichten sich zur Bergung der Überreste von Kriegsgefangenen und Kriegsvermissten, einschliesslich der sofortigen Rückführung der bereits Identifizierten.

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