Nach einem Facebook-Post flogen die Steine

Die Regierung in Sri Lanka hat die sozialen Medien gesperrt, weil seit den Terrorattacken von Ostern die Nerven blank liegen.

Katholiken besuchen am 12. Mai einen Gottesdienst in Sri Lanka. Foto: Keystone

Katholiken besuchen am 12. Mai einen Gottesdienst in Sri Lanka. Foto: Keystone

Arne Perras@tagesanzeiger

Eine missverständliche Botschaft auf Facebook reichte offenbar schon aus, um Wut und Gewalt zu entfachen. Auf Sri Lanka ­liegen die Nerven nach den ­verheerenden Terrorattacken an Ostern blank, die Anschläge schürten Misstrauen zwischen den religiösen Gruppen.

Nun brechen diese Spannungen immer häufiger auf. Das hat die sri-lankische Regierung dazu veranlasst, die sozialen Medien im Land zu blockieren. Whats­app, Facebook und andere Kanäle wurden vorübergehend ab­geschaltet.

Im Ort Chilaw an der Westküste Sri Lankas hatte ein Facebook-Post eines muslimischen Ladenbesitzers die christliche Gemeinde aufgebracht. Die Menschen sahen darin – offenbar irrtümlicherweise – die Ankündigung eines weiteren Anschlags. Der Satz, der die Wut und die Angst auslöste, lautete: «Eines Tages wirst du weinen.» In ­welchem Zusammenhang diese Worte gepostet wurden, blieb ­zunächst unklar.

Schüsse in die Luft

Klar ist jedoch, dass danach ­Steine flogen auf Geschäfte, Wohnhäuser und Moscheen. Die Polizei versuchte die Wut mit Schüssen in die Luft einzudämmen, wie die Onlineseite des «Daily Mirror» auf Sri Lanka berichtete. Der 38-jährige Urheber des Posts wurde nach Medien­berichten festgenommen, ebenso wie eine ungenannte Zahl von mutmasslichen Randalierern. Über das genaue Ausmass der Zerstörungen gab es zunächst keine Angaben.

Schon vergangene Woche hatte ein Streit im Verkehr einen gewaltsamen Zusammenstoss zwischen Christen und Muslimenim Ort Negombo ausgelöst. Dort waren an Ostern Dutzende Gläubige in der St. Sebastian’s Church gestorben. Etwa zehn Prozent der 21 Millionen Bürger auf Sri Lanka sind Muslime, die christliche Minderheit macht knapp acht Prozent aus, überwiegend folgen die Bewohner des Inselstaates dem Buddhismus.

Zusammenstösse zwischen Christen und Muslimen hatte es vor den Osteranschlägen auf Sri Lanka nicht gegeben. Anzeichen gab es lediglich für verhärtete Fronten zwischen buddhistischen Hasspredigern und kleinen Zirkeln muslimischer Radikaler. Kaum jemand hatte derweil damit gerechnet, dass die Islamisten in Sri Lanka einen Grossangriff auf Kirchen starten würden.

Die Regierung rechtfertigte das Sperren der sozialen Medien am Montag als notwendigen Schritt, «um den Frieden im Land zu erhalten». Es handle sich nur um eine vorübergehende Blockade, damit die Spannungen nicht weiter eskalierten, hiess es. Mit einer ähnlichen Sperre hatte der Staat bereits nach den ­islamistischen Terrorattacken vom Ostersonntag reagiert, bei denen 257 Menschen auf Sri Lanka ums Leben kamen. Über Nacht hat die Regierung ausserdem eine Ausgangssperre verhängt.

Verdächtiger verhaftet

Die Menschen auf Sri Lanka ­versuchen immer noch zu verstehen, wie ihr Staat trotz Warnungen von Geheimdiensten ­offenbar völlig untätig blieb, als die Terroristen ihre Attacken auf Hotels und Kirchen vorbereiteten. Die Täter kommen überwiegend aus wohlhabenden Familien, Vertreter des muslimischen Rates erklärten, sie hätten Sicherheitskräfte auf die Radika­lisierung einzelner Gemeindemitglieder hingewiesen, seien aber ignoriert worden.

Zu den Terrorattacken hatte sich der Islamische Staat bekannt. Vergangene Woche er­klärte der Polizeichef, alle Täter seien entweder tot oder in Gewahrsam. Doch gestern meldeten sri-lankische Medien die Festnahme eines weiteren Verdächtigen, der mit den Anschlägen in Verbindung stehen soll.

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