Plötzlich sind sie ungebetene Gäste

Fast vier Millionen Syrer leben in der Türkei. Lange Zeit zeigte sich die Gesellschaft tolerant gegenüber den Flüchtlingen und Zuwanderern. Doch auf einmal sollen viele von ihnen gehen.

Gehören in Istanbul längst zum Alltag: Syrische Flüchtlinge nehmen ein Bad im Bosporus. Foto: Erdem Sahin (EPA)

Gehören in Istanbul längst zum Alltag: Syrische Flüchtlinge nehmen ein Bad im Bosporus. Foto: Erdem Sahin (EPA)

Christiane Schlötzer@schloetzer

Im Istanbuler Stadtteil Okmeydani gibt es Strassen, die haben keinen guten Ruf. Die militante kurdische PKK hatte hier eine Art innerstädtische Hochburg. Polizeirazzien waren Alltag. Nun ist es ruhig, geblieben aber ist die Armut, in viele billige Wohnungen sind syrische Flüchtlinge gezogen. Arbeit fanden sie in kleinen Textilbetrieben, legalen und illegalen, in Kellern und hinter abgedunkelten Scheiben. Nun bleiben viele Rollläden unten, Nähmaschinen stehen still.

«Die Syrer haben jetzt Angst, auf die Strasse zu gehen», sagt Menal Acar, «sie fürchten, die Polizei könnte sie festnehmen.» Acar ist 32 Jahre alt, er sagt: «Weil ich einen türkischen Pass habe, kann ich frei sprechen.» Der Innenminister hat Kontrollen in Betrieben angeordnet, die im Verdacht stehen, «nicht registrierte» syrische Flüchtlinge zu beschäftigen. Bis am 20. August sollen sie die Stadt verlassen, so eine Anordnung des Gouverneurs.

«Auf einmal sollen Menschen weg, die schon lange hier sind, praktisch über Nacht», sagt Acar. Er sitzt im Haus eines Flüchtlingsvereins in Okmeydani. Wohlhabende Türken haben es mitfinanziert. Acar spielt hier mit Kindern Theater, als freiwilliger Helfer. Sprachkurse bieten sie auch an und psychologische Hilfe für die vom Krieg Traumatisierten. «Die Leute haben versucht, sich hier eine Existenz aufzubauen, sie haben zur türkischen Wirtschaft beigetragen», sagt Acar.

«Die Hoffnung ist weg»

Neben ihm sitzt Ozan Akdag, der Vorsitzende des Vereins. Er stammt aus Kamischli, an der Grenze zur Türkei. Akdag spricht Kurdisch und ein wenig Türkisch. Er sagt, ein syrischer Freund habe gerade in Istanbul ein Restaurant eröffnet, 200 000 Dollar investiert. «Die Polizei war da. Sie haben gesagt, er muss nach Gaziantep.» Weil er dort als Flüchtling registriert ist. Gaziantep liegt 1150 Kilometer von Istanbul entfernt.

Viele Syrer sind in Orten registriert, wo es weniger Arbeit gibt als am Bosporus. Die Zahl dieser Zuwanderer und all jener Syrer, die ganz ohne Papiere in Istanbul leben, kann man nur schätzen, die Vermutungen gehen weit auseinander: von 30 000 bis 300 000. Eingetragen sind in Istanbul 547 000 Syrer «mit vorübergehendem Schutz», wie es offiziell heisst. Der Innenminister hat zwar inzwischen versichert, nur die «Illegalen» sollten gehen, und wenn sie nicht gingen, würde man sie zwingen. Aber die allgemeine Verunsicherung ist gross. «Die Hoffnung ist weg», sagt Acar. Lange zeigte sich die türkische Gesellschaft tolerant gegenüber den geschätzt fast vier Millionen Menschen, die seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs über die Grenze kamen.

Recep Tayyip Erdogans Partei nannte sie «Gäste», sprach von humanitärer Verpflichtung. Nun aber sagt eine Mehrheit der Türken in Umfragen, die Syrer seien neben der Wirtschaftskrise das grösste Problem. Auch Oppositionspolitiker haben den Ton verschärft. Istanbuls neuer Bürgermeister Ekrem Imamoglu nannte die Flüchtlingsfrage gar ein «Trauma» und beschwerte sich über arabische Schilder. Republikgründer Atatürk hatte einst die arabische Schrift abgeschafft, mit der auch das Türkische geschrieben wurde, um das Land dem Westen anzuschliessen. In Imamoglus säkularer Partei CHP ist die Überzeugung verbreitet, Erdogan wolle mit seiner «Grosszügigkeit» gegenüber den Syrern die Türkei «arabisieren».

In Imamoglus Partei CHP fürchtet man, Erdogan wolle mit der Aufnahme der Syrer die Türkei «arabisieren».

In Istanbul gibt es 47 syrische Vereine, sie haben eine gemeinsame Plattform, für die spricht Mehdi Davut. Er ist Arzt, 37 Jahre alt und seit acht Jahren in der Türkei. In seiner Privatklinik im Stadtteil Fatih, wo sich auch die grössten Istanbuler Sehenswürdigkeiten befinden, sprechen Mediziner und Patienten Arabisch. Die Klinik füllt ein ganzes Haus, Davut sitzt im fünften Stock. «Ich habe die AKP unterstützt», sagt er. Nun kritisiert er, was die Regierung tut. «Sie haben die Wahl in Istanbul verloren, die Syrer zahlen die Zeche.»

Davut sagt, Flüchtlinge würden nach Syrien abgeschoben, über inoffizielle Grenzüber-gänge. «Die Zahlen kennt nur die türkische Polizei.» Der Innenminister bestreitet solche Abschiebungen. Man zwinge die Ab-geschobenen, Erklärungen zu unterschreiben, dass sie «freiwillig» ausreisen, sagt Arzt Davut. Die Formulare findet man inzwischen im Internet.

Kein Integrationskonzept

Auch Familien würden zerrissen, sagt Menal Acar im Istanbuler Stadtteil Okmeydani. Er zeigt ein Video, das ein junger Syrer aufnahm, den man angeblich abgeschoben hat. Der erzählt, er habe seinen Ausweis nicht dabeigehabt, als die Polizei ihn kontrollierte. Man habe ihn gezwungen, das auf Türkisch verfasste Ausreiseformular zu unterschreiben. Überprüfen lässt sich das nicht. Acar sagt, der Druck werde dazu führen, «dass wieder mehr Menschen versuchen, nach Europa zu kommen». Regierungszeitungen beugen möglicher Kritik schon vor. Sie schreiben, die Türkei habe mehr Flüchtlinge aufgenommen als die ganze EU.

Was fehlt, sagen Flüchtlingshelfer, ist ein Konzept zur Inte-gration derjenigen, die nicht zurückkönnen, auch wenn alle Waffen schweigen. Noch immer gehen nicht alle Kinder in die Schule, viele Betriebe beschäftigen Syrer lieber ohne Versicherung. Jeden Tag, sagt der Arzt Davut, würden in Istanbul etwa 90 Babys geboren, deren Eltern Syrer sind. Ihre Zukunft ist ungewiss. 1000 Dollar und mehr verlange das syrische Konsulat für einen Pass, heisst es. Das können sich nur wenige leisten. Aber ins Konsulat wollen viele sowieso nicht gehen, weil sie das Regime, vor dem sie geflohen sind, immer noch fürchten.

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