«Vater der Taliban» in Pakistan erstochen

Eigentlich wollte Sami Ul-Haq an den Massenprotesten gegen den Freispruch der Christin Asia Bibi teilnehmen. Er galt als einer der einflussreichsten Islamisten Pakistans.

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Nachdem islamistische Hardliner in Pakistan am Freitag das Ende ihrer dreitägigen Strassenproteste bekannt gegeben haben, wird der Tod einer der einflussreichsten Islamisten Pakistans mitgeteilt.

Unbekannte hätten Sami Ul-Haq in seinem Haus in der zentralpakistanischen Provinz Punjab niedergestochen und auf ihn geschossen, teilten Behördenvertreter und seine Familie mit.

Ul-Haq hätte am Freitag selbst an den Protesten gegen den Freispruch für Bibi teilnehmen wollen, sei aber von Strassensperrungen aufgehalten worden und nach Hause zurückgekehrt, berichtete sein Sohn dem Nachrichtensender «Geo News». Danach habe Ul-Haqs Chauffeur für 15 Minuten das Haus verlassen. Bei seiner Rückkehr habe er seinen Chef in einer Blutlache in dessen Bett aufgefunden. Im Spital sei er dann den Verletzungen erlegen.

Gründer von «Jihad-Universitäten»

Er wurde zweimal in den Senat, das Oberhaus des pakistanischen Parlaments, gewählt. Ul-Haqs Partei JUI-S war ein Verbündeter der regierenden Tehreek-e-Insaf-Partei von Premierminister Imran Khan, gegen die sich die Proteste richten. Khan verurteilte die Ermordung und ordnete eine Untersuchung an.

Der 81-jährige sunnitische Geistliche ist auch als «Vater der Taliban» bekannt. In seinen Koranschulen, die auch als «Jihad-Universitäten» bezeichnet werden, wurden einst spätere Taliban-Grössen wie Mullah Omar und Dschalaluddin Hakkani ausgebildet

Tausende bei Beerdigung

Pakistan wird seit Tagen von Anti-Blasphemie-Protesten erschüttert. Ob es einen Zusammenhang zwischen den gewaltsamen Demonstrationen gegen den Freispruch der Christin Bibi und der Ermordung des radikalen Klerikers gibt, ist unklar.

Tausende Anhänger haben am Samstag dem ermordeten pakistanischen «Vater» der afghanischen Taliban, die letzte Ehre erwiesen. Die Beisetzung, an der auch der Gouverneur der Provinz Khyber Pakhtunkhwa und zahlreiche andere Politiker sowie Geistliche teilnahmen, wurde direkt im Fernsehen übertragen.

Bibis Anwalt verlässt das Land

Nach der Aufhebung des Todesurteils gegen Asia Bibi hat ihr Anwalt aus Sorge um seine eigene Sicherheit das Land verlassen. «Unter den aktuellen Umständen ist es mir nicht möglich, in Pakistan zu leben», sagte Saif-Ul-Mulook am Samstagmorgen, bevor er in ein Flugzeug nach Europa stieg. Er müsse am Leben bleiben, «weil ich weiter vor Gericht für Asia Bibi kämpfen muss», sagte der 62-Jährige.

Der Oberste Gerichtshof Pakistans hatte am Mittwoch nach acht Jahren das Todesurteil gegen Bibi wegen Gotteslästerung aufgehoben. Er sprach die Frau, deren Fall international für Aufsehen gesorgt hatte, von allen Vorwürfen frei. Nach Bekanntwerden des Urteils kam es in dem konservativ-muslimischen Land zu tagelangen Protesten von Islamisten.

Am Freitagabend erklärte die Islamistenpartei Tehreek-e-Labaik die Massenproteste nach einer Einigung mit der Regierung für beendet. Religionsminister Noor-Ul-Haq Qadri und Informationsminister Fayazulhasan Chohan bestätigten die Einigung. Ein von beiden Seiten unterzeichnetes Fünf-Punkte-Papier, das AFP vorlag, sieht vor, dass sich die Regierung einem Berufungsverfahren nicht entgegenstellt. Zudem soll Bibi die Ausreise aus Pakistan untersagt werden.

«Schmerzhafte» Antwort der Regierung

Ihr Anwalt sagte AFP, die gewaltsame Reaktion der Islamisten auf das Urteil sei «traurig, aber nicht unerwartet». «Schmerzhaft» sei allerdings die Antwort der Regierung. «Sie können nicht einmal ein Urteil des obersten Gerichts des Landes umsetzen», bedauerte er.

Die Einigung zwischen der Regierung und der Islamistenpartei bedeute für Bibi, dass sich an ihrer Lage nichts ändern werde. «Ihr Leben wird mehr oder weniger dasselbe sein, ob es nun in einem Gefängnis ist oder ausserhalb an einem isolierten Ort wegen der Sicherheitsbedenken.»

Örtliche Medien kritisierten die Vereinbarung zwischen Regierung und Islamisten. «Eine weitere Regierung hat vor den gewalttätigen religiösen Extremisten kapituliert, die weder an die Demokratie noch an die Verfassung glauben», hiess es im Leitartikel der Zeitung «Dawn» vom Samstag.

nag/AFP

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