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«Wir hörten Schüsse aus dem Inneren»

Am Tag nach dem blutigen Geiseldrama von Sydney sagt die Polizei, weshalb sie sich zum Sturm des Lindt-Cafés entschied. Weitere Fragen sind offen: Wer ist der Täter, was sein Motiv? Was ereignete sich kurz vor dem Sturm, wer sind die Opfer? Erste Antworten.

Hätten ihre Leben gerettet werden können? Die Bilder der getöteten Geiseln von Sydney in einem Blumenmeer. (18. Dezember 2014)
Hätten ihre Leben gerettet werden können? Die Bilder der getöteten Geiseln von Sydney in einem Blumenmeer. (18. Dezember 2014)
Reuters
Laut dem australischen Premierminister Tony Abbott ein «tief verstörtes Individuum»: Man Haron Monis, der Geiselnehmer im Lindt-Café von Sydney, hier in einer Archivaufnahe vom 18. April 2011.
Laut dem australischen Premierminister Tony Abbott ein «tief verstörtes Individuum»: Man Haron Monis, der Geiselnehmer im Lindt-Café von Sydney, hier in einer Archivaufnahe vom 18. April 2011.
AAP Image, Dean Lewins, Keystone
Die Menschen von Sydney verfolgen hinter der Polizeiabsperrung die Geiselnahme. (15. Dezember 2014)
Die Menschen von Sydney verfolgen hinter der Polizeiabsperrung die Geiselnahme. (15. Dezember 2014)
Reuters
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1. Warum stürmte die Polizei das Café?

Die Spezialeinsatzkräfte der Polizei hatten sich in der Nacht auf heute entschlossen, das «Lindt Chocolat Café» in Sydney zu stürmen. Dabei sei auch der 50-jährige Geiselnehmer Man Haron Monis tödlich getroffen worden. «Wir hörten Schüsse aus dem Inneren», wie der Chef der Bundespolizei des Staates New South Wales, Andrew Scipione, sagte.

Nach einem lauten Knall liefen mehrere Geiseln aus dem Gebäude und die Polizeikräfte drangen in das Café ein. Es waren heftige Schüsse, Rufe und Blitze von Blendgranaten zu hören und zu sehen. «Sie gaben das Signal (zur Stürmung), weil sie glaubten, dass zu diesem Zeitpunkt mehr Leben verloren gehen würden, wenn sie nicht eindringen würden», sagte Scipone. Ein Bombensuchroboter der Polizei fand keine Sprengsätze in dem Gebäude.

Sturm auf das Lindt-Café: Drei Tote bei Polizei-Intervention. (Video: Reuters)

2. Wer sind die Opfer?

Der 50 Jahre alte Geiselnehmer starb beim Sturm auf das Café, nachdem er 16 Stunden lang bis zu 17 Geiseln in seiner Gewalt gehalten hatte. Die weiteren Todesopfer waren nach Polizeiangaben der 34-jährige Manager des Cafés, Tori Johnson, und die 38-jährige Anwältin Katrina Dawson. Die Frau «war eine unserer besten und intelligentesten Anwältinnen», teilte die Anwaltskammer von New South Wales mit. «Sie war eine hingebungsvolle Mutter von drei kleinen Kindern.» Die Frau war mit zwei Kollegen in dem Café, das in unmittelbarer Nähe von Gerichten liegt, als Monis mit einer Schrotflinte das Lokal betrat.

Die Frage, ob die getöteten Geiseln im Schusswechsel mit der Polizei ums Leben kamen oder von dem Geiselnehmer getötet wurden, wollte die Polizei zunächst nicht kommentieren. Aufschluss soll eine forensische Untersuchung bringen.

3. Was ereignete sich im Café kurz vor der Erstürmung?

Was genau ablief, bevor die Polizei das Café stürmte wird ebenfalls noch genauer geklärt werden müssen. Gegenüber ABC gaben nicht näher genannte Quellen an, Manager Johnson habe versucht, Geiselnehmer Monis das Gewehr zu entwinden. Sicher scheint, dass um 2.03 Uhr Lokalzeit sieben weitere Geiseln zur Tür des Cafés herausrannten. Nach einigen Minuten Stille lief Monis umher und schrie die Geiseln an. Dann fiel offenbar ein Schuss im Café – und die Polizei setzte zum Sturm an.

Unter den fünf Verletzten, die der Einsatz auch forderte, war ein Polizeibeamter, dem ins Gesicht geschossen worden war. Auch vier Frauen wurden ins Spital gebracht. Alle Verletzten sind ausser Lebensgefahr, wie die Polizei mitteilte. Laut dem Schweizer Generalkonsul in Sydney, Ernst Steinmann, war unter den Geiseln niemand aus der Schweiz.

4. Was ist das Motiv des Täters?

Das Motiv des Geiselnehmers blieb zunächst unklar. Während des Dramas hatten zwei Personen eine schwarze Flagge mit dem islamischen Glaubensbekenntnis an ein Fenster gehalten. Dies sorgte für Spekulationen über einen jihadistischen Hintergrund. Der frühere Anwalt des radikalen und vorbestraften Iraners schloss allerdings ein terroristisches Motiv aus.

Die Geiselnahme hatte am Montag mit der Hauptgeschäftszeit im Zentrum von Sydney begonnen. Nach rund sechs Stunden konnten zunächst drei Männer aus dem Gebäude herauskommen. Wenig später flohen zwei Frauen, offenbar Angestellte des Cafés. Es wird vom Schweizer Schokoladenhersteller Lindt betrieben, der sich tief betroffen zeigte. Das Unternehmen werde den Opfern und deren Angehörigen jegliche Unterstützung zukommen lassen, hiess es in einer Mitteilung vom Firmenhauptsitz in Kilchberg ZH. Er sei «schockiert und zutiefst traurig», liess sich Konzernchef Ernst Tanner zitieren.

5. Was sagen die Politiker?

Premierminister Tony Abbott sagte, Monis habe «eine lange Geschichte der gewalttätigen Kriminalität, Verblendung durch Extremismus und mentaler Instabilität» hinter sich. Der Geiselnehmer habe versucht, seine Tat mit dem «Todeskult» der Terrormiliz Islamischer Staat auszuschmücken. «Tragischerweise gibt es Menschen in unserer Gemeinschaft, die bereit sind, sich an politisch motivierter Gewalt zu beteiligen.»

Für empörte Reaktionen sorgte die Nachricht, dass der Mann unter Kaution auf freiem Fuss war, weil er in die Tötung seiner Ex-Frau verwickelt sein soll. Es werde zu untersuchen sein, wie der Mann durch «die Maschen fallen» konnte, sagte der Justizminister des Gliedstaates New South Wales, Brad Hazzard, der australischen Nachrichtenagentur AAP.

6. Wie reagiert die Bevölkerung?

Während der Geiselnahme sicherten Zehntausende Australier vor dem vermuteten islamistischen Hintergrund in dem Land lebenden Muslimen ihre Solidarität zu. Rachel Jacobs schrieb auf Facebook unter dem Hashtag #IllRideWithYou, sie habe gesehen, wie eine muslimische Frau in einem Zug ihr Kopftuch entfernt habe, offenbar aus Furcht vor Übergriffen. Daraufhin habe sie angeboten, die Frau nach Hause zu begleiten. Auf Twitter boten daraufhin viele weitere Nutzer an, Fahrgäste in islamischen Gewändern zu begleiten, wenn sie sich unsicher fühlten.

#IllRideWithYou-Tweets Am Tag nach der dramatischen Geiselnahme haben unzählige Menschen in Gedenken an die Opfer Blumen in der Nähe des Tatorts niedergelegt. Fernsehbilder zeigten, wie am Dienstagmorgen (Ortszeit) etliche Menschen an den Martin Place strömten. Die Australien-Flaggen auf der weltberühmten Sydney Harbour Bridge hingen am Dienstag auf Halbmast.

SDA/rub

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