Zum Hauptinhalt springen

«Wir sind eigentlich schon fast tot»

Sie sind eine der meistverfolgten Minderheiten der Welt: Die muslimischen Rohingya in Burma. Zehntausende leben in Flüchtlingslagern – unter erbärmlichen Umständen. Von dort wollen sie weg. Ihr Ziel: Malaysia.

wid
Haben ihr Zuhause verloren: Muslimische Flüchtlinge im Camp in der Stadt Sittwe. (30. Oktober 2012)
Haben ihr Zuhause verloren: Muslimische Flüchtlinge im Camp in der Stadt Sittwe. (30. Oktober 2012)
Keystone
...es fehlt an Nahrung, Medikamenten und Sanitäranlagen: Zeltlager in Staat Rakhine. (30.Oktober 2012)
...es fehlt an Nahrung, Medikamenten und Sanitäranlagen: Zeltlager in Staat Rakhine. (30.Oktober 2012)
Keystone
Viele starben bei den Gefechten zwischen Muslimen und Buddhisten: Mitglieder der Armee in Sittwe. (30.Oktober 2012)
Viele starben bei den Gefechten zwischen Muslimen und Buddhisten: Mitglieder der Armee in Sittwe. (30.Oktober 2012)
AFP
Die Bevölkerung Burmas ist zu 90 Prozent buddhistisch: Eine Muslime in einem Lager an der Grenze zu Bangladesch. (30.Otkober 2012)
Die Bevölkerung Burmas ist zu 90 Prozent buddhistisch: Eine Muslime in einem Lager an der Grenze zu Bangladesch. (30.Otkober 2012)
Reuters
Sind ständig auf der Flucht: Ein muslimischer Junge in einem Flüchtlingslager in Kyukphyu. (30. Oktober 2012)
Sind ständig auf der Flucht: Ein muslimischer Junge in einem Flüchtlingslager in Kyukphyu. (30. Oktober 2012)
Reuters
1 / 7

In dem schlammigen Flüchtlingslager im Westen Burmas macht Rahima ihrer Verzweiflung Luft: «Wir sind doch eigentlich fast schon tot – ich will weg, fort in ein anderes Land!» So wie der 55-Jährigen geht es tausenden Angehörigen der muslimischen Minderheit der Rohingya. Sie alle verloren durch die jüngsten ethnischen Unruhen in Burma ihr Zuhause.

«Ich habe nichts zu essen», klagt Rahima, deren Mann und 25 Jahre alter Sohn im Juni bei den Kämpfen zwischen Muslimen und Buddhisten getötet wurden: «Wie lange nur können wir hier noch weiterleben?»

«Hier», das ist das Flüchtlingslager Say Thamagyi, das aus weissen Zelten besteht, aus Bambushütten und an manchen Stellen auch einfach nur aus aufgespannten Planen: Hier leben knapp zehntausend Rohingyas. Zehntausende weitere sind vor dem mörderischen Konflikt zwischen Muslimen und Buddhisten geflohen. Sie hausen nun unter erbärmlichen Umständen ausserhalb von Sittwe, der Hauptstadt des westbirmanischen Bundesstaats Rakhine.

Zu wenig Lebensmittel und Sanitäranlagen

Das Lager Say Thamagyi liegt nur wenige Kilometer vom Zentrum Sittwes entfernt, doch dort hinzukommen ist schwierig: Flüsse müssen überquert werden, die durch die letzten Regenfällen des Monsun Hochwasser führen.

Korrespondenten der Nachrichtenagentur AFP hatten das Lager unmittelbar vor dem Beginn der neuen Unruhen Ende Oktober besucht, die tausende weitere Menschen in die Flucht trieben. Schon beim Besuch der Korrespondenten fehlte es in dem Lager an allem – an Lebensmitteln, an Medikamenten, an Sanitäranlagen.

Die meisten fliehen

«Es ist ein richtiger Leidensweg», sagt der in Say Thamagyi lebende Mohammed Ismael mit Tränen in den Augen: Alles hätten er und seine Leidensgenossen zurücklassen müssen. Und auch die Hoffnung hat der 32-Jährige unterwegs verloren.

«Sobald die Regenzeit endet, ziehen wir los», meint er und spricht damit für viele Angehörige seiner Volksgruppe. Für sie alle scheint dies der letzte Ausweg zu sein. Die Vereinten Nationen und Hilfsorganisationen fürchten bereits eine regelrechte Welle von Bootsflüchtlingen in den kommenden Monaten.

«Höchstwahrscheinlich wird die Zahl der Rohingya, die ihr Heil im Weg aufs offene Meer suchen, noch in diesem Jahr deutlich anstiegen», sagt Matthew Smith von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Dass die Menschen sich auf ein derart gefährliches Abenteuer einlassen wollten, zeige «das Ausmass der Verzweiflung».

90 Prozent buddhistisch

Die Bevölkerung Burmas ist zu fast 90 Prozent buddhistisch. Etwa vier Prozent der Bewohner sind Muslime. Etwa 800'000 Rohingya leben im Bundesstaat Rakhine. Nach UN-Einschätzung sind sie eine der meistverfolgten Minderheiten weltweit - seit Jahrzehnten massiven Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit, begrenztem Zugang zu Bildung und Gesundheitswesen, Enteignung und Zwangsarbeit unterworfen.

Schon in der Vergangenheit sahen sich deshalb viele Angehörige der Minderheit zur Flucht gezwungen: Zwei Wellen mit je rund einer Viertelmillion Rohingya-Flüchtlingen trafen 1978 und in den Jahren 1991 und 1992 in Bangladesh ein - die Geflohenen wurden später rückgeführt. Jetzt will Bangladesh keine neuen Flüchtlinge mehr, die Lager um Sittwe sind nach Angaben der UNO bereits überfüllt. Die Rohingya setzen auf Malaysia als neue Heimat.

Neue Hoffnung: Malaysia

Zwischen Herbst 2011 und Mai 2012 verliess eine Rekordzahl von sieben- bis achttausend Rohingya Rakhine oder Bangladesh auf Schiffen. Sie alle wollten ihr Glück in Malaysia machen, wo nach offiziellen Angaben bereits mehr als 20'000 Rohingya leben, wie Chris Lewa von der Hilfsorganisation The Arakan Project erklärt, das Flüchtlingsströme beobachtet. Dieses Jahr begann die Migration bereits vor Ende des Monsuns - auch ein Zeichen der Verzweiflung der Rohingya.

Der 23-jährige Nur Islam verliess Sittwe schon vor Wochen: «Ich war zwei Wochen lang auf einem Schiff - ohne Nahrung», sagt er in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur: «Ich dachte, ich muss sterben.» Wegen der Gefahren in seiner Heimat sei er «einfach weggegangen», und er werde «nie mehr» zurückkehren.

(AFP)

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch