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Xi Jinpings China erlebt sein Tschernobyl

Viele Chinesen zweifeln angesichts der Ausbreitung des Coronavirus an ihrer Regierung und deren Krisenmanagement.

Lea Deuber, Peking
Eine Anzeigetafel zeigt eine stornierte Flugankunft aus Wuhan am internationalen Flughafen in Peking. Die Reisenden tragen zu ihrer Sicherheit Schutzmasken. Foto: Mark Schiefelbein/AP-Foto
Eine Anzeigetafel zeigt eine stornierte Flugankunft aus Wuhan am internationalen Flughafen in Peking. Die Reisenden tragen zu ihrer Sicherheit Schutzmasken. Foto: Mark Schiefelbein/AP-Foto

Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl und der Ausbruch des Corona­virus in China sind in ihrer Schwere zwar nicht miteinander zu ver­gleichen. Aber auf der Suche nach einer Analogie für das, was in diesen Tagen im Land passiert, blicken in China nun viele Menschen zurück auf die Tage im Frühjahr 1986. Anderes Land, gleiche Lügen, schreiben sie in den sozialen Netzwerken.

Wuhan wie Tschernobyl? Es ist ein Vergleich, der Peking nervös macht. Die Kommunistische Partei ist ge­trieben von der Angst, dass ihr die Macht eines Tages entgleiten könnte wie einst dem Regime in Moskau. Die Kommunistische Partei stellt sich als KP dar, die alles im Griff hat. Parteichef Xi Jinping betont stets die florierende, stabile und harmonische Gesellschaft im Land. Harmonisch ist in diesen Tagen aber nichts.

Im Netz werden Aufnahmen aus überfüllten Krankenhäusern geteilt. Ärzte, die nach Wuhan geschickt werden, verabschieden sich von ihren Angehörigen, als würden sie sich nie wiedersehen. Reisende aus den isolierten Regionen werden behandelt wie Aussätzige. Menschen in Supermärkten kämpfen um die letzten Schutzmasken. An einigen Über­gängen nach Hongkong und Macao drängen sich Menschen, weil sie versuchen, noch in die Sonderverwaltungszonen zu gelangen, bevor diese ihre Grenzen dichtmachen. Selbst die Peking-freundlichen Parteien in Hongkong sprechen sich jetzt dafür aus, sich von den Festlandchinesen abzuschotten.

Durch die hierarchische Bürokratie werden in China Probleme häufig erst bekannt, wenn sie die Zentralregierung erreicht haben. Zu diesem Zeitpunkt sind sie dann nicht selten schon ein ernst zu nehmendes Problem.

Selbstverständlich herrscht nicht überall im Land Chaos. Ein Grossteil der Menschen verbringt die Festtage zu Hause und geht nur raus, wenn es wirklich nötig ist. Doch die vergangenen Tage haben viele Menschen verunsichert. Der von Peking propagierte Glaube, das chinesische System sei effizient und stark, den westlichen Demokratien überlegen, gerät ins Wanken.

In der Sowjetunion gaben die Behörden den Nuklearunfall 1986 erst zu, als es unwiderlegbare Beweise ausserhalb der Regierungskreise gab. In Wuhan wussten die Behörden bereits am 8. Dezember von einem ersten Infizierten. Die offizielle Warnung folgte aber erst am 30. Dezember, drei Wochen später. Am 20. Januar teilte die Regierung mit, die Krankheit habe sich auf Städte ausserhalb von Wuhan ausgebreitet. Tage zuvor hatten bereits Thailand und Japan Krankheitsfälle gemeldet. Ein «patriotisches Virus» sei das, da es nur Ausländer befalle, spotteten die Chinesen.

Auch das Wissen, dass das Virus sich von Mensch zu Mensch überträgt, veröffentlichten die Behörden nur verzögert. Zur gleichen Zeit reisten Millionen Menschen quer durchs Land auf dem Weg in den Urlaub. Während es zunächst so aussah, als hätte China etwas aus dem Ausbruch des Sars-­Virus 2003 gelernt, scheint nun das Gegenteil richtig.

Der Bürgermeister von Wuhan sagte im Staatsfernsehen, dass die Lokalregierung nicht rechtzeitig über den Ausbruch informieren konnte, weil ihr die Genehmigung gefehlt habe. Durch die hierarchische Bürokratie werden in China Probleme häufig erst bekannt, wenn sie die Zentralregierung erreicht haben. Zu diesem Zeitpunkt sind sie dann nicht selten schon ein ernst zu nehmendes Problem. Niemand ist zudem gerne der Überbringer schlechter Nachrichten. Probleme werden geschönt oder zurückgehalten im Versuch, sie zu lösen, bevor sie auf höheren Ebenen auffallen.

Um die Zensur zu umgehen, nennen die Menschen den Parteichef Xi Jinping nun einfach Donald Trump.

Die KP hat weitreichende Macht über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. In zehn Tagen wollte die Regierung ein Krankenhaus mit 1000 zusätzlichen Betten bauen. Die Aufnahmen davon gingen um die Welt. Gemäss einer chinesischen Zeitung soll der Bau sogar bereits nach 16 Stunden fertig gewesen sein. Das war gelogen und sorgte für neuen Zorn in der Bevölkerung. In der Krise zeigt sich auch, was es bedeutet, wenn es keine zivilgesellschaftlichen Akteure gibt, denen die Menschen Vertrauen schenken.

Chinas Regierung ist zwar über Nacht in der Lage, Dutzende Bagger für den Bau eines Krankenhauses heranzuschaffen. Oder eine Provinz zu isolieren, in der mehr Menschen leben als in Spanien.

Doch in den vergangenen Tagen hat sich das nur vermeintlich als Stärke entpuppt. Das Neujahrsfest ist in China ungefähr so wie bei uns Weihnachten, Ostern und Sommerferien zusammen. Die Entscheidung, das Fest für 50 Millionen Menschen ab­zusagen, erweckte bei vielen den Eindruck, dass wohl mindestens eine Zombie-Apokalypse anstehen müsste. Wieso sonst würde die Regierung zu so drastischen Massnahmen greifen.

In den sozialen Netzwerken lässt sich in diesen Tagen ungewöhnlich viel über die neue Unsicherheit der ­Menschen lesen. Um die Zensur zu umgehen, nennen die Menschen den Parteichef Xi Jinping nun einfach Donald Trump. Und die Coronavirus-Krise ist sein Tschernobyl. Anderes Land, gleiche Lügen.

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