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Das Szenario des ungeordneten Brexit wird zum Albtraum

Die britische Regierung trifft Vorbereitungen für den «harten» Austritt aus der EU. Experten warnen vor einem Desaster. Die Befürworter sprechen hingegen von Panikmache.

Welche Folgen zeitigt der Brexit wirklich? Werk des britischen Streetart-Künstlers Banksy in Dover (Mai 2017). Foto: Carl Court (Getty Images)
Welche Folgen zeitigt der Brexit wirklich? Werk des britischen Streetart-Künstlers Banksy in Dover (Mai 2017). Foto: Carl Court (Getty Images)

So lange ist es noch gar nicht her, dass die Brexiteers ihren Landsleuten ein «goldenes Zeitalter» prophezeiten. Post Brexit, schwärmten sie, breche eine Epoche glorioser neuer Handelsfreiheit, kommerzieller Blüte und ungeahnten Wohlstands an. Denn nicht nur würden sich ferne Staaten um frische Handelsverträge mit Grossbritannien reissen: Die EU selbst werde in London aus purem Eigennutz um weiteren reibungslosen Warenverkehr mit dem Vereinigten Königreich betteln, versicherten sie immer wieder.

Mittlerweile, acht Monate vor dem Austrittsdatum, ist es still geworden um Versprechen dieser Art. Statt die blau-weiss-roten Feiergirlanden aufzuhängen, will die Regierung in diesem Sommer Bürger und Kleinun­ternehmen mittels 70 amtlicher Mitteilungen darüber aufklären, wie sie sich auf den Austritt vorbereiten sollen, falls es zu keiner Vereinbarung mit Brüssel kommt.

Führerscheine ungültig

Theresa May, so viel ist jetzt bereits klar, sieht bei ihrer «No Deal»-Planung harsche Zeiten voraus. Regierung und Behörden befürchten, dass es nach dem EU-Austritt praktisch über Nacht zu Engpässen bei der Anlieferung von Lebensmitteln vom Kontinent, zu leeren Regalen in britischen Supermärkten kommen würde. Dringend erfor­derliche Medikamente, ist die zweite Sorge, könnten plötzlich ausbleiben. Militärmaschinen müssten eingesetzt werden, um das am dringendsten Benötigte aus der EU herbeizuschaffen und es im Lande zu verteilen. Gigantische Staus würden sich an den Grenzen, vor allem in Dover, bilden, fürchten die Planer.

Auf einer Autobahn zur Küste, der M26, sind bereits einzelne Fahrspuren fürs Abstellen Tausender von Lastwagen auf einer Strecke von über 20 Kilometer Länge vorgesehen. Permanentes Verkehrschaos in der Südostecke Englands, von London hinunter zur Küste, wird erwartet – ironischerweise in einem Gebiet, in dem es be­sonders viele Brexit-Befürworter gibt.

«Es ist nicht zu spät, den Brexit zu retten»: Boris Johnson rechnet ab. (Video: Tamedia/AFP)

Und das wäre nicht alles. Ohne Notverträge mit der EU könnten Flugzeuge nicht mehr abheben, Tunnelzüge nicht mehr rollen, Atomreaktoren nicht mehr betrieben werden. Verträge aller Art verlören ihre Gültigkeit. Britische Autofahrer brauchten internationale Führerscheine, um überhaupt «nach Europa» zu kommen.

Sieben Millionen solcher Dokumente pro Jahr müssten gedruckt werden. Wie soll das gehen? Drei Millionen EU-Bürger in Grossbritannien würden ohne Austrittsvereinbarung unmittelbar zu illegalen «Aliens», zu Fremdkörpern, werden. Britische Urlauber und in der EU lebende Briten aber müssten sich private Krankenversicherungen zulegen, falls der EU-Gesundheitspass sie nicht mehr einbezieht.

«Absoluter Unfug»

Gewisse Renten an britische Expats im EU-Gebiet würden womöglich nicht mehr ausgezahlt – was eine Massenrückwanderung nach sich ziehen könnte. Binnen zwei Wochen post Brexit könnten sogar «innere Unruhen» auf der Insel ausbrechen, hat der für Grossbritannien zuständige Direktor des Unternehmens Amazon, Doug Gurr, gewarnt.

«Potenziell horrende Konsequenzen» befürchtet auch der an aller Planung beteiligte Generaldirektor der Staatsbeamtenschaft Grossbritanniens, John Manzoni. Labours Schatten-Gesundheitsminister Justin Madders spricht schon von einem «Endzeitszenario» fürs Vereinigte Königreich. Das halten die meisten Brexiteers im Lande natürlich für «absoluten Unfug». Wieder einmal, klagen sie, suchten Brexit-Gegner ihren Mit­bürgern auf ganz plumpe Weise Angst einzujagen. Nach den Weltuntergangswarnungen beim Brexit-Referendum vor zwei Jahren, die sich nie erfüllten, habe man es hier mit einem neuen, einem zweiten «Projekt Furcht» zu tun. Und leider beteilige sich an der Hysterie auch die Regierung, um im Herbst im Parlament ihre eigenen Brexit-Pläne durchzudrücken.

Genau weiss natürlich niemand, was eine «No Deal»-­Situation für Britannien bedeuten würde. Aber auch Topminister des May-Kabinetts haben in den letzten Tagen einräumen müssen, dass sie jetzt in grösster Eile Vorbereitungen für den «Ernstfall» treffen. Brexit-Minister Dominic Raab etwa hat gelobt, er werde «sicherstellen, dass es an Lebensmittelvorräten nicht fehlt», sollte der Warenfluss vom Kontinent ins Stocken kommen. Das eigentliche Horten von Lebensmitteln komme allerdings nicht der Regierung, sondern der Lebensmittelindustrie zu, sagte Raab.

Falls die Zulieferung ausbleibe, könne fast die gesamte britische Lebensmittelbranche «in 18 bis 36 Stunden» komplett zum Stillstand kommen.

Das hat dem Minister, der selbst ein Brexit-Hardliner ist, spöttische Kommentare eingetragen. Fachleute weisen darauf hin, dass es weder genug Lagerraum für haltbare Ware noch ausreichend Möglichkeiten zum Einfrieren oder Kühlen von Lebensmitteln in Südengland gibt. Wo Lebensmittel verarbeitet würden, sei man ausserdem auf steten Zufluss frischer Zutaten aus anderen EU-Ländern angewiesen. Falls diese Zulieferung ausbleibe, warnte ein Experte, könne fast die gesamte britische Lebensmittelbranche «in 18 bis 36 Stunden» komplett zum Stillstand kommen.

Die bittere Wahrheit, meint das Konsortium des britischen Einzelhandels, sei doch, dass ein radikaler Bruch mit der EU das Risiko mit sich bringe, «dass Lebensmittel in den Häfen verrotten». Immerhin, erklärt der Verband britischer Warendepots, führe Grossbritannien knapp die Hälfte all seiner Lebensmittel aus dem Ausland ein: «Von diesen Importen aber kommen 80 Prozent aus Europa.»

«Wie ein Erdbeben» würde ein abruptes Ende des Freihandels mit Europa das Vereinigte Königreich erschüttern, urteilte kürzlich schon der Wirtschaftsausschuss des Unterhauses. Fieberhaft bereiteten sich die meisten Unternehmen im Lande jetzt auf den «Ernstfall» vor, hat der britische Industriellenverband CBI mitgeteilt. Bedauerlicherweise fehle es vielen Firmenchefs aber an konkreter Information.

Tausend Gesetze nötig

5000 zusätzliche Zollbeamte werden, den britischen Steuerbehörden zufolge, im Falle des Falles benötigt. 1100 sind bisher erst eingestellt worden. Rund 1000 neue Gesetze müssten vom Parlament verabschiedet werden, damit alles irgendwie weiterläuft. Nachdrücklich hat Premierministerin Theresa May, bevor sie sich für drei Wochen in die Hochalpen absetzte, ihren Landsleuten versichert, sie brauchten sich «keine Sorgen zu machen» wegen der nun anlaufenden Vorbereitungen. Die Regierung mühe sich ja weiter um Verständigung mit der EU, um «einen guten Deal».

Doch in London ist zunehmend von einem «Sturz in den Abgrund» die Rede. «Wir lassen uns doch nicht von unserem eigenen Schatten in die Ecke drängen», reagierte Brexit-Minister Dominic Raab darauf unwirsch. Natürlich werde man es «kurzfristig» mit «etwas Un­gewissheit» zu tun haben. Aber «unsere besten Tage liegen noch vor uns».

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