Der Favorit der Demokraten gerät aus der Spur

Joe Biden wirkte bei der demokratischen TV-Debatte in Miami wie ein Mann von gestern. Das lag auch an Kamala Harris.

In Miami trafen bei der zweiten Runde der TV-Debatte der demokratischen Präsidentschaftsbewerber zahlreiche politische Schwergewichte aufeinander. (Video: Reuters/Tamedia)
Martin Kilian@tagesanzeiger

Die erste Debatte der demokratischen Präsidentschaftsbewerber am Mittwoch war ein blosses Vorspiel. Denn gestern Abend stritten bei der zweiten TV-Diskussionsrunde in Miami die Schwergewichte der Partei: die Senatoren Bernie Sanders und Kamala Harris, der Bürgermeister Pete Buttigieg – und Joe Biden. Zwei Hauptfiguren standen dabei im Mittelpunkt, abwesend der eine, weil als Präsident beim G-20-Gipfel im japanischen Osaka, Biden die andere Hauptfigur.

Blieb Donald Trump bei der Debatte der ersten Zehn am Mittwoch weitgehend unerwähnt, so droschen seine potenziellen demokratischen Gegner gestern teils vehement auf ihn ein. Veränderung und Wandel lagen in Miami in der Luft. «Die alten Wege funktionieren nicht mehr», erklärte Sanders apodiktisch, der demokratische Sozialist, der eine politische Revolution will.

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Kamala Harris wusste den TV-Auftritt zu nutzen

Am anderen Ende des Spektrums steht Joe Biden. «Fundamental verändern» werde sich nichts, falls er ins Weisse Haus einziehe, hatte Biden kürzlich vor reichen Geldgebern erklärt. Gestern stellten ihm die Jüngeren nach, vor allem Kamala Harris, die Bidens seinerzeitige Zusammenarbeit mit Südstaaten-Rassisten wie South Carolinas Strom Thurmond und Mississippis James Eastland scharf kritisierte. Vor langer Zeit war das, als Biden noch im Senat sass und sich von den mächtigen Südstaatlern ein wenig protegieren liess.

Es sei «an der Zeit, den Stab weiterzugeben», verlangte der Kongressabgeordnete und Präsidentschaftskandidat Eric Swalwell mit Blick auf Biden, den Oldtimer. Der stand in der Mitte der Bühne, Spitzenreiter im grossen Kandidatenfeld zwar, doch plagen die Partei Zweifel, ob er der Richtige sei, es mit Donald Trump aufzunehmen. Denn die Demokratische Partei, das zeigte auch die gestrige Debatte, ist seit 2016 stetig nach links gerückt, indes Joe Biden dort verharrte, wo er stets zu finden war: in der politischen Mitte.

Die Kalifornierin Kamala Harris überzeugte in der TV-Debatte. Foto: Reuters

Gewiss, er wirkte in Miami abgeklärt, auch war er der Einzige, der Migranten aus den implodierenden zentralamerikanischen Nationen nicht einfach in die Vereinigten Staaten hereinlassen möchte, sondern Zentralamerika durch ein Hilfsprogramm stabilieren will. Dennoch: Biden, der treue Fusssoldat Barack Obamas und dreifache Präsidentschaftskandidat, hatte gestern am meisten zu verlieren – und er verlor, besonders im Vergleich zu Kamala Harris.

Die Kalifornierin nutzte ihren TV-Auftritt vor einem Millionenpublikum, um sich wohl endgültig in die erste Garde der demokratischen Kandidaten zu schieben. Biden dagegen wirkte wie ein Überbleibsel einer vergangenen Ära, ein aufrechter Mann, der allen Ernstes glaubt, woran schon Barack Obama glaubte und gescheitert war: Dass es nämlich möglich sei, mit der Republikanischen Partei Donald Trumps und Senator Mitch McConnells zusammenzuarbeiten.

Joe Biden als Staatsmann in der Dämmerung

Als Senator baute Biden Brücken zum anderen Lager, längst aber sind diese Brücken eingestürzt. Hatte die Republikanische Partei ihren langen Marsch nach rechts und schliesslich in die Arme Donald Trumps vor geraumer Zeit begonnen, so marschiert nun auch die Demokratische Partei weg aus der politischen Mitte.

Joe Biden wirkt deplatziert in dieser sich neu formierenden Partei, mit ihren Powerfrauen und einflussreichen Minderheiten, ihren Jungen und einer neuen Generation politischer Macher.

Ob sie damit die Präsidentschaftswahl 2020 gewinnen wird, sei dahingestellt. Joe Biden aber wirkt deplatziert in dieser sich neu formierenden Partei, mit ihren Powerfrauen und einflussreichen Minderheiten, ihren Jungen und einer neuen Generation politischer Macher.

In Miami trat er als Staatsmann in der Dämmerung auf, ein Mann des politischen Ausgleichs, den es in Washington nach Trump so nicht mehr gibt. In allen Umfragen lag Biden bislang an der Spitze des demokratischen Kandidatenfelds, vor Bernie Sanders und der Senatorin Elizabeth Warren, vor Pete Buttigieg und Kamala Harris. Wie lange er dort verbleiben wird? Nach der gestrigen Debatte ist Skepsis angebracht, denn die demokratische Karawane ist seit Barack Obamas zwei Wahlsiegen weitergezogen. Womöglich wird sie den einstigen Senator und Vizepräsidenten hinter sich lassen.

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