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75'000 Tafeln im Trottoir

Mit seinen «Stolpersteinen» erinnert der deutsche Künstler Gunter Demnig seit Jahrzehnten an Nazi-Opfer.

Hans Brandt
Gunter Demnig produziert jeden Monat bis zu 440 Gedenksteine. Foto: Thomas Peter (Reuters)
Gunter Demnig produziert jeden Monat bis zu 440 Gedenksteine. Foto: Thomas Peter (Reuters)

Jede kleine Messingtafel, im Trottoir eingelassen vor einem Haus, zwingt den Betrachter zu einer kleinen Verbeugung. Wer sie genau lesen will, muss sich hinunterbeugen. «Hier wohnte», steht dann dort, gefolgt von den Namen von Juden, Sinti oder Roma, die von den Nationalsozialisten verschleppt und ermordet wurden, die selbst ins Exil gingen und dort starben oder sich das Leben nahmen.

1992 verlegte Gunter Demnig den ersten solchen «Stolperstein» (der Begriff ist gesetzlich geschützt). Inzwischen sind sie in mehr als 1200 deutschen Gemeinden und in 24 europäischen Staaten zu finden, darunter auch in der Schweiz. Kurz vor Beginn des neuen Jahres kam «Stolperstein» Nummer 75'000 dazu – im süddeutschen Memmingen. Für den 72-jährigen Künstler sind sie zum Lebenswerk geworden.

Demnig, der in Berlin Kunst studierte, hatte schon früh an Denkmälern gearbeitet. Zehntausende Kilometer ist er jedes Jahr unterwegs, haupt­sächlich in Deutschland, derzeit aber auch in Italien. Jeder kleine Beton­quader wird von ihm persönlich hergestellt in seiner Werkstatt in Alsfeld nördlich von Frankfurt am Main. «Es ist jeder Stein individuell gefertigt, weil auch jedes Opfer sehr individuell war», sagt Demnig. Er nennt das Projekt das «grösste de­zentrale Mahnmal der Welt».

Es gibt auch Widerstand gegen die Mahnmale

Als Anstoss zum Nachdenken sind die Gedenktafeln im Trottoir ein grosser Erfolg. Jede Verlegung ist ein Ereignis, an dem Nachbarn, Politiker oder Schulklassen teilnehmen. Auch die Überraschung, die viele spüren, wenn sie sehen, wo überall das Naziregime zuschlug, führt zu Diskussionen. An jedem 9. November werden an «Stolpersteinen» Kerzen angezündet und Blumen niedergelegt, zur ­Erinnerung an die sogenannte Reichs­pogromnacht, in der 1938 Synagogen und jüdische Einrichtungen in ganz Deutschland zerstört wurden.

Er habe sich für die Verankerung im Boden auf öffentlichem Grund entschieden, weil viele Hausbesitzer eine Gedenktafel an ihrem Haus nicht zugelassen hätten, sagt Demnig. Doch das ist durchaus umstritten. So meint etwa Charlotte Knobloch, Holocaustüberlebende und Präsidentin der jüdischen Gemeinde in München, dass die Tafeln auf dem Gehweg dazu führen, dass die Erinnerung an die Verstorbenen «mit Füssen getreten» werde. München hat deshalb die Genehmigung für «Stolpersteine» immer verweigert; lediglich auf privatem Grund gibt es einige Dutzend.

Widerstand gegen die Steine gibt es auch in rechtsradikalen Kreisen. In Greifswald in Ostdeutschland hatten Unbekannte in der Nacht zum 9. November 2012 elf Gedenktafeln aus dem Boden gebrochen und die Stadt dann zur «stolpersteinfreien Zone» erklärt. Das löste nicht nur Empörung, ­sondern auch eine Welle von Spenden aus. Inzwischen gibt es in Greifswald viele Dutzend «Stolpersteine».

In der Schweiz wurden die ersten Steine 2013 in Kreuzlingen verlegt. In Spanien erinnern inzwischen ähnliche Steine an die Opfer des Franco-­Faschismus. Demnig selbst stösst an seine Grenzen – mehr als 440 «Stolpersteine» pro Monat kann er nicht herstellen. Aber er will weitermachen, solange seine Gesundheit es zulässt.

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