England sehen und sterben

Es ist eine von derzeit vielen tragischen Geschichten. Sie handelt von zwei jungen Syrern, die nach Dover hinüberschwimmen wollten.

Die Küste von Dover wirkt so nah: Der Ärmelkanal misst an seiner schmalsten Stelle 34 Kilometer. Foto: Marvin Woodyatt (Alamy)

Peter Nonnenmacher@tagesanzeiger

Monatelang war es ein Rätsel, das niemand zu lösen wusste. Im vorigen Oktober wurde an der norwegischen Küste die Leiche eines jungen Mannes entdeckt. Anfang dieses Jahres fand man die Überreste eines zweiten Mannes, viele Hundert Kilometer entfernt, am Nordseestrand in Texel in den Niederlanden. Beide Toten aber steckten in identischen, schwarzgrauen 5-mm-Tribord-Subea-Taucheranzügen, Grösse M.

Erst als Reporter der Osloer Zeitung «Dagbladet» der Sache mithilfe der Fertigungsnummern der Anzüge nachgingen, Flüchtlingsgruppen aufspürten und DNA-Proben nahmen, kamen sie der Lösung des Rätsels auf die Spur. Beide Taucheranzüge, stellte sich heraus, waren gleichzeitig in einer Filiale der französischen Sporthandelskette Decathlon gekauft worden. Die Filiale befindet sich am Stadtrand von Calais. Und der Kauf fand am 7. Oktober letzten Jahres, um 8 Uhr abends, statt. 256 Euro wurden für die Taucheranzüge bar auf den Ladentisch geblättert. Der Preis schloss zwei Paar Handpaddel, zwei Schnorchel, zwei Tauchermasken und zwei Paar Schwimmflossen ein. Die Käufer, erinnerte sich die Verkäuferin, waren zwei Männer in ihren Zwanzigern gewesen, offenbar aus dem Nahen Osten.

Übers Mittelmeer gekommen

Es waren zwei junge Syrer – auch das fanden die norwegischen Reporter heraus. Der eine war ein 22-jähriger Elektroingenieur-Student namens Mouaz al-Balkhi, dessen Onkel Badi im nordenglischen Bradford lebte. Mouaz war, als es in Syrien nicht mehr ging, seiner nach Jordanien geflohenen Familie ins Exil gefolgt. Er schlug sich danach weiter in die Türkei und von dort nach Nordafrika durch und hoffte, in England zur Uni zu gehen.

Der andere hiess Shadi Omar Kataf und war sechs Jahre älter als Mouaz. Shadi stammte wie Mouaz aus Damaskus und war aus einem Lager geflohen, das in die Hände des IS fiel. Er arbeitete eine Zeit lang in Libyen in einer Druckerei, träumte aber offenbar davon, als Sporttaucher in Italien seinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Tauchen war seine Leidenschaft. Der Besitzer der Druckerei hatte es ihm angeblich bei­gebracht.

Beide Männer scheinen im vorigen August übers Mittelmeer gekommen zu sein. Sie wurden, wie so viele andere, von der italienischen Marine aufgefischt. Ob sie sich bereits auf dem Meer oder erst später, in Frankreich, kennen lernten oder sich vielleicht schon vorher gekannt hatten, weiss niemand zu sagen. Klar ist, dass beide am 7. Oktober vorigen Jahres in Calais auftauchten.

An diesem Tag nämlich transferierte Shadis Familie das Geld nach Calais, das die Familie gesammelt hatte, um ihm zu helfen. Und am selben Tag noch telefonierten beide Flüchtlinge – ein letztes Mal – mit ihren Familien. Auch das hat das «Dagbladet»-Team herausgefunden. Shadi soll mit seinem Cousin Ziad gesprochen haben, der in Belgien Zuflucht gefunden hatte. Shadi habe ihm gesagt, dass er in Calais sei und nach England hinüberwolle, berichtete Ziad.

«Das darfst du nicht versuchen»

Leider, habe Shadi ihm gesagt, reiche sein Geld nicht, um die Menschenschmuggler zu bezahlen. Darum werde er sich einen Taucheranzug kaufen und nach Dover hinüberschwimmen. «Du bist ein kompletter Idiot!», will Ziad Shadi darauf gesagt haben. «Du kannst nicht nach England schwimmen. Es ist zu weit, und die Wellen sind viel zu hoch.» Mouaz soll am gleichen Tag seinem Onkel Badi in einer SMS mitgeteilt haben, dass er just in Calais angekommen sei. «Ich kann England sehen», habe Mouaz erklärt. Er glaube, es sei möglich, zu einem Schiff hinaus oder sogar bis zu den Kreidefelsen hinüber nach Dover zu schwimmen. Die Entfernung täusche, warnte ihn Badi eindringlich: «Das darfst du nicht versuchen. Das würde nicht funktionieren. Versteck dich lieber in einem Lastwagen.»

«Ich versuchs heute», gab Mouaz später Bescheid. An seine Familie in Jordanien schrieb er: «Ihr fehlt mir alle.» Seit damals suchten beider Männer Familien vergebens wieder mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Erfolglos fragten sie in Calais nach ihrem Verbleib.

Drei Wochen später wurde Mouaz in seinem Taucheranzug in Texel angeschwemmt, ohne dass dort jemand gewusst hätte, um wen es sich handelte. Noch einmal zehn Wochen später trieben Shadis Überreste in Norwegen an. Bis nach Dover war keiner von beiden gekommen. Es war zu weit. Und die Wellen waren zu hoch.

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