Nach den Flammen kommt die Wut

Die Feuer rasten heran und töteten ganze Familien. Östlich von Athen sind ganze Viertel abgebrannt. Einige sagen nun: Diese Katastrophe war vermeidbar.

Drohnenaufnahmen zeigen das Ausmass der Zerstörung nach den Waldbränden in Griechenland. Video: Tamedia/AP

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Kleinasien ist in drei Minuten abgebrannt. Als Maximos Sapranidis ins Haus ging, um die Papiere zu suchen und «alles, was lebt», standen die Flammen noch oben am Hügel, vielleicht vier Kilometer entfernt. Als er zwei Minuten später rauskam, sah er auf eine 20 Meter hohe Feuerwand. Sie sind ins Auto und gerade runter zum Meer, den Odos Mikras Asias entlang, die Strasse Kleinasiens, die quer durch Mati führt, ein Feriendorf im hügeligen Osten Athens. Zwölf Stunden später führt derselbe Weg quer durch eine Wüste: ausgebrannte Autos, geschmolzene Zäune, die Häuser fensterlose Ruinen. Maximos Sapranidis ist selbst bei der freiwilligen Feuerwehr, «ich habe viele grosse Brände gesehen. Aber nie so was Schnelles.»

Das sagen sie hier alle. Man spricht ja oft von Feuerwalzen. Das hier war Walze und Feuerhagel in einem. Der Sturm blies so stark in die Flammen, dass brennende Fichtenzapfen, Äste und Palmwedel 30 Meter weit flogen. Eine vierspurige Strasse durchquert das Brandgebiet, «eigentlich ist das eine sichere Barriere», sagt Sapranidis. «Aber das Feuer ist drüber, als ob sie gar nicht da wäre.» Dazu die Trockenheit. Vom benachbarten Ort sah es so aus, als würden Tankstellen in die Luft fliegen. «Das waren die Pinien» sagt Sapranidis. «Wie senkrechte Explosionen. 30-Meter-Fackeln.»

Beliebte Feriengegend

Hinter ihm qualmt es, das ganze Haus ist abgebrannt. «Wir leben, der Rest ist weg.» Auf die Frage, ob im Haus Wertgegenstände waren, steigt das Wasser in seine Augen. «Ja, meine Kindheit. Da hinten, die schwarze Ecke, das war der Garten, in dem ich laufen gelernt habe.» Der Ort Mati ist fast komplett zerstört.

Bilder: Schwere Waldbrände in Griechenland

Die Brände brachen am Montag aus, zunächst einer in Kineta, etwa 50 Kilometer westlich von Athen, dann ein zweiter knapp 30 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt nahe der kleinen Hafenstadt Rafina. Mati, wo das Haus von Familie Sapranidis stand, liegt direkt nebenan. Dieser Teil der Region Attika ist eine beliebte Feriengegend, viele Athener haben hier Ferienhäuser. Tausende Touristen passieren in den Sommermonaten Rafina, von hier starten viele Fähren zu den Kykladeninseln.

Nun ist die Gegend Katastrophengebiet. Mindestens 74 Tote haben die Rettungskräfte entdeckt, darunter Kinder. In der Nähe von Rafina fanden sie 26 Leichen, eng aneinandergedrängt, allem Anschein nach Familien, die von den Flammen umzingelt wurden. Die Behörden gehen davon aus, dass die Zahl der Toten noch steigen kann. Mehr als 180 Menschen wurden verletzt, einige lebensgefährlich.

Brandherde der letzten 48 Stunden: Nasa-Satellitendaten zeigen, wo in Europa derzeit Feuer lodern (Stand: 24. Juli 2018).

Am Dienstag waren die Brände nach offiziellen Angaben unter Kontrolle, auch der Wind hatte nachgelassen. Doch es ist noch nicht vorbei. Die Toten müssen identifiziert, das Ausmass der Verwüstung erfasst werden. Noch immer werden Dutzende vermisst. Zahlreiche EU-Länder haben Hilfe zugesagt. Sogar die Türkei, der traditionelle Feind, hatte angeboten, Löschflugzeuge zu schicken.

Ein Gebiet von gut 40 Quadratkilometern ist zerstört, ganze Viertel sind ausgebrannt. Im Hotel Ramadan in Mati, unten am Ufer, haben sie noch Strom, das Fernsehen zeigt Bilder der Katastrophe. Ein paar Hundert Meter die Strasse hoch haben sie eine Familie in ihrem Haus gefunden, die Mutter und die Kinder lagen eng umschlungen da, «wie die in Pompeji», sagt Stavros Michalopoulos, ein Rentner, der mit Wasser und Sandwiches durch die Strassen fährt. Er hat am Abend gesehen, wie die Leute zu Hunderten ins Wasser flohen, weil die Hitze sie vor sich hertrieb. Mehr als 700 Menschen haben Helfer aus dem Meer gerettet. Doch sie ziehen auch Tote aus der Bucht.

In Mati, wo Maximos Sapranidis sein Haus und seine Kindheit verloren hat, qualmt es weiter, kleine Feuer in Erdhöhlen, die Leute tragen Reste aus ihren zerstörten Häusern. Natürlich, der Sturm, heisst es nun. Die Trockenheit. Und Brachflächen zwischen den Häusern, in denen totes Holz herumliegt. «Das Zeug explodiert in alle Richtungen», sagt Sapranidis. Und dann hatten die Rettungskräfte ja auch mit zwei Grossbränden gleichzeitig zu kämpfen, viele Löschfahrzeuge waren zunächst in Kineta eingesetzt. Aber es gab hier im Umkreis auch kein Löschwasser. «Das ist Aufgabe der Verwaltung», sagt Sapranidis. Anscheinend waren alle Tanks und Reservoirs in der Umgebung leer.

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Und so stellen sich viele Fragen: Waren die Behörden hinreichend vorbereitet? Warum wurde nicht rechtzeitig evakuiert? Waldbrände gibt es jedes Jahr in Griechenland, nicht immer verlaufen sie derart verheerend. Ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben sich die Feuer von 2007, bei denen 70 Menschen starben. Auch damals kamen mehrere Brandherde, Wind, extreme Trockenheit und überforderte Behörden zusammen. Vielen galt die Katastrophe als Beleg für das Totalversagen des Staats. Seither hat sich einiges getan. Womöglich nicht genug.

Traurige Tradition

Zur Brandursache machten die Behörden zunächst keine Angaben. Waldbrände werden oft vom Menschen verursacht. In Griechenland haben die Feuer traurige Tradition. Nicht selten steckt illegale Landnahme dahinter. Brennt ein Waldstück ab, lässt sich das Nutzungsrecht des Bodens leichter ändern. Hinzu kommt, dass das nationale Wald- und Bodenkataster noch nicht fertig ist; das erleichtert die illegale Umnutzung von Land.

Der griechische Premier Alexis Tsipras hat eine dreitägige Staatstrauer verhängt, die Frage nach dem Wie und Warum werde im Anschluss geklärt. Er sprach von einer «schwierigen Nacht» für das Land, aber auch von «Stunden des Muts und der Solidarität». Und er versprach, niemand solle ohne Hilfe bleiben – und nicht ohne Antworten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2018, 07:52 Uhr

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