Als die «Seufzer der Violinen» den D-Day ankündigten

Der Untergang von Nazi-Deutschland begann am 6. Juni 1944. Doch bei den Befreiern lief manches schief. Eine Chronologie der Ereignisse vor 75 Jahren.

Alliierte Soldaten waten in am 6. Juni 1944 in Richtung «Omaha Beach» – viele werden in den nächsten Minuten im deutschen Abwehrfeuer zerfetzt. Bild: AFP

Alliierte Soldaten waten in am 6. Juni 1944 in Richtung «Omaha Beach» – viele werden in den nächsten Minuten im deutschen Abwehrfeuer zerfetzt. Bild: AFP

Die Guerillakämpfer der französischen Résistance ebenso wie die Experten deutschen Abwehr hörten am 1. Juni 1944 aufmerksam die melancholisch-schönen Verse aus Paul Verlaines Gedicht «Herbstlied», welche die britische BBC sendete:

«Les sanglots longs // Des violons // De l'automne ...»

«Die langen Seufzer // der Violinen // des Herbstes ...»

Die Frauen und Männer der Résistance wussten nun: Es würde nicht mehr lange dauern – sie würden endlich kommen, die Befreier, und sie würden gemeinsam gegen die Besatzungsmacht kämpfen. Auch die Deutschen der 7. Armee wussten, dass ein Angriff bevorstand, aber nicht wo, wann und mit welchen Kräften. Dann, am 5. Juni, funkte BBC die restlichen Zeilen der ersten Strophe vom Herbstlied (Übersetzung aus dem Französischen von Bertram Kottmann):

« ... Blessent mon coeur // D'une langueur // Monotone.»

«... versehren mein Herz // mit ihrer monotonen // Schläfrigkeit.»

Es war soweit.

Am 6. Juni befand sich die amerikanische Kriegsreporterin Martha Gellhorn, die als Frau nicht von der Front berichten durfte und sich kurzerhand als blinde Passagierin an Bord eines Lazarettschiffs geschmuggelt hatte, «auf einmal mitten in der Invasionsflotte.

Es konnte einfach nicht so viele Schiffe auf der Welt geben. Es gab Zerstörer und Schlachtschiffe und Transportschiffe, eine riesige schwimmende Stadt, die dort vor den grünen Steilhängen der Normandie vor Anker lag.« Unablässig feuerten die Schiffsgeschütze wie »ein fernes Rollen«.

Die Alliierten hatte lange gebraucht, um in Frankreich jene «zweite Front» zu eröffnen, die der sowjetische Diktator Stalin seit dem Angriff der Wehrmacht auf Russland 1941 gefordert hatte, fast drei Jahre zuvor.

Dass Amerikaner, Briten, Exil-Franzosen und viele andere seit Jahren in Nordafrika und dann in Italien gegen die Deutschen kämpften und den halben Mittelmeerraum befreit hatten (und ausserdem im Pazifik einen weiteren mörderischen Krieg gegen Japan zu führen hatten), liess Stalin nicht gelten.

Bis heute hält sich der Glauben, die Westalliierten hätten sich auf angebliche Nebenkriegsschauplätze beschränkt, um die Rote Armee die Hauptlast des Kampfes tragen zu lassen – was sie bis dahin zweifellos auch tat. Dennoch waren die westlichen Mächte vor 1944 schlicht nicht in der Lage, auch noch in Frankreich zu landen. Ein erster Probelauf, schon 1942 unternommen bei Dieppe, war zum grässlichen Desaster geraten.

Die Briten hatten, während die Sowjetunion nach dem Hitler-Stalin-Pakt 1939 das Deutsche Reich mit Rohstoffen unterstützte, den Kampf gegen die Nazis lange alleine getragen. Erst nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 und der anschliessenden deutschen Kriegserklärung an die USA waren, wie der unbeugsame britische Kriegspremier Winston Churchill stets gehofft und was er intensiv betrieben hatte, die Amerikaner zur Kriegspartei geworden.

Nun also kommen sie doch noch zur Rettung der alten Welt, wie es Churchill 1940 beschworen hatte, als die freie Welt in Europa in den Abgrund blickte – «with all their power and might».

«Die ersten Männer draussen werden zerfetzt, bevor sie fünf Meter weit gekommen sind.»

Doch selbst für das Land der auch industriell fast unbegrenzten Möglichkeiten dauerte es mehr als zwei Jahre, bis im Süden Englands eine Invasionsstreitmacht bereitstand, die stark genug sein würde, die Befestigungslinie des Atlantikwalls zu durchbrechen und sich nicht von der deutschen Militärmaschinerie zurück ins Meer werfen zu lassen.

Der britische Historiker Andrew Roberts schreibt in seinem neuen Buch «Feuersturm»: «Jede amphibische Landung an der massiv verteidigten Küste Nordwesteuropas war mit grossen Risiken verbunden ... Eine schwere Niederlage in der Normandie 1944 hätte mit grosser Sicherheit dazu geführt, dass die Vereinigten Staaten ihre ‹Deutschland zuerst'-Strategie wieder aufgegeben und sich dem Krieg im Pazifik zugewandt hätten.»

Die grösste Invasion der Weltgeschichte: 5300 Schiffe und 11'000 Flugzeuge landeten in der Normandie. Von den Alliierten gesicherter Küstenabschnitt nach dem D-Day. Bild: AFP

Als die Planungen angelaufen waren, sagte Churchill im Oktober 1943 zum US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt: «Mein lieber Freund, das ist bei weitem das grösste Unternehmen, das wir je versucht haben.»

Am 5. Juni sollte die Armada in See stechen, die grösste, welche die Welt bis dahin gesehen hatte. Ihr Ziel: Die Befreiung Westeuropas aus den Händen des Nazi-Imperiums, das zwar an der Ostfront auf dem Rückzug, aber noch längst nicht geschlagen war.

Von der Normandie aus sollte der Feldzug direkt ins Herz des Deutschen Reiches führen. Hunderte grosse Kriegsschiffe, mehr als 11'000 Kampfflugzeuge und mehr als zwei Millionen Soldaten standen bereit. Wegen schlechten Wetters wurde die Invasion jedoch um einen Tag verschoben, auf den 6. Juni.

Am nächsten Morgen, in aller Frühe, ging ein gewaltiges Trommelfeuer auf die deutschen Stellungen in der Normandie nieder. Schon in der Nacht waren Tausende Fallschirmjäger in der Normandie gelandet, hatten Brücken gesichert, Verbindung zu Résistance-Kämpfern aufgenommen und deutsche Stellungen angegriffen.

Einer der amerikanischen Soldaten sagte später: «Wenn man allein, tief im Feindesland, an Hecken entlang schleicht und genau weiss, dass das Meer einen vom nächsten Verbündeten trennt, fühlt man sich wie der einsamste Mensch der Welt.»

Die Alliierten warfen 13'000 Bomben über ‹Omaha Beach› ab – keine einzige traf die deutschen Bunker

Noch wirkungsvoller als die Kommandoaktionen war vielleicht die psychologische Kriegführung. Die Deutschen vermuteten, die Invasoren würden den wesentlich kürzeren Seeweg östlich zwischen Dover und Calais nehmen, und die Allliierten hatten dementsprechend in der Operation «Fortitude» eine Phantomarmee in Kent an Englands Südküste aufgestellt, samt aufblasbaren Panzerattrappen und regem Funkverkehr.

Die deutsche Abwehr verstand es nicht, die Seufzer der Violinen richtig einzuordnen, und so traf der Schlag gegen die Normandie die Wehrmacht überraschend.

Dennoch war der Atlantikwall mit seinen tiefen Bunker- und Minensystemen ein massives, tückisches Hindernis. Wie so oft im Krieg scheiterten die komplexesten Planungen an Widrigkeiten wie falschen Lagebildern, schlechter Sicht oder jähem Wind.

So warfen 329 schwere viermotorige Bomber die apokalyptische Menge von 13.000 Bomben über einem Landungsabschnitt ab, der wenig später als «Omaha Beach» traurige Berühmtheit erlangen sollte. Aber keine einzige Bombe traf die deutschen Bunker oder Strandbefestigungen, ein winziger Rechenfehler war dafür verantwortlich. In den Stunden danach starben Hunderte GIs im konzentrierten Abwehrfeuer der Deutschen, die hinter meterdecken Betonwällen ihrer Bunker hinunter auf die beinahe deckungslosen Invasionstruppen feuerten.

Die schaurige Eröffnungsszene aus Steven Spielbergs Kinofilm «Saving Private Ryan» vermittelt zumindest eine Ahnung des Grauens, das sich an Omaha Beach abspielte. Ein Überlebender berichtete: «Die ersten Männer draussen werden zerfetzt, bevor sie fünf Meter weit gekommen sind. Das Wasser färbt sich bereits rot.»

Allein die A-Kompanie der 116. US-Infanteriedivision verlor mehr als 100 von 215 Männern, die Verwundeten nicht mitgerechnet. Am D-Day starben mehr als 4500 alliierte Soldaten – und doch immer noch weniger, als das alliierte Oberkommando unter Dwight D. Eisenhower gefürchtet hatte.

Trotz der amerikanischen Verluste am Omaha Beach war die Wehrmacht der Wucht des massierten Angriffs nicht gewachsen. An keinem der fünf Landeabschnitte gelang es ihr, die Angreifer zurückzuwerfen.

Am Point de Hoc kletterten US-Ranger die Felsenklippen hinauf und schalteten die schweren 155-mm-Geschütze aus, wehrten mehrere Gegenangriffe ab und wurden zur militärischen Legende. 24 Stunden nach Beginn der Invasion hatten die Alliierten ihre Brückenköpfe fest etabliert und mehr als 150.000 Soldaten an Land gebracht.

Götterdämmerung des NS-Regimes

Die schnell improvisierten Gegenstösse deutscher Panzerverbände – ihrer gefährlichsten Waffe, die deutschen Panzer waren denen der Westmächte technisch teils deutlich überlegen – blieben ohne Chance, vor allem aufgrund der absoluten alliierten Luftüberlegenheit.

Schnelle Typhoon-Kampfflugzeuge der Briten, mit neuartigen Raketen ausgerüstet, feuerten auf die schwerfälligen Tanks; bei Tageslicht war jede militärische Bewegung für die deutschen Truppen lebensgefährlich. Der Generalstabschef des Heeres, der bekannte Panzerkommandeur Heinz Guderian, sagte bald verbittert: «Jeder Versuch, bei Tage zu marschieren, hat sich als zwecklos erweisen. Die zahlreichen ausgebrannten Kfz auf den Strassen sind die Folgen.»

Die Kalkulation Hitlers und seiner Generäle war nicht aufgegangen. Sie hatten darauf gesetzt, was die Alliierten befürchteten: dass die Invasoren wie 1942 scheitern würden.

Die Schwachstelle dieses Plans erwies sich schon in den ersten Stunden des D-Day: War der angeblich unüberwindliche Atlantikwall einmal an einer Stelle durchbrochen, dann waren all die Mühen und Kosten und Ressourcen, die Deutschland dafür aufgewendet hatte, vergeblich gewesen und das System starrer Verteidigung gescheitert.

Nun begann die Götterdämmerung des NS-Regimes, dessen Schreckensherrschaft über Europa dem Ende geweiht war. 16 Tage nach dem D-Day entfesselte die Rote Armee gegen die Heeresgruppe Mitte die Grossoffensive «Bagration» und warf die Deutschen weit nach Westen zurück.

Vom 25. Juli an brachen die Alliierten aus ihrem normannischen Brückenköpfen aus, bereits im September standen sie nahe der deutschen Grenze. Die Freiheit war gekommen, aber auch nach «Overlord», dem Codenamen für die Invasion, dauerte es weitere elf Monate, bis sie gesiegt hatte.

Martha Gellhorn ging mit den Sanitätern an Land, später fuhr sie auf dem Lazarettschiff zurück nach England. Sie schrieb in ihrem Artikel: «Als man damit begann, die Verwundeten vom Schiff zu tragen, sagte der Erste Sanitätsoffizier mit Blick auf sie: »Geschafft.« Das war wunderbar.»

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