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An der Börse würde eine Niere bis zu 30'000 Euro kosten

In Deutschland soll ein Arzt fast fünfzigmal die Warteliste für Spendeorgane übergangen haben – mit einem dreisten Trick. Der Skandal heizt die Organspende-Debatte an. Sogar eine Organbörse wird nun diskutiert.

12'000 Menschen warten in Deutschland auf eine Niere, 2500 auf eine Leber: Ärzte in einem Berliner Spital entnehmen Leber und Nieren aus dem Körper einer Verunfallten. (Archivbild)
12'000 Menschen warten in Deutschland auf eine Niere, 2500 auf eine Leber: Ärzte in einem Berliner Spital entnehmen Leber und Nieren aus dem Körper einer Verunfallten. (Archivbild)
Reuters

In fast 50 Fällen soll ein deutscher Chirurg falsche Befunde über Patienten gemeldet haben, um diesen zu einer Lebertransplantation zu verhelfen – und seiner Klinik und sich selber zu mehr Operationen. Stimmen die Vorwürfe, hat der Arzt den Gesundheitszustand seiner Patienten schlimmer dargestellt, als er tatsächlich war, und sie damit an die Spitze der Warteliste für die Vergabe von gespendeten Organen gebracht.

Am Anfang stand nur ein Verdachtsfall: Der 45-Jährige soll 2011 einen Patienten aus Russland gegen Geld an die Spitze der Warteliste für Transplantationen gebracht haben. Als die Staatsanwaltschaft Ermittlungen einleitete, brachte dies neue Vorwürfe ans Licht: An zwei Kliniken soll der Arzt in mindestens 43 Fällen die Krankendaten manipuliert haben. Rund die Hälfte der Fälle betrifft die Universitätsklinik in Göttingen, an der der Chirurg zuletzt als Leiter der Transplantationschirurgie tätig war. Wie die «Süddeutsche Zeitung» schreibt, wuchs in Göttingen nach der Anstellung des Arztes die Zahl der Lebertransplantationen binnen Jahresfrist von etwa 20 auf mehr als 50. Das gleiche Muster zeigte sich schon zuvor während der Tätigkeit des Chirurgen an der Universitätsklinik in Regensburg: Innerhalb weniger Jahre stieg die Zahl der Lebertransplantationen von jährlich zehn auf etwa 50. Der Chirurg bestreitet alle Vorwürfe; die Göttinger Klinikleitung aber sprach von «sich erhärtendem Verdacht» und stellte den Mann frei.

Organvergabe in der Kritik

Wie es der Zufall will, gilt in Deutschland gerade seit gestern ein neues Transplantationsgesetz. In jeder Klinik muss ein Transplantationsbeauftragter die Entnahme und die Vermittlung von Organen überwachen. Er muss zudem alle Unterlagen einer neuen Prüfungskommission zur Verfügung stellen, welche die Abläufe auf Schwachstellen überprüfen soll. Diese Änderungen gehen einem Teil der Ärzte aber nicht weit genug: Eine der deutschen Ärztegesellschaften forderte, dass künftig mehrere Mediziner die Krankendaten eines Patienten überwachen, der auf die Warteliste gesetzt wird.

Der Chef der deutschen Stiftung Organtransplantation, Günter Kirste, sieht mit dem neuen Gesetz ebenfalls nur einen Teil der Probleme beseitigt. Es sei unklar, wer die Transplantationsbeauftragten weiterbilde und wer dies bezahle. Der deutsche Gesundheitsminister verteidigte im Anschluss das Gesetz am Radio, wollte weitere Änderungen aber nicht ausschliessen.

Eine Niere für 160'000 Franken

Der von vielen deutschen Medien als Skandal bezeichnete Fall hat nun eine Debatte über das grundsätzliche Problem ausgelöst: Die Nachfrage nach Spenderorganen ist viel höher als das Angebot. Laut der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» warten in Deutschland zurzeit etwa 12'000 Menschen auf eine Niere, 2500 auf eine Leber.

Eine Niere soll auf dem Schwarzmarkt für 160'000 Franken erhältlich sein, schrieb der «Spiegel» diese Woche. Das Nachrichtenmagazin berichtete vom Fall eines deutschen Unternehmers, der jahrelang Medikamente gegen Bluthochdruck nehmen musste, die schliesslich seine Nieren so stark schädigten, dass er sich stets der Dialyse und wiederholten Operationen unterziehen musste (Artikel online nicht verfügbar). Dieser Mann kaufte schliesslich einem russischstämmigen, in Israel wohnhaften Zimmermädchen eine Niere ab. Operiert wurden die beiden in einer Klinik im Kosovo – 8100 Euro erhielt das Zimmermädchen; wie viel Klinik und Vermittler verdienten, will niemand sagen.

Einmal im Leben alle fragen

Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (FAZ) sprach sich in einem Kommentar dafür aus, die bekannt gewordenen Fälle nicht einfach als kriminelle Taten abzutun. Wenn ein System zu Kriminalität und Korruption einlade, müsse man das System ändern. Hierzu schlägt der Kommentator freiwillige Verträge vor: Wer sich zur Organspende verpflichtete, käme bei Bedarf selber früher an die Reihe.

Daneben gibt es auch den durchaus ernst gemeinten Vorschlag einiger Gesundheitsökonomen, den Organhandel zu legalisieren und als streng regulierte Börse zu organisieren. Ein von der FAZ zitierter Experte hat mit einer Simulation errechnet, dass sich für Nieren an einer solchen Börse ein Marktpreis von 20'000 bis 30'000 Euro bilden würde – was den Dialysekosten für zwei Jahre entspricht. Der Vorschlag ist von der Politik bisher nicht aufgegriffen worden, schliesslich ist er auch unter Fachleuten umstritten: Manche vermuten, dass die Bereitschaft zum Verkauf noch kleiner wäre als jene zum Spenden.

In Deutschland könnte nun ein im Juni verabschiedeter Gesetzesparagraf die Zahl der gespendeten Organe bald erhöhen. Er sieht vor, dass jede und jeder Deutsche einmal im Leben gefragt wird, ob er zur Organspende bereit ist oder nicht.

Mit Agenturen (dapd/sda)

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