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Baumeister Boris in der «Desaster-Zone»

Der britische Premier plant eine Hochgeschwindigkeitsstrecke und eine Brücke zwischen Schottland und Nordirland. Doch die Projekte sind höchst umstritten.

Alexander Mühlauer, London
Grosse Projekte: Boris Johnson will jene Landesteile aufwerten, die bisher nicht viel mit dem wirtschaftlich starken Süden zu tun haben. Video: Tamedia

Boris Johnson hat es eilig. Der britische Premierminister will in seiner Amtszeit nicht nur den Brexit zum Erfolgsmodell machen, sondern auch Bauwerke hinterlassen, die bleiben. Johnson hat seit jeher ein Faible für Infrastrukturprojekte, die den Fortschritt symbolisieren und als solche in die Geschichte eingehen sollen.

Als Londoner Bürgermeister hatte er Pläne für einen neuen Flughafen an der Themse, als Aussenminister schlug er eine Brücke über den Ärmelkanal vor. Aus beidem wurde bekanntermassen nichts. Nun, da er in 10 Downing Street regiert, plant er eine wahre Investitionsoffensive.

Am Dienstag kündigte er gleich zwei Grossprojekte an. Zwischen London und Nordengland sollen künftig Hochgeschwindigkeitszüge fahren, die schneller unterwegs sind als der deutsche ICE. High Speed 2 (HS2) heisst das Vorhaben, es ist das grösste Infrastrukturprojekt Europas. Ausserdem will Johnson eine Brücke zwischen Schottland und Nordirland bauen. In London nennt man sie bereits augenzwinkernd «Boris Bridge».

Beide Pläne haben eines gemeinsam: Sie würden jene Landesteile aufwerten, die bislang nicht viel mit dem wirtschaftlich starken Süden rund um die Hauptstadt zu tun haben. Und doch sind die zwei Vorhaben höchst umstritten. Vor allem HS2 spaltet Grossbritannien. Seit mehr als einem Jahrzehnt werden Pläne für die Bahnstrecke geschmiedet. Längst gibt es eine Betreibergesellschaft, in London graben bereits Bagger.

Hohe Kosten

Doch die Kosten scheinen unberechenbar zu sein. 2015 wurden sie noch auf 56 Milliarden Pfund taxiert; nun liegen die Schätzungen der Regierung bei bis zu 106 Milliarden Pfund. Dass es so teuer wird, hängt vor allem an aufwendigen Tunnelarbeiten und Umweltauflagen. Für Johnson ist das ein enormes finanzielles Risiko. Sein engster Berater Dominic Cummings sprach bereits von einer «Desaster-Zone».

Kein Wunder, dass der Premier lange damit zögerte, grünes Licht für das Projekt zu geben. Doch am Dienstag entschied das Kabinett, die Bahnstrecke bauen zu lassen. HS2 soll in einem ersten Abschnitt von der Londoner Euston Station nach Birmingham führen. Dort soll sich die Trasse gabeln und westlich nach Manchester und östlich nach Leeds weitergehen. Die Gesamtstrecke liegt bei 531 Kilometern, die Züge sollen mit bis zu 400 Kilometern in der Stunde unterwegs sein. Wenn Johnson Glück hat, kann er die Strecke bis Birmingham wohl noch in dieser Amtszeit eröffnen. Die Verlängerung nach Manchester und Leeds dürfte erst in den 2030er Jahren fertig werden.

Auch politische Absichten

Für Johnson ist HS2 viel mehr als nur eine Zugstrecke. Das Projekt soll vor allem seine neu gewonnenen Wähler in Nordengland nicht enttäuschen, die früher in Scharen für Labour gestimmt haben. Die dortigen Tory-Abgeordneten hoffen, dass HS2 die überfüllten Regionalzüge entlastet.

Doch so hoffnungsvoll sind längst nicht alle in Johnsons Konservativer Partei. 14 Abgeordnete warnten den Premier jüngst in einem Brandbrief vor einem «verheerenden Schaden», das Projekt habe schlichtweg «keinen Nutzen». Einige Parlamentarier fürchten Proteste in ihren Wahlkreisen. So sollen etwa Häuser in der Grafschaft Buckinghamshire im Nordwesten Londons abgerissen werden.

Auch ein Baustopp wäre teuer geworden

Angesichts der zu erwartenden Demonstrationen hatte Johnson einen Baustopp erwogen. Doch auch das wäre teuer geworden. Denn bislang wurden schon etwa acht Milliarden Pfund ausgegeben. Um seinen Kritikern entgegenzukommen, schlug Johnson am Dienstag ein Investitionsprogramm für den öffentlichen Nahverkehr vor. In den kommenden fünf Jahren will die Regierung fünf Milliarden Pfund für emissionsfreie Busverbindungen ausgeben. Auch marode Bahnstrecken sollen modernisiert werden. Zudem will Johnson mehr als 1600 Kilometer lange Radwege bauen lassen. Die britischen Städte sollen fahrradfreundlicher werden, in der Regierung ist von «Mini-Holland» die Rede.

Und dann gibt es da noch die Idee einer Brücke zwischen Schottland und Nordirland. Inwieweit die Planungen dafür fortgeschritten sind, ist unklar. Downing Street hält sich in dieser Frage bedeckt. Fest steht nur: Johnson will damit ein Bauwerk schaffen, das für den Zusammenhalt des Vereinigten Königreiches steht. Kann sein, dass dies lediglich Symbolpolitik ist, aus der am Ende doch nichts wird. Kann aber auch sein, dass Johnson wirklich hofft, dass eine solche Brücke die Unabhängigkeitsbestrebungen in Schottland und auf der irischen Insel eindämmen könnte.

Das Finanzministerium soll nun eine Kostenschätzung erstellen. Aus dem Umfeld des Schatzkanzlers hiess es, dass ein Tunnel wohl günstiger wäre als eine 45 Kilometer lange Brücke. Die schottische Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon glaubt jedenfalls nicht, dass Johnson den Plan ernsthaft verfolgt: «Ich vermute, es handelt sich um ein Ablenkungsmanöver.»

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