Bonn trauert alter Grösse nach

Auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung leisten sich die Deutschen mit Bonn noch immer eine Art zweite Hauptstadt. Doch das Verständnis für den Nebenregierungssitz nimmt ab.

Bonner Idylle: Ruderer vor dem Langen Eugen, dem Sitz von UNO-Organisationen. Foto: Dagmar Schwelle (Laif)

Bonner Idylle: Ruderer vor dem Langen Eugen, dem Sitz von UNO-Organisationen. Foto: Dagmar Schwelle (Laif)

Dominique Eigenmann@eigenmannberlin

Es ist ein Ritual, aber die Töne werden jedes Jahr ein wenig schriller. Die Linkspartei ruft im Bundestag dazu auf, der früheren Hauptstadt Bonn endlich ihren verstaubten Status zu entziehen und alle Ministerien nach Berlin zu zügeln. Ashok-Alexander Sridharan und Armin Laschet, Bürgermeister von Bonn respektive Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, schreien umgehend Zeter und Mordio, wie wenn es um Sein oder Nichtsein ihrer Heimat ginge.

«Berlin ist doch schon heute völlig überhitzt und überfordert und kämpft um bezahlbaren Wohnraum», schimpfte Laschet kürzlich. Bonn hingegen sei ein Muster an Mitte, Mass und Bescheidenheit – exakt das brauche Deutschland. Bei so viel Selbstlob lupfte es der Wirtschaftsministerin der eigentlichen Hauptstadt gleich den Hut. «Wie lange wollen wir uns diese absurden und teuren Parallelstrukturen eigentlich noch leisten?», ätzte die Berliner Grüne Ramona Pop im «Tagesspiegel». «Wie lange lassen wir diese neue Teilung der Hauptstadt der Bundesrepublik noch zu?»

Sechs Ministerien am Rhein

30 Jahre nach dem Fall der Mauer ist es sogar vielen Deutschen kaum bewusst, dass sich das Land im Grunde noch immer zwei Hauptstädte leistet. Berlin wurde zwar schon bei der Wiedervereinigung 1990 wieder Kapitale, aber 1994 legte das «Berlin-Bonn-Gesetz» fest, dass Bonn trotz des Umzugs von Bundestag, Bundesrat und Präsidialamt Verwaltungsmetropole bleiben soll. 6 von 14 Ministerien behielten ihren Hauptsitz am Rhein – alle anderen einen Zweitsitz. Im Gesetz ist festgehalten, dass «der grösste Teil der Arbeitsplätze» in Bonn erhalten bleiben müsse.

In der Realität haben sich die Gewichte seit 1999 verschoben. Alles, was in der Bundespolitik heute von Bedeutung ist, findet in Berlin statt. Bonn ist nur noch ein Schatten, manche sagen: ein Gespenst. 14'000 von 20'000 ministerialen Arbeitsplätzen befinden sich in Berlin, mehr als zwei von drei also. Das Gesundheitsministerium und das Ministerium für Entwicklung, die beide ihren Hauptsitz in Bonn haben, planen in Berlin Neubauten, die künftig die Mitarbeiter beider Standorte aufnehmen könnten.

Unter dem Magnet Berlin leidet auch die Präsenz in Bonn. Am häufigsten hielt sich im letzten Jahr noch die Landwirtschaftsministerin an ihrem Hauptsitz am Rhein auf, nämlich 60-mal: Julia Klöckner stammt aber auch aus dem benachbarten Rheinland-Pfalz. Die Umweltministerin Svenja Schulze war in derselben Zeit genau zweimal in Bonn. Das Justizministerium unterhält an seinem Zweitsitz noch 2,9 Stellen, das Kanzleramt 19.

Bonn sei ein Muster an Mass, Mitte und Bescheidenheit, lobt Ministerpräsident Armin Laschetdie alte Hauptstadt.

Kritiker halten die Regierungsreste in Bonn für teure Folklore, die von der Entwicklung längst überholt sind. 8 Millionen Euro kosten alleine die 40'000 Pendelfahrten zwischen Bonn und Berlin jedes Jahr. 800 Flugzeuge fliegen jährlich leer hin und her, weil die Flugbereitschaft in Bonn stationiert ist, die Spitzenpolitiker aber in Berlin. In der jüngsten Umfrage waren denn auch 55 Prozent der Deutschen dafür, dass die Hauptstadt komplett nach Berlin umzieht. Nicht einmal halb so viele waren dagegen. Der Bürgermeister von Bonn widersprach und meinte, ein Totalumzug würde mindestens 5 Milliarden Euro kosten – dafür könnte man locker 100 Jahre weiterpendeln.

Bonn wurde nach dem Entscheid, die Regierung in Berlin einzurichten, mit Milliarden entschädigt. Per Dekret wurden die neuen Hauptsitze von Post und Telekom in der Stadt angesiedelt, dazu eine Vielzahl von Bundesämtern, Forschungsinstituten und Bildungsorganisationen. Seit 1996 ist Bonn dank deutschen Lobbyings UNO-Sitz: 19 Organisationen und Programme zum Thema Umwelt residieren seither am Rhein, dazu viele Nichtregierungsorganisationen. In der Summe hat Bonn seit 1999 gleich viele hochwertige Arbeitsplätze gewonnen, wie es durch den Verlust des Hauptstadtstatus verloren hat, nämlich 22'000.

Die Zweithauptstadt Bonn mag ein Anachronismus sein, aber eine noch stärkere Zentralisierung in Berlin wünschen im Parlament nur wenige.

Auf die Hauptstadtsimulation ist die 300'000-Einwohner-Stadt also längst nicht mehr angewiesen. Gleichwohl möchte man in Bonn auf das Prestige der «Bundesstadt» und einen Rest Nostalgie ungern verzichten. Die Stadt solle 2025 wieder so bekannt sein, wie sie es zu Hauptstadtzeiten war, lautet der Plan von Bürgermeister Sridharan.

Im Bundestag übrigens wird der Antrag zum Komplettumzug bisher jedes Jahr abgelehnt. Die Zweithauptstadt Bonn mag ein Anachronismus sein, aber eine noch stärkere Zentralisierung in Berlin wünschen im Parlament nur wenige. Viel eher möchte man neue Bundesämter in Regionen ansiedeln, die einen Anstoss tatsächlich gebrauchen könnten – im Osten etwa.

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