CDU-Politiker durch Kopfschuss getötet

Rechtsextreme jubeln über den rätselhaften Tod von Walter Lübcke. War es ein politisch motiviertes Verbrechen?

In der Nacht auf Sonntag erschossen: Walter Lübcke, CDU-Politiker aus Hessen.

In der Nacht auf Sonntag erschossen: Walter Lübcke, CDU-Politiker aus Hessen.

(Bild: Reuters)

Vincenzo Capodici@V_Capodici

Nach dem Tod des hessischen CDU-Politikers Walter Lübcke ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft in alle Richtungen. Weder ein Raubmord noch eine politische Tat werden ausgeschlossen. Kassels Regierungspräsident wurde in der Nacht auf Sonntag aus nächster Nähe durch einen Schuss in den Kopf getroffen. Hinweise auf einen Suizid von Lübcke gibt es nicht. Auf der Terrasse im Wohnhaus des Opfers im hessischen Wolfhagen-Istha fanden die Ermittler ein Projektil, das aus einer sogenannten Kurzwaffe stammen soll. Die Tatwaffe selbst ist bisher nicht gefunden worden.

Lübcke war eine wichtige Person des öffentlichen Lebens in Hessen. Er wirkte seit zehn Jahren in Kassel als einer von drei Regierungspräsidenten des Bundeslandes Hessen. Diese Regierungspräsidien sind mit Vollzugsaufgaben betraute Verwaltungsbehörden der Landesregierung von Hessen. Der getötete CDU-Politiker wird von lokalen Medien als beliebt beschrieben. Wegbegleiter und Bekannte sprechen von einem sympathischen und kollegialen Macher, der zu seinem Wort stand. Als Chef der Regierungsbehörde in Kassel war Lübcke auch für die Unterbringung von Flüchtlingen verantwortlich.

Todesdrohungen von Rechtsextremen

Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 engagierte sich Lübcke für eine humane Asylpolitik. An einer Bürgerversammlung forderte er die Anwesenden auf, sich für Nächstenliebe und christliche Werte einzusetzen. Denn das sei zentral für das Zusammenleben in Deutschland. «Wer diese Werte nicht vertritt, kann dieses Land jederzeit verlassen, wenn er nicht einverstanden ist. Das ist die Freiheit eines jeden Deutschen.» Wegen seines Engagements für ein Erstaufnahmelager in Nordhessen wurde Lübcke aus dem rechten und rechtsextremen Lager stark angefeindet. Hassportale im Internet beschimpften den CDU-Mann als «Volksverräter». Lübcke bekam auch Morddrohungen, so zum Beispiel aus dem Milieu der sogenannten Reichsbürger. Lübcke stand zeitweise unter Polizeischutz. Zuletzt soll es aber keine politisch motivierten Drohungen mehr gegeben haben.

Lübckes Tod hat deutschlandweit Bestürzung ausgelöst. Es gab aber auch primitivste Reaktionen. Rechtsextremisten bejubelten das Verbrechen und verhöhnten das Opfer in den sozialen Medien. Auch offizielle AfD-Accounts verbreiteten die Nachricht über das Verbrechen – provokativ ergänzt um Aussagen Lübckes in der Flüchtlingsdebatte. «Karma schlägt bekanntlich irgendwann zurück» hiess es etwa unter einer Meldung, die der Thüringer AfD-Kreisverband geteilt hatte. Im Rahmen ihrer Ermittlungen zum Tötungsdelikt wird die Staatsanwaltschaft auch die Hasskommentare im Netz anschauen und auf ihre strafrechtliche Relevanz prüfen.

«Kleinkaliberwaffe spricht nicht für Profi»

Bisher gibt es laut offiziellen Angaben keinen direkten Zusammenhang zwischen den Morddrohungen und den Spuren, die die Ermittler im Fall Lübcke verfolgen. Das Motiv ist unklar, es fehlt eine tatverdächtige Person. «Die Kleinkaliberwaffe spricht nicht für einen Profi», sagte der bekannte Profiler Axel Petermann der «Bild»-Zeitung. Ein erfahrener Täter, der eine solche Tat plane, bewaffne sich wohl eher nicht mit einem Kleinkaliber. Laut Petermann müssen die Ermittler unter anderem folgende Fragen klären: Gab es schon zuvor Kontakte zum Täter? Wie konnte sich der Täter seinem Opfer nähern? Wie kam er auf das Grundstück des Opfers? Gab es einen Kampf zwischen Opfer und Täter?

Die 20-köpfige Sonderkommission nimmt routinemässig auch das familiäre Umfeld unter die Lupe. Das Landeskriminalamt von Hessen hat die Medien gebeten, keine Spekulationen anzustellen, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Insgesamt fällt auf, dass sich die Medien tatsächlich zurückhalten bei der Berichterstattung über den Fall Lübcke.

Als Kassels Regierungspräsident hatte Lübcke bereits im März die Altersgrenze zur Pensionierung erreicht. Auf Wunsch des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) sollte er noch bis im Herbst im Amt verbleiben. Der 65-jährige Lübcke hinterlässt seine Ehefrau und zwei erwachsene Söhne mit ihren Familien.

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