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Christian Klar: Schatten einer anderen Zeit

Gestern hat das Oberlandesgericht Stuttgart entschieden, dass der neunfache Mörder Christian Klar freigelassen wird. Obwohl er bis heute keine Reue zeigt.

Er ermordete Jürgen Ponto: Christian Klar. Der frühere RAF-Terrorist war 1982 gefasst worden. Er hat neun Menschenleben auf dem Gewissen. In Deutschland war die Entlassung von Klar monatelang heftig diskutiert worden. Parallel dazu kam der «Baader-Meinhof-Komplex» in die Kinos.
Er ermordete Jürgen Ponto: Christian Klar. Der frühere RAF-Terrorist war 1982 gefasst worden. Er hat neun Menschenleben auf dem Gewissen. In Deutschland war die Entlassung von Klar monatelang heftig diskutiert worden. Parallel dazu kam der «Baader-Meinhof-Komplex» in die Kinos.
Keystone
Moritz Bleibtreu als...
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Er war unterwegs zu einem Waffenlager der Roten Armee Fraktion, als er im November 1982 festgenommen wurde. Wegen neun Morden und elf versuchten Morden wurde Christian Klar von der deutschen Justiz zu fünfmal lebenslänglich plus 15 Jahren Haft verurteilt.

Gestern hat das Gericht entschieden, dass er nach 26 Jahren Haft Anfang Januar 2009 freigelassen wird. Obwohl er bis heute keine Reue zeigt und sich weigert, mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Die Richter begründeten die Freilassung damit, dass Klar keine Gefahr mehr für die Öffentlichkeit sei.

An allen RAF-Verbrechen beteiligt

Zwischen 1977 und 1982 war das anders: Christian Klar war an fast allen Verbrechen der RAF irgendwie beteiligt. Egal ob Geiselnahme, Attentat oder Raub. Ganz konkret sah sein Kampf gegen das «Schweinesystem», wie die RAF es nannte, so aus: Christian Klar, 24-jährig, schoss am 5. Januar 1977 zum ersten Mal auf einen Menschen. Ein Schweizer Zöllner war ihm bei Riehen in die Quere gekommen. Klar feuerte mehrmals, aus nächster Nähe. Der Zöllner ging zu Boden. Klar schoss weiter. Oder am 19. November 1979. Eine Gruppe der RAF hatte in Zürich eine Bank überfallen. Auf der Flucht zerrte Klar eine Blumenhändlerin aus ihrem Auto, stiess sie zu Boden und schoss der Frau in die Brust. Beide Male überlebten die Opfer.

Was ist das für ein Mensch, der so etwas tut? Die Öffentlichkeit kennt Klar von einem einzigen Interview. Er wirkt darin wie das unheimliche Echo aus den wütenden Terrorjahren. Das Fernsehinterview führte der Journalist Günter Gaus 2001 im Gefängnis. Zu sehen ist Klar als Häftling: Ein ausgemergeltes Gesicht, ein schlaksiger Körper im Trainingsanzug, die Augen in zwei dunklen Höhlen, die Zunge ungelenk.

«Sätze, hinübergerettet aus den Terrorjahren»

Gaus meinte, er sei einem gebrochenen Mann gegenübergesessen. Doch die Sätze, die Klar damals formulierte, waren wie tiefgefroren und hinübergerettet aus den Terrorjahren. «Wenn jemand an die Wand gedrückt wird, muss er kämpfen», rechtfertigte sich Klar. Gefragt nach Schuldbewusstsein, nach Reue erwiderte er: «In dem politischen Raum, vor dem Hintergrund von unserem Kampf sind das keine Begriffe.» Und fügte hinzu: «Ich überlasse der anderen Seite», also den Opfern, «ihre Gefühle», aber er mache sie sich nicht zu eigen.

Reue ist ihm fremd. Aber die Stuttgarter Richter hielten ihm zugute, dass er 1998 selbst an der Auflösung der RAF mitgewirkt habe, nachdem er sich 1997 vom bewaffneten Kampf losgesagt hatte. Dass er sich nicht von seinen Taten distanziere, sei für die überlebenden Opfer und ihre Angehörigen eine schwere Belastung, aber das sei kein Grund, ihn weiter im Gefängnis zu behalten, meinten die Richter.

Klar will in der Legalität leben

Nächstes Jahr kommt Christian Klar deshalb frei, 54-jährig, vorzeitig freigelassen vom «Schweinesystem». Er kommt in Freiheit als ein Mann, der angekündigt hat, er wolle künftig in der Legalität leben. Er wird auf eine Welt treffen, die nichts mehr anzufangen weiss mit seinen Sätzen. Das wurde letztes Jahr deutlich, als Klar eine Grussbotschaft an Genossen verfasste, in der er erklärte, es gelte heute, «die Niederlage der Pläne des Kapitals zu vollenden und die Tür für eine andere Zukunft aufzumachen».

Was er in der Freiheit machen soll? Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, hat ihm eine Praktikumsstelle angeboten. Weil er findet, Klar sei eine tragische Figur - ähnlich Brechts «Heiliger Johanna der Schlachthöfe». Die will die Welt retten und scheitert dabei ganz furchtbar.

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