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Covid-19 stürzt Italiens Ärzte in ein Dilemma

Wer wird behandelt, und wer nicht? Italiens Gesundheitssystem ist überlastet. Im Kampf gegen das Virus müssen Ärzte schwierige Entscheide treffen.

Gesundheitssystem am Limit: Improvisierte Notfallstation für Covid-19-Patienten in Brescia.
Gesundheitssystem am Limit: Improvisierte Notfallstation für Covid-19-Patienten in Brescia.
Keystone

Es ist ein aussergewöhnliches Dokument, das die italienische Gesellschaft für Anästhesie, Reanimation und Intensivmedizin (SIAARTI) veröffentlicht hat. Als Reaktion auf den Covid-19-Notstand in Italien beinhaltet das Dokument «Empfehlungen zur klinischen Ethik und für die Zulassung zur Intensivbehandlung beziehungsweise ihre Aussetzung unter den aussergewöhnlichen Bedingungen des Ungleichgewichts zwischen Notwendigkeit und verfügbaren Ressourcen». Einfacher formuliert, geht es um eine ethisch sehr schwierige Frage: Wer wird behandelt, und wer nicht?

Das Dokument veranschaulicht das dramatische Ausmass, das die Coronavirus-Krise in Italien erreicht hat. Immer mehr Spitäler gelangen an die Grenze ihrer Kapazitäten. Das Arzt- und Pflegepersonal ist am Limit, es mangelt zunehmend an Betten und Medizingeräten. Das alles bedeutet, dass nicht alle Patienten die bestmögliche Behandlung erhalten. Es zeichnet sich ein Szenario ab, das mit der Katastrophenmedizin vergleichbar ist. «Angesichts des gravierenden Mangels an medizinischen Ressourcen müssen die Zuweisungskriterien gewährleisten, dass die Patienten mit den höchsten Chancen auf therapeutischen Erfolg Zugang zu Intensivmedizin erhalten», heisst es im SIAARTI-Dokument. «Es geht darum, ‹die höchste Hoffnung auf Leben und Überleben› in den Vordergrund zu stellen.»

Patienten-Triage wie im Krieg

Das Dokument beinhaltet eine Reihe von Empfehlungen. Beispielsweise könnte es «notwendig werden, eine Altersgrenze für den Zugang zur Intensivpflege festzulegen». Dies sei kein Werturteil, sondern eine Möglichkeit, extrem knappe Ressourcen für diejenigen bereitzustellen, die die höchste Überlebenswahrscheinlichkeit haben und die grösste Anzahl von geretteten Lebensjahren geniessen könnten. «Dabei gilt das Prinzip der Nutzenmaximierung für die grösste Zahl von Menschen.» Eine andere Empfehlung lautet: «Neben dem Alter muss auch das Vorhandensein von Begleiterkrankungen sorgfältig bewertet werden. Es ist denkbar, dass eine möglicherweise relativ kurze Behandlungsdauer bei gesünderen Menschen länger und ressourcenintensiver sein könnte, wenn es sich um ältere oder empfindlichere Patienten handelt.»

Was das in der Praxis bedeuten könnte, erklärte Christian Salaroli, Anästhesist im Spital Johannes XXIII. in Bergamo, in einem Gespräch mit der Zeitung «Corriere della Sera». «Wie in Kriegssituationen entscheiden wir nach Alter und dem allgemeinen Gesundheitszustand über die Therapie eines Patienten», sagte Salaroli. Im Fall eines Covid-19-Patienten im Alter zwischen 80 und 95 mit schwerem Lungenversagen «würden höchstwahrscheinlich keine Rettungsmassnahmen mehr ergriffen».

«Es stimmt nicht, dass wir Patienten sterben lassen.»

Robert Fumagalli, Spital Niguarda, Mailand

In den letzten Tagen kursierten Medienberichte, wonach gewisse Patienten nicht mehr behandelt werden. «Alles Fake News», sagte Roberto Fumagalli, Chefarzt Intensivmedizin im Mailänder Spital Niguarda, in einem Videointerview der Zeitung «Repubblica». «Es stimmt nicht, dass wir Patienten sterben lassen.» Laut Fumagalli «entscheiden wir nicht aufgrund des Alters, ob wir einen Patienten behandeln oder nicht». Es treffe nicht zu, dass in der Intensivmedizin vor allem jüngere Patienten behandelt würden.

Aufgrund des Tempos, mit dem sich das Coronavirus verbreitet, könnten auch in der Schweiz medizinische Engpässe auf Intensivstationen entstehen. Für den Fall, dass eine Triage bei schwerstkranken Patienten notwendig wird, gibt es als Orientierung für die Ärzteschaft medizin-ethische Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW).

Lage in Italien hilft, zu verstehen, «was uns bevorsteht»

Bei einer Triage müssen die verwendeten Kriterien sachlich begründet und transparent sein. Anzuwenden sind die Kriterien in einem fairen Verfahren ohne Diskriminierung, etwa bezüglich Alter, Geschlecht, Wohnkanton, Versicherungsstatus, Nationalität oder Religionszugehörigkeit. Wenn die intensivmedizinische Behandlung nicht mehr für alle reicht, «haben diejenigen Patienten die höchste Priorität, deren Prognose mit Intensivbehandlung gut, ohne diese aber ungünstig ist», wie die SAMW schreibt.

Das Dokument der italienischen Gesellschaft für Anästhesie, Reanimation und Intensivmedizin kursiert inzwischen in den sozialen Medien. Auch der bekannte Politikwissenschaftler Yascha Mounk, Professor an der Johns Hopkins University, hat es aufgegriffen. Er übersetzte Auszüge aus dem Italienischen ins Englische, «um den Menschen von Deutschland bis Amerika zu helfen, zu verstehen, was uns bevorsteht» – wenn es nicht gelingt, in diesen Ländern einen exponentiellen Anstieg der Ansteckungen zu verhindern. Das Ziel muss sein, die Ausbreitung des Virus zu bremsen, um das Gesundheitssystem vor der Überlastung zu schützen.

Insgesamt haben sich nach offizieller Statistik in Italien mehr als 12'460 Menschen mit dem Coronavirus infiziert, bisher sind 827 Personen gestorben. Experten gehen von einer hohen Zahl nicht erfasster Fälle aus. Zur Eindämmung der Corona-Pandemie hat Italien seine Sperrmassnahmen erneut deutlich verschärft. Seit heute Morgen bleiben die meisten Geschäfte im ganzen Land geschlossen. Es gibt nur wenige Ausnahmen; so dürfen Lebensmittelläden, Apotheken, Tankstellen und einige andere Geschäfte weiterhin öffnen. Bars und Restaurants müssen vorerst ganz dichtmachen.

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