Das hatte sich Merkel anders ausgemalt

Deutschland-Korrespondent Stefan Uhlmann zur Bilanz des G-20-Gipfels.

Der Frau konnte man nicht widersprechen. «Für zwei Tage Politik hat Hamburg sehr viel erleiden müssen», meinte die Hamburgerin, die am Sonntag mit anpackte, um die Reste blindwütiger Zerstörung aus der Nacht zu beseitigen. Drei Tage Krawalle erlebte die norddeutsche Hansestadt, es bleiben fast 500 verletzte Polizisten und die Frage, ob der Preis für das Treffen der G-20 nicht zu hoch war.

Grundsätzlich müssen Gipfeltreffen wie das der G-20 möglich sein. Es sei immer besser, miteinander als über­einander zu reden, sagt Merkel. Das gilt erst recht, wenn man es mit so schwierigen Politikern wie Donald Trump, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan zu tun hat.

Mag das eigentliche Gipfelergebnis mit einem lauen Bekenntnis zum Welthandel und einem Dissens zum Klima mager sein. Ein solches Treffen ist auch eine wichtige Kontaktmesse. So nahmen Trump und Putin in Hamburg erstmals zueinander Tuchfühlung auf.

Zum Gipfel gehören auch Ereignisse im Vorfeld, so Trumps umjubelter Empfang in Polen, Merkels Schulterschluss mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping und die Grundsatzeinigung von EU und Japan auf den Freihandelspakt Jefta.

Allerdings hat der Gigantismus der G-20 überhandgenommen. 1999 als informelles Forum von Industrie- und Schwellenländern zum Austausch in Wirtschafts- und Finanzfragen gegründet, hat es in der Finanzkrise 2008 massgeblich dazu beigetragen, dass die Märkte nicht kollabieren.

2017 ist aber die G-20 faktisch zur G-35 geworden. Sieben weitere Länder waren als Gäste dabei, darunter die Schweiz mit Bundesrat Ueli Maurer. Hinzu kamen Vertreter von acht internationalen Organisationen. Der Gipfel ist aufgebläht zum Treffen mit 6000 Delegationsteilnehmern, über das rund 5000 Journalisten berichten und das über 20'000 Polizisten zu schützen versuchten.

Thematisch scheint die G-20 alle ­Probleme der Welt abdecken zu wollen. In der Abschlusserklärung finden sich auch Passagen zum Kampf gegen Pandemien, multiresistente Keime, Terrorismus, Korruption und die Vermüllung der Meere, zur Unterstützung Afrikas, zur Teilhabe von Frauen und zur Sicherung der Ernährung. Das sind alles wichtige Themen, aber für sie gibt es internationale Organisationen.

Merkel hatte es sich womöglich schön ausgemalt: ein Gipfel in ihrer Geburtsstadt, der an der Seite von Hillary Clinton ihr Bild als Weltpolitikerin zweieinhalb Monate vor der Bundestagswahl stärkt. Daraus ist nichts geworden. Es bleibt viel Rauch um wenig. Die G-20 sind ein unbeweglicher Riese geworden. Kleiner und flexibler in der Zusammensetzung sollten solche Treffen in Zukunft sein. Stattfinden sollten sie in New York, dem Sitz der UNO.

Berner Zeitung

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