Der AfD-Stratege mit der heiklen Biografie

Ein Mann mit rechtsextremer Biografie führte in Brandenburg die AfD zum Erfolg: Andreas Kalbitz.

Ein Münchner im Osten: Obwohl er sich im Osten wie ein Einheimischer gebärdet, ist der 46-jährige Andreas Kalbitz im Westen aufgewachsen.

Ein Münchner im Osten: Obwohl er sich im Osten wie ein Einheimischer gebärdet, ist der 46-jährige Andreas Kalbitz im Westen aufgewachsen.

Dominique Eigenmann@eigenmannberlin

Seine Biografie interessiere doch niemanden, versucht Andreas Kalbitz Journalisten gerne weiszumachen und lächelt fein dazu. Was seine Wähler interessiere, sei, dass in ihrem Dorf ab 18 Uhr kein Bus mehr fahre. Dass sie zwei Jobs bräuchten, um sich über Wasser zu halten. Aber nicht, ob er vor Jahrzehnten mal diesem oder jenem Verein angehört habe.

Also sprach Kalbitz vor der Wahl über höhere Mindestlöhne, über die angeblich unverzichtbare Braunkohle oder warum man im Osten jetzt AfD wählen müsse, «um die Wende zu vollenden».

Anders als der Thüringer Björn Höcke vermeidet Kalbitz in der Öffentlichkeit alles völkische Vokabular, obwohl er neben Höcke der führende Vertreter des rechtsextremen «Flügels» der Partei ist. Brandenburgs SPD-Ministerpräsident Dietmar Woidke nennt ihn deshalb nur «Wolf im Schafspelz».

2007 reiste er mit deutschen Neonazis nach Athen, am Hotelbalkon hisste die Gruppe das Hakenkreuz.

Alles, was man über Kalbitz’ rechtsextreme Biografie weiss, haben Medien herausgefunden. Kalbitz gab immer nur zu, was sich nicht mehr leugnen liess. Obwohl er sich im Osten wie ein Einheimischer gebärdet, ist der 46-Jährige – wie Höcke und AfD-Chef Alexander Gauland – im Westen aufgewachsen, in München nämlich. Er diente zwölf Jahre als Fallschirmjäger bei der Bundeswehr, daneben suchte er Anschluss an rechtsextreme Netzwerke.

Er trat den vom Verfassungsschutz beobachteten Republikanern bei, tat im rechtsextremen Witikobund und im Thule-Netz mit, schrieb für die Zeitschrift der völkischen Jungen Landsmannschaft Ostpreussen. 2007 nahm er an einem Zeltlager der «Heimattreuen Deutschen Jugend» (HDJ) teil, eine Art Hitlerjugend für Kinder von Neonazis.

Mails belegen, dass er nicht nur als «neugieriger Gast» da war, wie er später behauptete, sondern als Vertrauter des HDJ-Führers persönlich. Die Organisation wurde zwei Jahre später verboten. 2007 reiste er mit deutschen Neonazis nach Athen, am Hotelbalkon hisste die Gruppe das Hakenkreuz.

Anhänger und Gegner sind gleichermassen beeindruckt von seinem autoritären Stil und der militärischen Disziplin.

Dies sei alles «alter Kram», um ihm und seiner Partei zu schaden, wiegelte Kalbitz im Wahlkampf ab. Aber noch 2015 sass er einem rechtsextremen Verein für Zeitgeschichte vor, der von ehemaligen SS-Offizieren und Neonazi-Kadern der NPD gegründet worden war und zum Ziel hat, die «nach 1945 verfälschte deutsche Geschichte umzudeuten». Bis 2017 beschäftigte Kalbitz auch Aktivisten von NPD oder Identitärer Bewegung als Mitarbeiter. Er hörte damit erst auf, als die Medien berichteten.

Im Unterschied zu anderen Rechtsextremen in der AfD drohte Kalbitz bisher nie ein Ausschluss aus der Partei. Der Grund dafür heisst Alexander Gauland: Der damalige Chef der Brandenburger AfD machte Kalbitz 2014 zu seiner rechten Hand, ab 2017 zu seinem Nachfolger als Chef von Landesverband und Landtagsfraktion. Im selben Jahr zog Kalbitz bereits in den Bundesvorstand der Partei ein – ein Schritt, den beispielsweise Höcke bisher nicht gewagt hat.

Heute, zwei Jahre später, gilt Kalbitz als einer der mächtigsten Strippenzieher der Partei. Hinter den Kulissen hat er sich dank seines Machtinstinkts und Organisationstalents unverzichtbar gemacht, Anhänger und Gegner sind gleichermassen beeindruckt von seinem autoritären Stil und der militärischen Disziplin.

Ob Kalbitz in der Hierarchie der Partei noch weiter aufsteigt, ist trotz seines Wahlerfolgs in Brandenburg unsicher.

Kritiker sagen, Kalbitz verachte Schwäche, er kenne nur «Freund» und «Feind»: Den einen versuche er zu nützen, den anderen zu schaden. Abgesehen von Gaulands Beziehungsnetz und dem «Flügel», ist die «Junge Alternative» seine wichtigste Machtbasis, die Jugendorganisation der AfD.

Ob Kalbitz in der Hierarchie der Partei noch weiter aufsteigt, ist trotz seines Wahlerfolgs in Brandenburg unsicher. Wegen seiner Biografie, die angeblich niemanden interessiert, ist er zumindest im Westen schwer vermittelbar.

Er polarisiere wohl zu sehr, sagt er selber. Aber sollte jemand wie der sächsische Aufsteiger Tino Chrupalla Ende November Gauland an der Parteispitze beerben, wären Höcke und Kalbitz damit bestimmt ganz zufrieden.

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