Zum Hauptinhalt springen

«Der Besatzer kann die Grenze jeden Tag durchbrechen»

Russische Soldaten könnten jederzeit angreifen, heisst es aus der Ukraine. Moskau winkt ab – und Präsident Putin macht unterdessen auf der Krim zügig vorwärts mit der Annexion.

Steigt die Gefahr? Eine Frau demonstriert in Kiew gegen einen möglichen Krieg. (23. März 2014)
Steigt die Gefahr? Eine Frau demonstriert in Kiew gegen einen möglichen Krieg. (23. März 2014)
Reuters
In Kiew fürchtet man, dass Russland die ganze Ukraine erobern will: Nicht gekennzeichnete Soldaten dringen mit einem Panzer auf die ukrainische Luftwaffenbasis in Belbek bei Sewastopol ein.
In Kiew fürchtet man, dass Russland die ganze Ukraine erobern will: Nicht gekennzeichnete Soldaten dringen mit einem Panzer auf die ukrainische Luftwaffenbasis in Belbek bei Sewastopol ein.
Shamil Zhumatov, Reuters
Gespenstische Szenen: Soldaten in Balaklawa auf der Krim. (1. März 2014)
Gespenstische Szenen: Soldaten in Balaklawa auf der Krim. (1. März 2014)
VIKTOR DRACHEV, AFP
1 / 58

Die ukrainische Übergangsführung hält die russischen Truppen an der Ostgrenze des Landes für eine akute Bedrohung. Die russischen Soldaten seien «jederzeit zu einem Angriff bereit», sagte der Chef des ukrainischen Sicherheits- und Verteidigungsrats, Andrij Parubij, heute in der Hauptstadt Kiew.

Das Ziel des russischen Staatschefs Wladimir Putin sei «nicht die Krim, sondern die gesamte Ukraine». «Der Besatzer kann die Grenze jeden Tag durchbrechen, in der krankhaften Vorstellung Putins soll die Ukraine Teil Russlands werden», sagte Parubij.

Auf dem Unabhängigkeitsplatz im Zentrum Kiews demonstrierten heute etwa 5000 Menschen gegen das russische Vorgehen. «Putin, geh weg», war etwa auf Spruchbändern in der Menge zu lesen. Der Kommandant des ukrainischen Luftwaffenstützpunkts Belbek auf der Krim ist nach dem Erstürmen durch prorussische Kräfte festgenommen worden. Das teilte der geschäftsführende Präsident der Ukraine, Alexander Turtschinow, mit. Turtschinow sprach von einer Entführung und forderte die Freilassung von Oberst Juli Mamtschur.

Moskau fordert «Tatsachen nicht aufzublasen»

Das russische Verteidigungsministerium dementierte indes, Truppen in übergrosser Zahl an der ukrainischen Ostgrenze stationiert zu haben. Moskau beachte «alle internationalen Vereinbarungen zur Begrenzung der Truppengrösse in Grenzregionen zur Ukraine», sagte der stellvertretende Verteidigungsminister Anatoli Antonow laut der Nachrichtenagentur Interfax. «Russlands bewaffnete Kräfte führen keine unangekündigten militärischen Aktivitäten aus, die die Sicherheit benachbarter Staaten bedrohen könnten», ergänzte er.

Der russische Verteidigungsminister Sergei Schoigu habe über die Aktivitäten mit seinen Kollegen aus der Ukraine und den USA, Igor Tenjuch und Chuck Hagel, gesprochen, sagte Antonow weiter. Hagel habe er dabei aufgefordert, «die militärische Einsatzbereitschaft der russischen Armee in den Grenzregionen zur Ukraine objektiv zu bewerten und die Tatsachen nicht aufzublasen». In den vergangenen Wochen seien auch Gruppen von internationalen Beobachtern in den entsprechenden Gegenden gewesen. «Wir haben nichts zu verbergen», sagte Antonow.

Putin verordnet russische Verwaltung für Krim

Kremlchef Wladimir Putin hat für die Krim die Einführung neuer Verwaltungsstrukturen bis zum 29. März angeordnet. Die Polizei und der Zivilschutz, aber auch der Inlandgeheimdienst FSB und andere Staatsorgane müssen nach russischem Recht errichtet werden. Das geht aus einer am Sonntag vom Kreml veröffentlichten Anordnung hervor.

Putin hatte den Vertrag über die Aufnahme der zur Ukraine gehörenden Schwarzmeer-halbinsel in die Russische Föderation am Freitag besiegelt. Zuvor hatten Staatsduma und Föderationsrat das international nicht anerkannte Dokument ratifiziert. Die USA und die EU verhängten aus Protest Sanktionen gegen Russland.

Morgen Montag soll auf der Krim neben der ukrainischen Währung Griwna offiziell der Rubel als Zahlungsmittel eingeführt werden. Russland hat ausserdem die militärische Kontrolle auf der Krim. Medien am Sitz der russischen Schwarzmeerflotte in Sewastopol berichteten, dass nun auf dem ukrainischen Kriegsschiff «Slawutitsch» die neue Staatsflagge gehisst worden sei. Insgesamt waren von der unblutigen Machtübernahme mehr als 70 ukrainische Militäreinrichtungen und mehr als 30 Schiffe der Marine betroffen.

Ukrainischer Botschafter in Bern entlassen

Der ukrainische Botschafter in der Schweiz, Ihor Dir, ist am Samstag von der neuen Regierung in Kiew abgesetzt worden. Dir bestätigte gegenüber der Zeitung «Schweiz am Sonntag» entsprechende Medienberichte aus der Ukraine. Man habe ihm mitgeteilt, dass seine Amtszeit beendet sei, sagte Dir. Er war seit Mai 2008 Botschafter in Bern. Die Entlassung wurde vom ukrainischen Übergangspräsidenten Alexander Turtschinow verfügt.

Neben Dir verlor am Samstag auch der ukrainische Botschafter in Saudiarabien sein Amt. Bereits am Donnerstag waren sechs weitere Vertreter der Ukraine im Ausland abgesetzt worden.

Mitglieder der ukrainischen Gemeinschaft in der Schweiz beschrieben die Absetzung des Botschafters gegenüber der «Schweiz am Sonntag» als Teil der Bewegung, die sie Lustration (Säuberung) nennen. Es gehe darum, jene Personen aus dem Umfeld der gestürzten Regierung von Ex-Präsident Viktor Janukowitsch von Machtpositionen zu entfernen, denen Korruption und Nähe zu organisierter Kriminalität vorgeworfen würden. Dir selbst wies dies zurück und bezeichnete seine Entlassung als «normalen Vorgang».

sda/AP/rub

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch