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Der Cyber-Krieg ist eröffnet

Mit der Hackerattacke gegen den Sender TV5Monde hebt der IS seine Offensive gegen den Westen auf eine neue Stufe. Welche Botschaft die Extremisten damit aussenden.

Ein Übel der heutigen Zeit: Kriminelle versuchen, mit Cyber-Attacken ihre Opfer zu epressen. (Archiv/Symbolbild)
Ein Übel der heutigen Zeit: Kriminelle versuchen, mit Cyber-Attacken ihre Opfer zu epressen. (Archiv/Symbolbild)
Gaëtan Bally, Keystone
Islamisten haben den französischen Sender TV5 Monde gestört. Der Hackerangriff begann am Mittwochabend gegen 22 Uhr: Senderchef Yves Bigot wendet sich an die Zuschauer.
Islamisten haben den französischen Sender TV5 Monde gestört. Der Hackerangriff begann am Mittwochabend gegen 22 Uhr: Senderchef Yves Bigot wendet sich an die Zuschauer.
TV5Monde, AFP
TV5-Monde-Senderchef Yves Bigot (rechts im Hintergrund) schaut, wie der französische Innenminister Bernard Cazeneuve (links), Kulturministerin Fleur Pellerin (Mitte) und Aussenminister Laurent Fabius (rechts) zur Presse sprechen, nachdem sie das TV5-Monde-Hauptquartier besucht haben. (9. April 2015)
TV5-Monde-Senderchef Yves Bigot (rechts im Hintergrund) schaut, wie der französische Innenminister Bernard Cazeneuve (links), Kulturministerin Fleur Pellerin (Mitte) und Aussenminister Laurent Fabius (rechts) zur Presse sprechen, nachdem sie das TV5-Monde-Hauptquartier besucht haben. (9. April 2015)
Thomas Samson, AFP
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Beim französischsprachigen Fernsehsender TV5Monde ging stundenlang nichts mehr: Eine Hacker-Attacke von Jihadisten legte den Sender völlig lahm. Die diversen Kanäle der Gruppe konnten nicht mehr ausstrahlen, die Website sowie die Twitter- und Facebook-Seite von TV5Monde wurden gekapert - und Familien von französischen Soldaten bedroht. Terrorismusexperten sehen hochqualifizierte Computerspezialisten am Werke. Eine Attacke solchen Ausmasses sei den Jihadisten noch nie gelungen.

Der Angriff auf TV5Monde wurde offenbar von Cyber-Jihadisten mit Verbindung zur Organisation Islamischer Staat (IS) in Syrien und im Irak ausgeführt. Seit Jahren schon kommt es immer wieder zu islamistischen Hacker-Attacken auf Internet-Seiten westlicher Einrichtungen. Sogar Handbücher zur Umsetzung solcher Angriffe sind online gestellt. «Aber diesmal ist es eine Stufe darüber», sagt Gilbert Ramsay vom Forschungszentrum für Terrorismus und politische Gewalt im schottischen Saint Andrews.

Komplette Sendepause

Auch ein auf solche Fälle spezialisierter Ermittler, der anonym bleiben will, spricht von einer neuen Qualität: Erstmals hätten es die Cyber-Jihadisten geschafft, das Funktionieren eines ganzen Senders zum Erliegen zu bringen. «Es ist das erste Mal, dass es ihnen gelungen ist, die Ausstrahlung von Programmen zu beenden.»

In den vergangenen Monaten war es weltweit, aber insbesondere in Frankreich nach der Anschlagsserie von Paris, zu einer Häufung von islamistischen Hacker-Angriffen gekommen. So wurden in Frankreich im Januar binnen weniger Wochen 25'000 Internet-Auftritte von Institutionen lahmgelegt - von Armee-Regimentern bis hin zu Gedenkstätten. Dies seien «einfache Ziele» mit «Sicherheitsmängeln» gewesen, sagt der Ermittler. «Die Untersuchungen führten in der Regel in nordafrikanische Länder. Manchmal haben sie nicht einmal versucht, die IP-Adressen der Computer zu verschleiern, die sie benutzten.»

«Die Einheiten der Cyber-Kämpfer von Gruppen wie dem Islamischen Staat agieren in Netzwerken», erläutert Ramsay. «Wir haben es mit einer Mannschaft recht kompetenter Leute zu tun, die von jedem Ort der Welt aus tätig werden können.»

«Die besten Spezialisten»

Der Internet-Sicherheitsexperte Daniel Martin, der früher beim französischen Inlandsgeheimdienst DST war, erinnert daran, dass gewaltbereite Islamisten schon in den 1990er-Jahren mit hochspezialisierten Informatik-Ingenieuren zusammenarbeiteten. Mit Blick auf die Organisation IS sagt er: «Man braucht sich angesichts der Gelder, die der Islamische Staat zur Verfügung hat, also nicht zu wundern, dass sie die besten Spezialisten bezahlen können.» Der IS rekrutiere weltweit. «Sie sind echte Akteure im elektronischen Krieg geworden. Und das wird nicht aufhören.»

Unklar ist bisher, ob es bei der IS-Miliz ein zentrales Kommando gibt, das solche Attacken wie die auf TV5Monde koordiniert. «Ich habe dafür keinerlei Beweis», sagt Ramsay. Für den IS zähle das Signal: «Sie wollen beweisen, dass sie in der Offensive sind, vor Ort oder im Internet. Nach dem Rückschlag, den sie in Tikrit (im Irak) hinnehmen mussten, kann es für sie wichtig sein zu zeigen, dass sie den Kampf andernorts fortführen können.»

Tatsächlich hatte die IS-Organisation wenige Stunden vor Beginn des Angriffs auf TV5Monde am Mittwochabend ein Video verbreitet, in dem fünf Kämpfer in Syrien zu sehen sind. Sie sprachen den «Medien-Rittern» ihre Anerkennung aus, die den Cyber-Jihad führen - und forderten sie auf, ihre Anstrengungen zu verstärken. Für Martin steht fest, dass der Angriff auf TV5Monde «ein sicherlich von langer Hand vorbereitetes Grossprojekt» ist. Er hebt hervor: «Das ist für kleine Hacker an der Basis nicht zu erreichen. Es geht nicht mehr um den Amateurbereich. Diesmal haben sie richtig weh getan.» Und Ramsay fügt hinzu: «Das ist unbestreitbar ein weiterer Eskalationsschritt.»

AFP/thu

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