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Der Held für ein paar Steinzeitkommunisten

Der Diktator Enver Hoxha verwandelte Albanien in einen Gulag am Mittelmeer. An seinem 100. Geburtstag wird er nur von seiner Witwe und ein paar Steinzeitkommunisten geehrt.

Touristen beim Sonnenbaden neben Betonbunkern, von denen der Diktator Enver Hoxha 700'000 bauen liess.
Touristen beim Sonnenbaden neben Betonbunkern, von denen der Diktator Enver Hoxha 700'000 bauen liess.
Keystone

Eine Handvoll Albaner haben in den letzten Tagen die kommunistische Diktatur von Enver Hoxha noch einmal hochleben lassen. Eine Versammlung fand in seiner Heimatstadt Gjirokastra im Süden des Balkanlandes statt, in der kosovarischen Hauptstadt Pristina lobten ihn einige Steinzeitkommunisten. In der Presse wurden sie als «hirnlose Bastarde» bezeichnet. Der Anlass für die wehmütige Erinnerung war der Geburtstag des langjährigen Diktators, der Albanien während des Kalten Krieges mit eiserner Hand regierte. Am heutigen Donnerstag wäre Enver Hoxha 100 Jahre alt geworden.

Pünktlich zum Wiegenfest entschloss sich die Witwe Nexhmije Hoxha, über ihre «Jahre mit Enver» zu sprechen. Die Genossin, die nur selten Interviews gibt, empfing die prominente Fernsehjournalistin Rudina Xhunga in ihrer Wohnung in Tirana. Auf kritische Fragen stellte sich die 87-jährige Frau meist taub. Die Zuschauer erlebten eine anderthalbstündige Verteidigungsrede für die albanische Version des Kommunismus und für die «Diktatur des Proletariats», wie Frau Hoxha die Regentschaft ihres Gatten bezeichnete.

Alles «gesetzeskonform»

Die Hinrichtung von Andersdenkenden, die Einkerkerung von Dissidenten, das Religionsverbot, der Terror vor allem gegen prowestliche römisch-katholische Geistliche – das alles sei «gesetzeskonform» gewesen, sagte die Witwe. Enver Hoxha habe sich nie in die Arbeit der «Staatsorgane» eingemischt. Auch dann nicht, als sein Schwager kurz nach der Machtübernahme durch die Kommunisten im Zweiten Weltkrieg von der Geheimpolizei erschossen wurde, weil er als Kollaborateur der deutschen und italienischen Besatzer galt. Nur in einem Moment, fast beiläufig, räumte die Witwe ein: «Vielleicht haben wir Fehler gemacht.»

Das kommunistische Albanien bedeutete Einsamkeit. Zwar hegte Enver Hoxha zunächst eine gewisse Sympathie für die frankophone Welt, weil er in Montpellier, in Paris und in Brüssel studiert hatte. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg wollte der Partisanenführer vom Westen nichts wissen. Seine Macht festigte er schnell und mit brutalen Säuberungsaktionen. Dafür opferte er auch Familienangehörige.

Seine Bündnispartner wechselte Hoxha reihenweise. Mit dem jugoslawischen Führer Tito überwarf er sich schnell, weil der starke Mann in Belgrad ihm als Verräter der kommunistischen Ideale erschien. Mit Hilfe der Sowjetunion versuchte Hoxha in den 50er-Jahren das feudalistische Albanien in ein sozialistisches Paradies zu verwandeln. Schulen und Eisenbahnlinien wurden gebaut, sowjetische Schiffe brachten neue Traktoren, und in den Dörfern lancierte die Partei eine Alphabetisierungskampagne.

Als Nikita Chruschtschow mit dem Personenkult um Stalin abrechnete und die Rehabilitierung der kommunistischen Opfer ankündigte, wandte sich Hoxha von Moskau ab. Albanien, inzwischen ein Gulag-Staat am Mittelmeer mit etwa drei Millionen Einwohnern, praktizierte nun den Schulterschluss mit China. Begeistert von der Kulturrevolution Mao Tse-tungs erklärte Hoxha 1967 Albanien zum ersten «atheistischen Staat» der Welt. Kirchen und Moscheen wurden entweder zerstört oder umgewandelt.

Aus Protest gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in die Tschechoslowakei 1968 trat das kleine Albanien aus dem Warschauer Pakt aus. Damals sei die albanische KP durchaus bereit gewesen, mit dem Westen zu kooperieren, sagte die Witwe Hoxha nun im Interview. Doch die westlichen Staaten hätten kein besonderes Interesse gezeigt. Also setzte man vorläufig die Allianz mit Peking fort. Der Bruch kam 1978, als die Chinesen Kontakt zum «imperialistischen Satan» in Washington suchten. Nun versank Albanien in der totalen Isolation. Über Radio liess der Diktator aber verkünden, die Adriarepublik bleibe auf ewig ein «Leuchtturm des Kommunismus».

Die sichtbarste Hinterlassenschaft der Diktatur sind siebenhunderttausend Betonbunker, die auf Äckern, Weingärten, Bergen, traumhaften Sandstränden und an Flussufern gebaut wurden. In diesen grauen Iglus sollten die Albaner der amerikanischen oder der sowjetischen Invasion trotzen. Hoxha starb 1985, seine Diktatur zerbrach sechs Jahre später. An Hoxha erinnert in der Hauptstadt Tirana heute nur noch ein Mausoleum, das als Kulturzentrum dient und das Kaffeehaus Die Mumie beherbergt. Und in der Hafenstadt Durres hat jemand aus einem Bunker eine Bar gemacht.

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