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Der Mann, der Belgien eint

Das zerstrittene Belgien hat sich zu einer Haushaltsplanung durchgerungen. Zu verdanken ist dies Elio Di Rupo. Mit Fliege, Charme und langem Atem ist er auf dem bestem Weg, neuer Regierungschef zu werden.

Strahlt die Zuversicht aus, die Belgien braucht: Sozialist Elio Di Rupo. (28. November 2011)
Strahlt die Zuversicht aus, die Belgien braucht: Sozialist Elio Di Rupo. (28. November 2011)
Reuters
Wird zurzeit als Held gefeiert: Elio Di Rupo winkt auf dem Weg zu den Budget-Gesprächen. (28. November 2011)
Wird zurzeit als Held gefeiert: Elio Di Rupo winkt auf dem Weg zu den Budget-Gesprächen. (28. November 2011)
Reuters
Die Fliege ist sein Markenzeichen: Elio Di Rupo. (28. November 2011)
Die Fliege ist sein Markenzeichen: Elio Di Rupo. (28. November 2011)
Reuters
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Wenn Elio Di Rupo etwas hat, dann ist es Durchhaltevermögen. Mehr als ein halbes Jahr hat der hagere Wallone mit Fliege und randloser Brille verhandelt, debattiert, Kompromisse gesucht, verworfen und gefunden, um die zerstrittenen Flamen und Wallonen an einen Tisch zu bringen und endlich eine neue belgische Regierung zu bilden. Eine Aufgabe, die viele angesichts der tiefen Zerrissenheit des Landes für eine Mission impossible hielten. Und vor einer Woche sah es genau danach aus, als Di Rupo das Handtuch werfen wollte.

Dann, in der Nacht zum Samstag, gelang dem 60-Jährigen doch noch der Durchbruch: Mit der Einigung der sechs beteiligten Parteien auf einen Haushalt ist der entscheidende Stolperstein genommen. König Albert II. beauftragte Di Rupo umgehend, «so rasch wie möglich» die Regierung zu schmieden. Noch vor Weihnachten – so erwarten Beobachter – könnte er zum ersten Wallonen und zum ersten Sozialisten seit mehr als 30 Jahren an der Spitze der belgischen Regierung ernannt werden.

Einen langen Atem hat Di Rupo in seinem Leben schon oft gebraucht. In eine kinderreiche italienische Einwandererfamilie hineingeboren, lernte er bereits in frühen Jahren die Härten des Lebens kennen. Als er gerade ein Jahr alt ist, stirbt sein Vater, ein Minenarbeiter. Die Mutter zieht die insgesamt sieben Kinder alleine mithilfe einer schmalen Rente auf. Einige Geschwister müssen aus Not vorübergehend ins Waisenhaus ziehen.

«Ich hätte mich umgebracht»

In der Schule tut sich der kleine Elio lange schwer, wiederholt ein Schuljahr mehrmals bevor er auch dank der Unterstützung eines Lehrers schliesslich Ehrgeiz entwickelt: Er macht einen Abschluss in Chemie, promoviert und startet eine politische Karriere. Die führt ihn nicht nur an die Spitze der frankofonen Sozialisten in der Wallonie, ins Bürgermeisteramt der Stadt Mons, sondern wohl bald auch ins Amt des Ministerpräsidenten.

Doch es gibt Rückschläge: In den 1990er Jahren wird Di Rupo im Zuge des Dutroux-Skandals der Pädophilie beschuldigt. Ein Vorwurf, von dem er später offiziell freigesprochen wird. Doch die Monate bis zum Freispruch sind für den Sozialisten hart. Ein Rücktritt, der als mögliches Schuldeingeständnis hätte gewertet werden können, sei nie eine Alternative gewesen, erklärt Di Rupo später. «Ich hätte mich umgebracht.»

Im tief gespaltenen Belgien ist der Mann mit der Fliege, der von Schwulenzeitschriften schon vorwegnehmend als erster homosexueller Regierungschef Europas gefeiert wird, allerdings umstritten. Viele Wallonen lieben den Politiker, der noch immer etwas vom leicht verwirrten Charme eines Wissenschaftlers hat, für sein Ringen um soziale Gerechtigkeit und den Schutz der Schwachen.

Unter Aufsicht

Aber in Flandern ist der stets freundliche Di Rupo weniger gut gelitten. Für viele Anhänger Bart De Wevers, dessen separatistische N-VA trotz ihres Wahlsieges nicht in der künftigen Regierung vertreten ist, ist der beredte Politiker ein Feindbild. Sie werfen ihm vor, ein machthungriger Krisengewinnler zu sein, der Bescheidenheit nur vortäuscht.

Die Aufgabe, die nun auf Di Rupo zukommen wird, ist alles andere als einfach: Belgien ist im Zuge der Schuldenkrise schwer angeschlagen. Die Staatsverschuldung liegt bei fast 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und die Zinsen zogen in der aktuellen Vertrauenskrise stark an. Um wieder auf die Beine zu kommen, muss die künftige Regierung Einsparungen in zigfacher Milliardenhöhe sowie schmerzhafte Reformen im Arbeitsmarkt und bei den Renten durchziehen.

Und dabei wird Di Rupo unter ähnlich strenger Beobachtung stehen wie Lukas Papademos in Athen oder Mario Monti in Rom. Dass er nicht einer Expertenregierung vorstehen wird, sondern einer Sechs-Parteien-Koalition, in der befeindete Sprachengruppen und gegnerische politische Lager sitzen, macht die Prüfung nicht leichter.

dapd/miw

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