Zum Hauptinhalt springen

Der Präsidenten-Darsteller könnte Präsident werden

Es klingt wie Satire: Schauspieler Wolodimir Selenski führt in den Umfragen zur Wahl in der Ukraine.

Im Nebenjob Präsidentschaftskandidat: Komiker Wolodimir Selenski. Bild: Reuters
Im Nebenjob Präsidentschaftskandidat: Komiker Wolodimir Selenski. Bild: Reuters

Rechtzeitig zur Wahl ist der «richtige» Präsident für die Ukraine zurückgekehrt: Seit Donnerstagabend läuft im Fernsehen die dritte Staffel von «Diener des Volkes» – einer Serie um den Geschichtslehrer Wassili Goloborodko, der über ein Youtube-Video und eine Crowdfunding-Kampagne unversehens zum Staatspräsidenten gewählt wird und als ehrlich bleibender, einfacher Bürger konsequent in der notorisch korrupten ukrainischen Politik aufräumt.

Jetzt kann die Realität mit der Fiktion gleichziehen: Der Satiriker Wolodimir Selenski, der Goloborodko seit Jahren verkörpert und am Silvestertag seine Präsidentschaftskandidatur bekannt gab, führt vor der Wahl am Sonntag laut Umfragen, weit vor Ex-Ministerpräsidentin Julija Timoschenko und Amtsinhaber Petro Poroschenko.

Selenski ist seit mehr als einem Jahrzehnt ein erfolgreicher Fernsehproduzent, Kabarettist und Schauspieler in der Ukraine. Als «Diener des Volkes» wurde er zum Superstar. 85 Prozent der Ukrainer informieren sich ausschliesslich über das Fernsehen. Für sie wurde der Präsidentendarsteller auch zum veritablen Präsidentschaftskandidaten. Wie in anderen Ländern sind viele Ukrainer von etablierten Politikern enttäuscht – am meisten von Präsident Poroschenko, der über Jahre Reformen zur Brechung der Macht der Oligarchen oder zur effektiven Bekämpfung der Korruption verhindert hat, zwei Grundübeln der Ukraine.

Selenski hat keine politische Erfahrung, das wird für ihn zum Trumpf: Einer Umfrage der Kiewer Rating-Gruppe zufolge wollen 47 Prozent der Ukrainer, dass vor allem Leute ohne politische Erfahrung führende Regierungsämter übernehmen. «In der Tat, Selenski hat keine Erfahrung – weder beim Verkauf von Parlamentssitzen, von Ministerämtern oder von Stimmen für Gesetze im Parlament noch bei Hinterzimmerdeals mit Oligarchen oder Schmuggel mit Russland», witzelt sein Berater Dmitri Rasumkow beim Gespräch im Wahlkampfstab, zwei durch Glastüren getrennten Zimmern in einer Haushälfte im Kiewer Diplomatenviertel Pechersk.

Bewerbung im Nebenamt

Im einen Zimmer beantwortet ein Dutzend junger Ukrainer, die sonst für Selenskis Produktionsfirma arbeiten, an Laptops Fragen interessierter Wähler, die sich über Selenski-Seiten auf Facebook oder Instagram an ihn wenden. Sie rekrutieren auch freiwillige Beobachter für die rund 30'000 Wahllokale. Auf einer Glaswand stehen die neuesten Umfragezahlen – seit Wochen mit Selenski an der Spitze. «Noch zwei Tage bis zum Sieg!» steht daneben. Tatsächlich dürfte der Komiker am Sonntag weit unter einer absoluten Mehrheit bleiben – und müsste am 21. April in die Stichwahl gegen den Zweitplatzierten gehen. Die allerdings würde Selenski heutigen Umfragen zufolge gegen jeden möglichen Konkurrenten gewinnen.

Doch was passiert dann? Politische Ideen hat Selenski vor seiner Kandidatur nie vorgelegt. Als Präsident Goloborodko pflegte er populistisch-einfache Lösungen: Da wurde an einer Stelle kurzerhand die gesamte Regierung gefeuert, unqualifizierte Freunde wurden in Schlüsselposten berufen. Oder es trat der Chef des Internationalen Währungsfonds als Verschwörer auf, der einen neuen Kredit nur gewähren wollte, wenn die Ukraine ein grosses Gebiet für die Aufnahme europäischen Atommülls bereitstelle. Noch als Kandidat behauptete Selenski, die Bedingungen des IWF seien «sehr harsch» – tatsächlich sind die Zinsen von IWF-Krediten für Kiew viel niedriger als Marktzinsen.

Selenskis Unkenntnis verwundert nicht: Obwohl er ein Jahr lang über eine Kandidatur nachdachte, betreibt er die Bewerbung für das höchste Staatsamt als Nebenjob: Im Hauptjob leitet Selenski weiter seine Fernsehproduktion Kvartal 95, er drehte bis in den März neue Episoden für «Diener des Volkes» und tourt seit November mit der Kvartal-Kabaretttruppe durch die Ukraine. «Ich glaube nicht, dass Selenski anfangs an eine reale Siegchance geglaubt hat», sagt ein Beobachter.

Hintergrundtreffen verlief eher ernüchternd

Ein am 26. Januar veröffentlichtes Vier-Seiten-Programm Selenskis ist ein Kompendium des Populismus: versprochen werden die Einführung direkter Demokratie und Volksabstimmungen, eine Beteiligung aller Ukrainer am nationalen Reichtum von Geburt an, freie Universitätswahl für herausragende Abiturienten und Strassenbau auf westeuropäischem Niveau.

Hintergrundtreffen mit Diplomaten der USA und wichtiger EU-Länder verliefen teils ernüchternd. «Selenski konnte kaum eine Frage beantworten», sagt ein Beteiligter. Fraglich ist auch, ob Selenski selbständig handelt oder Igor Kolomoiski verpflichtet ist, einem ukrainischen Oligarchen und Besitzer des Fernsehsenders 1+1, in dem Selenski auftritt.

Im Januar versuchte Selenski, Zweifeln an seiner Kompetenz den Wind aus den Segeln zu nehmen: Seitdem beraten ihn der Parlamentarier Sergei Leschtschenko ebenso wie Ex-Wirtschaftsminister Aivaras Abromavicius und Ex-Finanzminister Alexander Daniljuk – alles Reformpolitiker mit untadeligem Ruf, die Selenski zu weiteren hochrangigen Treffen begleiten und Reformgesetze entwerfen.

«Ich glaube, dass Selenski tatsächlich zu echtem Wandel und radikalen Reformen bereit ist», sagt Daniljuk. «Die Ukrainer wählen jetzt keine Programme – sie stimmen für Selenski, weil er weder Poroschenko noch Timoschenko ist. Gewiss, als Präsident wird Selenskis Mangel an Erfahrung zum Minus. Dann braucht er sehr erfahrene Leute an seiner Seite.»

In Russland ist Selenski als Satiriker ebenfalls populär. Im Januar stellte sich heraus, dass Selenski über eine angeblich geschlossene Tochterfirma bis heute Einnahmen aus in Russland laufenden Produktionen bezieht. Gleichzeitig fördert Selenski in der Ostukraine seit Jahren Soldaten der gegen Russland kämpfenden ukrainischen Armee. Um den Krieg zu beenden, sei mehr Druck internationaler Partner auf Moskau nötig – und direkte Gespräche mit dem Kreml, sagt Berater Rasumkow. In die Nato oder auch in die EU würde ein Präsident Selenski die Ukraine «erst nach landesweiten Referenden» führen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch