«Der Spiegel» entweiht wieder Spaghetti

Das Magazin schockiert die Italiener mit einer deftigen Karikatur. Ist das legitim?

Sandro Benini@BeniniSandro

Italiens Öffentlichkeit ist alles andere als erfreut über den jüngsten «Spiegel»-Titel. Das Cover des deutschen Nachrichtenmagazins zeigt einen auf einer Gabel aufgewickelten Spaghetto, der eine Henkerschlaufe bildet, darunter die Titelzeile «Ciao amore! Italien zerstört sich selbst – und reisst Europa mit.»

Italienkritisch: Das aktuelle «Spiegel»-Cover. Foto: PD

Die Reaktion italienischer Medien ist einhellig. Sie schreiben vom «x-ten Angriff des ‹Spiegels› auf Italien», von einer «erneuten Beleidigung», von einem «schändlichen Titelbild». Sie erwähnen empört, dass der «Spiegel»-Kolumnist Jan Fleischhauer in einer der vorangehenden Ausgaben die Italiener kollektiv als «Schnorrer» abqualifiziert hatte, die sich auf Kosten der Nachbarn dem «dolce far niente» hingeben würden.

Was ist von der ganzen Aufregung zu halten? Spaghetti als tragendes Element einer Italien-­Karikatur zu verwenden, ist nicht gerade fantasievoll, zumal der «Spiegel» die italienische Nationalspeise nicht zum ersten Mal entweiht.

Die jüngste Provokation ist auch deshalb schmerzvoll, weil sie Italien an eine der übelsten Verletzungen des grün-weiss-roten Nationalstolzes in der jüngeren Geschichte erinnert: an das legendäre «Spiegel»-Cover vom Juli 1977. Es zeigte in Anspielung auf die damals hohe italienische Kriminalitätsrate einen Revolver auf einem Teller Spaghetti.

Es ist auch klar, dass die «Spiegel»-Titelseite in Italien den Populisten und Rechtsnationalen nützt, weil sie das Klischee vom Hallodri-Italiener wunderbar dazu verwenden können, bei den Angegriffenen ein ebenso klischiertes Ressentiment gegen die Deutschen wachzurufen: jenes vom besserwissenden Teutonen, der in seiner Sparwut glaubt, andere belehren zu müssen. Der unbeeindruckt an einer Currywurst kaut, während sein Austeritätswahn halb Südeuropa im Elend versinken lässt. Der Chef der rechtsnationalen Lega, Matteo Salvini, dürfte sich gefreut haben über das «Spiegel»-Cover, verleiht es doch einem seiner liebsten Feindbilder einen besonders grellen Farbstrich.

Darauf kann der «Spiegel» mit einigem Recht erwidern, gewisse Kollateralschäden seien bei kritischem Journalismus unvermeidlich. Und überhaupt: Satire und Karikatur dürfen in einer liberalen Demokratie sehr weit gehen, und das Spiel mit nationalen Stereotypen gehört schlicht zum Genre. Die Tatsache, dass eine Karikatur individuelle oder kollektive Empfindlichkeiten verletzt, ist häufig ein Qualitätsmerkmal – vorausgesetzt, die Grenze zu Rassismus oder Hetze wird nicht überschritten. Das ist beim «Spiegel»-Cover eindeutig nicht der Fall.

Die gekränkte Reaktion der Italiener hängt auch mit dem Wissen um Unzulänglichkeiten ihres Landes und ihres Regierungssystems zusammen. Was der «Spiegel» in seiner Titelgeschichte schreibt, beklagen viele italienische Analysten und ein beträchtlicher Teil der italienischen Öffentlichkeit seit langem selber. Kommt die Kritik jedoch aus der wirtschaftlich und politisch mächtigsten Nation Europas, trifft sie besonders tief.

Mehr Souveränität, bitte!

Italiens Verhältnis zu Deutschland ist geprägt von Neid und Bewunderung, aber auch vom Bewusstsein, über Qualitäten zu verfügen, die im Norden ihrerseits hoch angesehen sind. Die Italiener sollten deshalb auf die Provokation des «Spiegels» mit mehr Souveränität und dem Willen zu Selbstreflexion reagieren.

Dasselbe gilt dann aber auch für die Deutschen – zum Beispiel, falls jemals ein italienischer Zeichner sich dadurch zu einer Karikatur inspiriert fühlen sollte, dass mittlerweile laut Umfragen fast jeder Fünfte von ihnen eine Partei unterstützt, deren Vorsitzender das schlimmste Verbrechen in der Geschichte der Menschheit als «Vogelschiss» verharmlost.

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