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Die «Lotterie-Wahl» in Grossbritannien, die niemand gewinnt

Das politische System der Briten befindet sich in einer Krise. Das wird im Vorfeld der Wahlen vom Mai deutlich. Denn dieses Jahr geht es um mehr, als nur den Kampf zweier Alternativen.

Regenwetter in Grossbritanniens Politik: Zwei Fussgänger mit Schirm in London. (27.05.2014)
Regenwetter in Grossbritanniens Politik: Zwei Fussgänger mit Schirm in London. (27.05.2014)
Neil Hall, Reuters

Jahrelang machten Labour und Konservative den Premierminister unter sich aus. Die Zeiten scheinen vorbei. Die britische Parteienlandschaft wird immer mehr zum Flickenteppich.

Einer wird gewinnen – oder vielleicht doch nicht? Das bekommt man zumindest zu hören, wenn man Leighton Vaughan Williams nach dem Sieger der britischen Parlamentswahl am 7. Mai fragt: «Die einfache Antwort lautet: Niemand», sagt der Direktor der Abteilung für Politische Vorhersagen an der Nottingham Business School. «Es ist sehr, sehr unwahrscheinlich, dass da eine Partei die Mehrheit erreichen wird. Es ist auch sehr, sehr unwahrscheinlich, dass zwei Parteien sich nach der Wahl zu eine Mehrheit zusammenschliessen können.»

Vorbei sind die Zeiten, als der Posten den Premierministers allein zwischen Labour und Konservative ausgemacht wurde. Die Unterstützung für die beiden grossen Parteien bröckelt. Die britische Parteienlandschaft ist ein Fleckenteppich geworden, mit Grünen, Antieuropäern, schottischen und walisischen Nationalisten.

«Sie versprechen dir die Welt und verschwinden wieder»

Politikwissenschaftler John Curtice von der Strathclyde-Universität prägte den Begriff von der «Lotterie-Wahl». In diesem Jahr geht es nicht mehr um den Kampf zweier einfacher Alternativen, sagt er. Lange hätten Labour als links und die Konservativen als rechts gegolten. Heute sähen immer weniger Menschen noch Unterschiede zwischen beiden Parteien.

«Sie kommen an die Macht, versprechen dir die Welt und verschwinden wieder», sagt etwa Margaret Warman, Rentnerin aus Coleshill. Sie hat die Nase voll von Labour und Konservativen, will diesmal die Unabhängigkeitspartei (UKIP) wählen, die die Einwanderung beschränken und die Europäischen Union verlassen möchte.

Ein System in der Krise

Seit 2010 werden die Risse im politischen System des Landes immer deutlicher. Bei der Wahl inmitten der globalen Krise erreichten die Konservativen zwar die meisten Sitze, mussten jedoch eine Koalition mit den Liberaldemokraten eingehen. Seit damals ist das Parteienspektrum immer grösser geworden. Die Liberaldemokraten haben durch ihre Unterstützung des Sparkurses der Regierung viel Kredit bei den Wählern verspielt, ihnen werden grosse Verluste prognostiziert.

Profitiert von dieser Desillusionierung hat die UKIP mit Nigel Farage, dem umgänglichen und bierliebenden Parteichef. Sie konnte die wachsenden Ressentiments gegen Ausländer und die EU-Bürokratie ausnutzen, Prognosen sehen die Partei als drittstärkste Kraft, was ihr bei dem britischen Mehrheitswahlsystem allerdings nur den Gewinn einiger weniger Sitze bescheren würde.

Tauziehen um die Wähler

Die Schottische Nationalpartei (SNP) hat ebenfalls grossen Zulauf erfahren, nachdem sie vergangenes Jahr nur knapp mit ihrem Unabhängigkeitsreferendum gescheitert war. Wahlforscher gehen davon aus, dass das vor allem zulasten der Labour-Partei gehen wird.

Die Wähler auf ihre Seite zu ziehen, fällt den Politikern der grossen Parteien schwer. Premierminister David Cameron und die Konservativen rühmen sich im Wahlkampf, die wirtschaftliche Wende geschafft zu haben. Arbeitslosenquote und Inflation sind niedrig, das gilt für sie als Beweis für den Erfolg der Ausgabenkürzungen und der Finanzdisziplin. Labour um Spitzenkandidat Ed Miliband hält dagegen, dass Millionen Angehörige der Mittelschicht Reallohnverluste hinnehmen mussten. Die «Tories» würden eine Politik für die Reichen machen.

Da sich ein enger Ausgang abzeichnet, kämpfen die Politiker um jede Stimme – wie etwa in North Warwickshire in Mittelengland, wo die Konservativen 2010 nur 54 Stimmen vor Labour lagen. Es ist eine hübsche Gegend mit Tudor-Häusern im Fachwerk-Stil, alten Kirchen, grossen Läden und gepflegten Ziegelhäusern. Einst war in der Gegend die Schwerindustrie und der Kohlebergbau beheimatet. Heute arbeiten die Menschen im Handel und Dienstleistungsgewerbe und verdienen viel besser als früher. Doch die Menschen dort haben Angst - wegen der Gesundheitsversorgung, wegen ihren Jobs, um ihr Geld.

«Du musst zeigen, dass du anders bist»

Hier, so sagen die Kandidaten, wird die Wahl auf die alte Art gewonnen – indem man die Wähler persönlich besucht und anspricht. «Du musst zeigen, dass du anders bist», sagt Craig Tracey, ein Versicherungsmakler, der für die Konservativen antritt. «Ich bin sicher kein Karrierepolitiker. Ich habe ein Geschäft, und der Grund, in die Politik zu gehen, war auch die Enttäuschung über die Politiker.»

Labour-Kandidat Mike O'Brien, ein ehemaliger Regierungsminister, der bis 2010 die Region 18 Jahre lang in London vertreten hatte, stimmt zu, dass einige Wähler die Politiker satthätten und abgeschaltet hätten.

Aber er glaubt, dass der Aufstieg von UKIP und anderen Emporkömmlingen vorübergehen wird, wenn die Wähler sich darauf besinnen, was wirklich für sie wichtig ist.«Die Stimmung ändert sich», sagt er. «Während der Europawahl-Kampagne ging es um Einwanderung, Einwanderung, Einwanderung.» Jetzt gehe es um die nationale Gesundheitsversorgung.

Das Ergebnis der Wahl liegt im Moment noch völlig im Nebel. Die meisten Umfragen sehen Labour leicht vorne, doch die Buchmacher gehen davon aus, dass Cameron eher Premierminister bleiben wird, wenn sich die Lage erstmal wieder beruhigt hat. «Wenn ich er (Cameron) wäre, würde ich nicht mit dem zuversichtlichen Gedanken zu Bett gehen, dass ich Premierminister bleibe», sagt Meinungsforscher Williams. «Ich wäre nur ein bisschen zuversichtlicher als Ed Miliband - ein kleines bisschen.»

Jill Lawless AP/rsz

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