«Die Menschenfresser wollen unser Kind stehlen»

Weil sie mit ihrem Baby in die Nähe der Moskauer Demos geraten sind, droht den Eltern nun der Entzug des Sorgerechts.

Wegen diesem Video ist ein russisches Ehepaar unter Druck geraten. Video: Youtube
Zita Affentranger@tagesanzeiger

Woher der Film kommt, weiss niemand. Er zeigt einen jungen blonden Mann in roten Shorts und schwarzem T-Shirt. Er geht abseits der Grossdemos, die in Moskau diesen Sommer stattgefunden haben, die Strasse entlang, er hüpft, tanzt und skandiert «faire Wahlen!». In dem Film, der in Ausschnitten auch im russischen Staatsfernsehen gezeigt wurde, wird er mit einem roten Kreis markiert. Später trifft er am Rande der Menge ein Paar mit einem Kind, das er sich schliesslich in einer Babytrage vor den Bauch schnallt.

Im Video wird zu dramatischer Musik düster erzählt, der «Provokateur in den roten Shorts» habe sich des Kindes bedient, um unbehelligt durch die Polizeikontrollen zu kommen. Deshalb wurde gegen die Eltern ein Strafverfahren eingeleitet. Sie hätten Gesundheit und Leben des Kindes aufs Spiel gesetzt und ihm physischen und moralischen Schaden zugefügt, so laut russischen Medien der Vorwurf. Kinderschutzorganisationen doppelten nach: Eltern sollten niemals ihre Kinder fremden Menschen überlassen, warnten sie.

Drei Stunden lang befragt

Die Eltern des kleinen Jungen erzählen freilich eine ganz andere Geschichte. «Ich bin mit meiner Frau Olga und unserem Sohn Artjom im Stadtzentrum spazieren gegangen», sagt der Vater Dmitri Prokasow einem russischen Radiosender. «Wir unterstützen im Prinzip den Ruf nach fairen Wahlen. Aber wir wollten nicht an der Demonstration teilnehmen, schon gar nicht mit dem Kind.»

Weil sie von den Demos wussten, seien sie in einem anderen Teil der Stadt unterwegs gewesen. Doch dann hätten sie einen Freund getroffen, eben den besagten Mann mit den roten Shorts. Die Situation sei überhaupt nicht bedrohlich gewesen, sagt Prokasow, im Gegenteil: «Die Leute waren fröhlich.» Deshalb seien sie mit der Gruppe weitergegangen. Während des ganzen Spaziergangs hätten sie nicht einen einzigen Polizisten gesehen, fügt Mutter Olga an.

Sie bekommen den Druck der Regierung zu spüren: Das Ehepaar Prokasow mit Baby Artjom und Sergei Fomin, dem «Provokateur in den roten Shorts». Foto: Facebook

Schliesslich seien sie alle zusammen zur Metro und nach Hause gegangen. Der Mann in den roten Shorts sei sein bester Freund, sagt Prokasow, ein Verwandter seiner Frau und der Pate seines Sohnes. Der Götti habe den kleinen Artjom dann nach Hause getragen, «kleine Kinder wollen nicht immer nur im Kinderwagen sitzen», sagt die Mutter.

Das Video wurde ihnen Tage später als Beleg für ihr Fehlverhalten abgespielt. Die Einzimmerwohnung des Paares wurde durchsucht, sie selber drei Stunden lang zu dem Vorfall befragt. «Wir sind total schockiert», sagt der Vater, «die Menschenfresser wollen unser Kind stehlen.»

Die Moskauer Staatsanwaltschaft hat angekündigt, alle Eltern unter die Lupe zu nehmen, die mit Kindern an den Demos oder in deren Nähe gesichtet wurden. Heute ist ein zweiter, ähnlicher Fall publik geworden. Auch hier drohen die Behörden mit dem Entzug des Sorgerechts.

Nun drohen ihm acht Jahre Haft

Bei den Massenprotesten im Juli und August wurden in Moskau insgesamt über 3000 Menschen verhaftet, zum Teil mit roher Gewalt. Die meisten von ihnen wurden schnell wieder freigelassen, auch Anführer der Demos wie Oppositionschef Alexei Nawalny sind seit ein paar Tagen wieder auf freiem Fuss. Doch etwa ein Dutzend Protestierende sitzen weiter in Haft.

Unter ihnen auch der Mann mit den roten Shorts, der nach der Demo zu Hause in seiner Wohnung festgenommen wurde. Er heisst Sergei Fomin. Ein Oppositioneller ist er laut seiner Mutter nicht. Doch die letzten Wochen vor der Verhaftung hat er für Ljubow Sobol gearbeitet, eine Kampfgefährtin Nawalnys, die zur Wahl für das Moskauer Stadtparlament kandidieren wollte und von den Behörden abgelehnt wurde.

Fomin hat unter anderem Unterschriften gesammelt, welche die Wahlkommission dann als ungültig deklariert hat. Danach ging Fomin auf die Strasse, nicht nur bei den Massenprotesten. Bilder zeigen ihn auch, wie er ganz allein auf der Strasse steht, ein Plakat in der Hand mit der Aufschrift: «Ich hab ein Recht auf meinen Kandidaten». Nun ist Fomin wegen Unterstützung von «Massenunruhen» angeklagt. Ihm drohen bis zu acht Jahre Haft.

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