Die vergiftete Pipeline

Nord Stream 2 wird dieses Jahr fertig. Und bleibt problematisch.

Nirgends spiegelt sich die geostrategische Bedeutung von Energielieferung besser als im Projekt Nord Stream 2 durch die Ostsee. Bild: Keystone

Nirgends spiegelt sich die geostrategische Bedeutung von Energielieferung besser als im Projekt Nord Stream 2 durch die Ostsee. Bild: Keystone

Michael Bauchmüller@MBauchmueller

Das Verrückteste an der zweiten Ostsee-Pipeline ist, dass sie überhaupt kommt. Die Ukraine protestiert, halb Europa ist dagegen, die USA drohen mit Sanktionen. Doch die Verlegeschiffe versenken Kilometer um Kilometer Röhren in die Ostsee. Den Streit um die Regeln für den Gastransport haben die EU-Staaten in letzter Minute beigelegt. Gut möglich, dass die Pipeline noch in diesem Jahr fertig wird. Vergiftet aber wird sie bleiben.

Nirgends spiegelt sich die geostrategische Bedeutung von Energielieferung besser als in dem Projekt durch die Ostsee. Natürlich ist sie ein politisches Projekt, auch wenn Deutschland das lange geleugnet hat. Auf Sicht beraubt sie die Ukraine eines zentralen strategischen Vorteils: Für Europa und Russland war das Land gleich wichtig, für die einen wegen der Gasversorgung, für die anderen wegen des Gasabsatzes.

Öffentlich solidarisieren sich Europäer und Deutsche mit Kiew. 

Mit dem Bypass durch die Ostsee wird diese Funktion dramatisch leiden. Wer glaubt, dass sich trotzdem eine Win-win-Situation aushandeln lässt, in welcher die Ukraine weiter fest vereinbarte Gasmengen transportieren kann, ist naiv. Die Infrastruktur zu Land ist in Teilen überaltert; sie zu modernisieren, würde zumindest die Aussicht auf einen dauerhaften Gastransit voraussetzen. Genau diese Aussicht aber schwindet mit Nord Stream 2. ­Öffentlich solidarisieren sich Europäer und Deutsche mit Kiew. Faktisch unterminieren sie dessen Einfluss.

Denn auch das ist das Wesen einer Pipeline: Sie macht die Staaten an beiden Enden zu Abhängigen. So sehr die Staaten Westeuropas das Gas brauchen, so sehr braucht Russland deren Gasbezug. Die Europäer können diesen taktischen Hebel aber nur ausnützen, wenn sie Alternativen aufbauen. Dazu gehört eine Infrastruktur für Flüssiggaslieferungen, mit der sich mehr Gas aus Nord­amerika oder dem Persischen Golf heranschaffen lässt. Unabhängig von Gaslieferungen wird ohnehin nur, wer möglichst unabhängig vom Gas ist. Alle Europäer tun deshalb gut daran, den Energiebedarf weiter zu drosseln: durch bessere Gebäude, mehr erneuerbare Wärme, effizientere Energieprozesse.

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