Die Verwandlung des Giuseppe Conte

Einst verhöhnten sie ihn als Professörchen aus der Provinz. Heute ist er der Einzige, dem die Mehrheit der Italiener zutraut, das Land vor dem Chaos zu bewahren.

Italiens alter und neuer Premierminister Giu­seppe Conte gestern im Quirinalspalast. Foto: Alessandro di Meo, Keystone

Italiens alter und neuer Premierminister Giu­seppe Conte gestern im Quirinalspalast. Foto: Alessandro di Meo, Keystone

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Alles sass mal wieder perfekt, der Anzug, das weisse Einstecktuch mit den Zacken, auch die Haarsträhne war gebändigt. Giu­seppe Contes Auftritte sind sich so ähnlich, so kompakt in der Gesamterscheinung, dass man meinen könnte, er übe sie vor dem Spiegel. Selbst im Moment seiner politischen Erzweihe leistete er sich keine Frivolität, kein Lächeln der Genugtuung. Conte durchmass den Hof des Quirinalspalasts steif wie ein wandelndes Protokoll, nahm den ­Regierungsauftrag entgegen, den Staatspräsident Sergio Matta­rella für ihn bereithielt, und versprach, sein neues Kabinett, das in den kommenden Tagen entstehen soll, werde Italien politisch stabilisieren, modernisieren und wirtschaftlich wettbewerbsfähiger machen.

Dieses unaufgeregte Bild des alten und wohl auch neuen ­Premiers, es dokumentiert den vorläufigen Epilog einer schier unfassbaren römischen Sommergeschichte. Im italienischen Kalender ist der August ja sonst der Monat des heiligen Stillstands. Alles ruht. So war das immer schon, so wird es hoffentlich bald wieder sein.

Die neue Machtgeometrie

August 2019 aber war anders, weil ein Mann allein, Matteo Salvini, den Moment gerade für opportun hielt, für sich nach der ganzen Macht zu greifen, oder wie er es selbst nannte: nach «allen Vollmachten», und damit spektakulär scheiterte. Die ganze italienische Machtgeometrie hat dieser August verändert. Und Conte steht mitten im neuen Gefüge, er soll es gestalten.

Vor etwas mehr als einem Jahr wunderten sich die Italiener über diesen unbekannten, jungenhaften Mittfünfziger aus Süditalien, Rechtsprofessor und Anwalt, den man ihnen als neuen Premier des populistischen Kabinetts aus Cinque Stelle und Lega vorstellte. Wie ein Notar sollte er über die Einhaltung des Koalitionsvertrags wachen.

Conte selbst nannte sich «Anwalt des Volkes» – und wurde lange verhöhnt. Als Vize seiner beiden Vizepremiers, von Matteo Salvini und Luigi Di Maio, dem Chef der Cinque Stelle. Als «Puppe», als «halber Premier», als «Signor Sì», als Jasager also, als «Professörchen aus der Provinz». Conte ist nun Politiker, durch und durch. Seine Rede im Senat, diese Abkanzelung Salvinis, mit dem er immerhin mehr als ein Jahr regiert hatte, still und dienstfertig – sie bescherte ihm in Rekordzeit ein völlig neues Image.

Flexibel: Beppe Grillo. Foto: Reuters

Vielleicht wird man diese Rede dann mal zu den wichtigsten der jüngeren italienischen Geschichte zählen. Nicht weil sie besonders gut gewesen wäre, sondern weil sie den Redner so plötzlich gross machte. Nun wird Giu­seppe Conte, der in seiner ersten Version einem rechten Kabinett vorsass, eine linke Regierung formen, mit linken Ministern und linken Inhalten. Geht das? Selbst für Italien, Land des Transformismus, ist Contes Operation ein Novum. Die Italiener aber meinen mehrheitlich: Ja, das geht.

Conte wählte früher links, wie er gerne erzählt. Bei den Cinque Stelle, die er nun auch offiziell vertritt, gibt es einen progressistischen und grünen Flügel, der zuletzt etwas untergegangen war. Dieser Flügel siegte nun über die «Falken», die sich immer gegen eine Allianz mit den Sozialdemokraten gesperrt hatten. Auch Di Maio war mal ein Falke. Neben Salvini ist er der grosse Verlierer dieser Sommerkrise. Eine Zeitung nannte Di Maio «Salvinis Waisen», so eng scheinen ihre beiden Schicksale miteinander verknüpft zu sein. Nun sucht man einen Posten für ihn, ein Trostpflaster.

Conte bricht mit dem klassischen Bild des unerfahrenen, antikonformistischen Fünfsternpolitikers. Er wirkt gar wie ein idealtypischer Vertreter jener Kaste, die die Bewegung einst zum Teufel wünschte. Die katholische Kirchenhierarchie mag ihn, die Industriellen, sogar die Intellektuellen. Und im Volk ist nur Mattarella noch beliebter als Conte. Irgendwann, so merkten auch die Sozialdemokraten, gab es keinen Weg mehr vorbei am verwandelten «Professörchen».

Zu den Gewinnern gehören auch jene beiden Herren, die im zentralen Moment aus ihrer Versenkung gestiegen sind und die Koalition der alten Rivalen überhaupt möglich gemacht haben. Zunächst Matteo Renzi. Der frühere Premier und Sekretär des Partito Democratico, heute einfacher Senator, führte dafür einen staunenswerten Rückwärtssalto vor. Bis zu Salvinis Augustmanöver hatte Renzi die Cinque Stelle immer «cialtroni» gerufen: Strolche, Nichtsnutze. Doch als er erkannte, dass er «den anderen Matteo» bremsen kann, machte er eine radikale Wende. Mit Pathos, doch die Rechnung ging auf. Im Parlament sind viele Sozialdemokraten «Renzianer», sie hören auf ihn. Mit seinem schnellen Streich konnte er auch den neuen Sekretär der Partei, seinen Rivalen Nicola Zingaretti, zu einer Allianz drängen. Zingaretti hätte Neuwahlen vorgezogen. Ohne Renzis Unterstützung überlebt die neue Regierung nicht.

Beppe Grillos Ruck

Fast ebenso erstaunlich wie die Umkehr Renzis war jene Beppe Grillos, nur einen halben Tag danach. Der Gründer und Garant der Cinque Stelle konnte die Sozialdemokraten noch nie leiden, nun öffnete er sich ihnen mit einer unmöglich gewähnten Vehemenz. Lasse die Partei jetzt Neuwahlen zu, schrieb er in seinem Blog, sei das politischer Selbstmord. «Und wir sind schliesslich keine Kamikaze.» Grillo hatte davor oft beteuert, er schaue nur noch aus der Ferne auf seine Kreatur. Die Jungen, Di Maio & Co., seien gross genug, um sich allein durchzuschlagen.

Nun holte er sich die Partei zurück. Grillo war es auch, der für eine Bestätigung Contes warb. Dabei kann man sich kaum zwei unterschiedlichere Welten vorstellen als die des zuweilen irrlichternden Komikers aus Genua und jene des Anwalts aus Apulien. Der verspottete Conte ist jetzt der Lebensretter, geboren in einem ungewöhnlichen August.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt