Ehefrauen kämpfen gegen Erdogan

Zahlreiche Journa­listen sind in der Türkei inhaftiert, andere wurden ins Exil gezwungen. Weniger Aufmerksamkeit bekommt das Schicksal ihrer Familien. Sie leiden unter den Zuständen. Vor allem aber kämpfen sie.

Dilek (l.) und ihr Mann Can Dündar: Er lebt im Exil, ihr wurde in der Türkei der Pass entzogen.

Dilek (l.) und ihr Mann Can Dündar: Er lebt im Exil, ihr wurde in der Türkei der Pass entzogen.

(Bild: Getty Images)

Der Fall des türkischen Journalist Ahmet Sik ist so ungewöhnlich wie absurd. Die türkische Regierung zitiert ihn als zuverlässige Quelle, hält ihn aber zugleich wegen Terrorvorwürfen fest. Laut seiner Frau Yonca Sik ist er ein politischer Gefangener. Er habe es gewagt, der offiziellen Selbstdarstellung der Regierung zu widersprechen.

«Die gesamte Anklageschrift bezieht sich nur auf seine journalistische Arbeit», sagt die 43-jährige Ehefrau, die unermüdlich an seinem Fall arbeitet, seit er im Dezember festgenommen wurde. «Als Journalist hat er die rich­tigen Fragen gestellt. Das hat denen nicht gefallen.»

Von Gülen-Richtern verfolgt

Ahmet Sik wurde zunächst beschuldigt, der Gülen-Bewegung geholfen zu haben. Diese Vorwürfe sind absurd: Der Journalist hat einen Grossteil seiner Karriere damit verbracht, den Machenschaften des Predigers Fethullah Gülen nachzuspüren.

Nach der Veröffentlichung seines Buches «Die Armee des Imam» im Jahr 2011 hatten Gülen-Anhänger in der Justiz den Journalisten einsperren lassen.

Sik geht davon aus, dass der in den USA lebende Prediger seit langem darauf hinarbeitete, die Macht in der Türkei an sich zu reissen. Dass Gülen ihn beim Putschversuch vor einem Jahr entmachten wollte, glaubt auch Präsident Recep Tayyip Erdogan.

Wenige Wochen nach seiner Inhaftierung im Dezember wandelten sich die Vorwürfe plötzlich. Jetzt wird er beschuldigt, die verbotene Kurdische Arbeiterpartei (PKK) unterstützt zu haben.

Sein wirkliches Vergehen sei aber ein anderes, glaubt seine Ehefrau: Sik warf Erdogan vor, dieser habe es den Gülen-Anhängern im Jahrzehnt vor dem Putschversuch erst ermöglicht, den Staatsapparat zu unterwandern. Damals waren Erdogan und Gülen noch Verbündete.

Nach dem versuchten Coup habe die Regierung die Recherchen ihres Ehemannes als Beleg für die Machenschaften der Gülen-Bewegung zitiert, sagt Yonca Sik. Noch heute kann man sein Buch etwa am Istanbuler Flughafen kaufen.

Die Hand berühren

Yonca Sik sagt, sie dürfe ihren Mann nur einmal pro Woche für eine Stunde sehen. Alle zwei Monate dürfe sie seine Hand berühren. Zunächst sei er «zwei Tage lang ohne Trinkwasser in einer sehr schmutzigen Zelle» gehalten worden. Ahmet Siks derzeitiger Zellengenosse sei einer seiner Anwälte, sagt Yonca Sik.

Einen weiteren Anwalt, der in Freiheit ist, dürfe ihr Ehemann einmal pro Woche treffen, aber niemals allein. Dokumente austauschen könnten sie dabei nicht. «Wie sollen sie unter diesen Bedingungen eine Verteidigungsstrategie vorbereiten?», fragt Yonca Sik. «Man kann nicht von einem Rechtsstaat sprechen.»

Nach Angaben der Europäischen Journalistenvereinigung sitzen in der Türkei mehr als 150 Journalisten hinter Gittern – mehr als in jedem anderen Land der Welt. Gegen die meisten werden Terrorvorwürfe erhoben.

Ein Dutzend der Inhaftierten, darunter auch Sik, arbeitet für «Cumhuriyet», eine der ältesten Tageszeitungen des Landes. Das Blatt hatte einen Bericht über Waffenlieferungen der Türkei an syrische Rebellen veröffentlicht und damit Erdogan verärgert.

Der Co-Autor der Geschichte und ehemalige Chefredaktor von «Cumhuriyet», Can Dündar, lebt heute im Exil in Deutschland. Seiner Frau Dilek wurde der Reisepass entzogen. Ihrem gemeinsamen Sohn riet sie, vorsichtshalber in London zu bleiben.

Familie auseinandergerissen

«Es ist ein Jahr her, seit ich meinen Sohn gesehen habe. Und Ende des Monats wird es ein Jahr her sein, dass ich meinen Mann gesehen habe», sagt Dilek Dündar in einem Istanbuler Café.

Dort hatten sich Demonstranten 2013 gegen Erdogan versammelt und landesweite Proteste ausgelöst. Wegen seiner Berichterstattung über die Ereignisse war Can Dündar von der Zeitung «Milliyet» entlassen worden, für die er damals schrieb.

«Wir glauben fest an Demokratie und Menschenrechte. Unser Vertrauen in die Europäische Union ist immens», sagt seine Frau. Mit Blick auf die Staats- und Regierungschefs der EU fügt sie hinzu: «Wir haben leider nicht die erhoffte Unterstützung er­halten.»

Einige Dissidenten seien entlang der syrischen Flüchtlingsroute mit einem Boot auf griechische Inseln entkommen, sagt Dilek Dündar. Sie werde aber nicht illegal aus der Türkei fliehen. «Wenn ich hierbleibe, erinnere ich sowohl die Türkei als auch Europa an das Unrecht, das hier geschieht.»

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