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Ein Mann, der sich selbst ein Rätsel war

Deutscher Kanzler, Friedensnobelpreisträger, SPD-Ikone: Willy Brandt wäre heute 100 Jahre alt geworden. Ein Gespräch mit dem Journalisten Hans-Joachim Noack, der Brandt 22 Jahre aus nächster Nähe verfolgt hat.

Vincenzo Capodici
Willy Brandt amtet von 1969 bis 1974 als deutscher Bundeskanzler. Sein innenpolitisches Motto lautet: «Mehr Demokratie wagen». In der Aussenpolitik setzt er auf «Wandel durch Annäherung» an die kommunistischen Staaten. Der charismatische Sozialdemokrat polarisiert, er wird bewundert und angefeindet. Im Leben von Brandt spiegelt sich die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert.
Willy Brandt amtet von 1969 bis 1974 als deutscher Bundeskanzler. Sein innenpolitisches Motto lautet: «Mehr Demokratie wagen». In der Aussenpolitik setzt er auf «Wandel durch Annäherung» an die kommunistischen Staaten. Der charismatische Sozialdemokrat polarisiert, er wird bewundert und angefeindet. Im Leben von Brandt spiegelt sich die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert.
Keystone
1947 kehrt Brandt nach Deutschland zurück. Bereits zwei Jahre später wird er SPD-Abgeordneter für Berlin im ersten Deutschen Bundestag in Bonn. Und 1957 gewinnt Brandt die Wahl für das Amt des regierenden Bürgermeisters von Berlin. In seine Regierungszeit bis 1966, geprägt durch den Kalten Krieg, fallen die Berlin-Krise (1958) und der Mauerbau (1961).
1947 kehrt Brandt nach Deutschland zurück. Bereits zwei Jahre später wird er SPD-Abgeordneter für Berlin im ersten Deutschen Bundestag in Bonn. Und 1957 gewinnt Brandt die Wahl für das Amt des regierenden Bürgermeisters von Berlin. In seine Regierungszeit bis 1966, geprägt durch den Kalten Krieg, fallen die Berlin-Krise (1958) und der Mauerbau (1961).
Keystone
Der Mauerbau durch die DDR rückt Berlin in den Fokus der Weltpolitik. Im Juni 1963 kommt US-Präsident John F. Kennedy nach Berlin. In einer Rede vor dem Berliner Rathaus sagt Kennedy seinen berühmten Satz «Ich bin ein Berliner». Bild: Kennedy, Brandt und Kanzler Konrad Adenauer (CDU).
Der Mauerbau durch die DDR rückt Berlin in den Fokus der Weltpolitik. Im Juni 1963 kommt US-Präsident John F. Kennedy nach Berlin. In einer Rede vor dem Berliner Rathaus sagt Kennedy seinen berühmten Satz «Ich bin ein Berliner». Bild: Kennedy, Brandt und Kanzler Konrad Adenauer (CDU).
AP, Keystone, Keystone
Brandt und seine zweite Ehefrau Rut im Wohnzimmer ihres Hauses in West-Berlin in einer Aufnahme von 1963. Aus der 1948 geschlossenen Ehe mit Rut Hansen stammen drei Söhne. Mit der ersten Frau, Carlota Thorkildsen, hatte Brandt eine Tochter, Ninja. 1983 wird Brandt mit der Historikerin und Publizistin Brigitte Seebacher seine dritte Ehe eingehen.
Brandt und seine zweite Ehefrau Rut im Wohnzimmer ihres Hauses in West-Berlin in einer Aufnahme von 1963. Aus der 1948 geschlossenen Ehe mit Rut Hansen stammen drei Söhne. Mit der ersten Frau, Carlota Thorkildsen, hatte Brandt eine Tochter, Ninja. 1983 wird Brandt mit der Historikerin und Publizistin Brigitte Seebacher seine dritte Ehe eingehen.
Keystone
Berlins regierender Bürgermeister bei einem Spaziergang mit seinem Sohn Matthias in einer Aufnahme von 1965. Im Gegensatz zum berühmten Vater werden die drei Söhne keine Politik machen: Peter (*1948) wird Historiker, Lars (*1951) Schriftsteller und Matthias (*1961) Schauspieler.
Berlins regierender Bürgermeister bei einem Spaziergang mit seinem Sohn Matthias in einer Aufnahme von 1965. Im Gegensatz zum berühmten Vater werden die drei Söhne keine Politik machen: Peter (*1948) wird Historiker, Lars (*1951) Schriftsteller und Matthias (*1961) Schauspieler.
Keystone
Im Herbst 1966 steigt Brandt zum Vizekanzler und Aussenminister der Bundesrepublik Deutschland auf. Den Kanzlerposten in der ersten Grossen Koalition in der Geschichte Deutschlands übernimmt CDU-Politiker Kurt Georg Kiesinger (links), der auf Parteikollege Ludwig Erhard folgt.
Im Herbst 1966 steigt Brandt zum Vizekanzler und Aussenminister der Bundesrepublik Deutschland auf. Den Kanzlerposten in der ersten Grossen Koalition in der Geschichte Deutschlands übernimmt CDU-Politiker Kurt Georg Kiesinger (links), der auf Parteikollege Ludwig Erhard folgt.
Keystone
Im Herbst 1969 ist Brandt ganz oben angekommen: Er wird der erste sozialdemokratische Bundeskanzler der Nachkriegszeit. Brandt regiert mit der FDP. Und er leitet die Ostpolitik ein. Bild: Brandt bei der Vereidigung im Bundestag im Beisein von Parlamentspräsident Kai-Uwe von Hassel (rechts).
Im Herbst 1969 ist Brandt ganz oben angekommen: Er wird der erste sozialdemokratische Bundeskanzler der Nachkriegszeit. Brandt regiert mit der FDP. Und er leitet die Ostpolitik ein. Bild: Brandt bei der Vereidigung im Bundestag im Beisein von Parlamentspräsident Kai-Uwe von Hassel (rechts).
AFP
«Wandel durch Annäherung»: Brandt verfolgt eine Politik der Entspannung und des Ausgleichs gegenüber der Sowjetunion, der DDR und den anderen Ostblockstaaten. Der SPD-Kanzler ist überzeugt, dass mit einer Politik der Annäherung die Gräben zwischen West und Ost überwunden werden können.
«Wandel durch Annäherung»: Brandt verfolgt eine Politik der Entspannung und des Ausgleichs gegenüber der Sowjetunion, der DDR und den anderen Ostblockstaaten. Der SPD-Kanzler ist überzeugt, dass mit einer Politik der Annäherung die Gräben zwischen West und Ost überwunden werden können.
Keystone
Brandt setzt rasch neue Akzente in der Aussenpolitik, indem er im März 1970 in die DDR reist, wo er in Erfurt mit Willi Stoph (links), dem Vorsitzenden des Ministerrats in Ostberlin, zusammenkommt. Nach Ansicht von Egon Bahr, Berater und Freund von Brandt, ist dieser DDR-Besuch der sichtbare Beginn einer Entwicklung, die rund 20 Jahre später ihren Abschluss mit der Einheit Deutschlands finden wird.
Brandt setzt rasch neue Akzente in der Aussenpolitik, indem er im März 1970 in die DDR reist, wo er in Erfurt mit Willi Stoph (links), dem Vorsitzenden des Ministerrats in Ostberlin, zusammenkommt. Nach Ansicht von Egon Bahr, Berater und Freund von Brandt, ist dieser DDR-Besuch der sichtbare Beginn einer Entwicklung, die rund 20 Jahre später ihren Abschluss mit der Einheit Deutschlands finden wird.
Keystone
Bei seinem Polen-Besuch im Dezember 1970 überrascht Brandt mit einer Versöhnungsgeste. Beim Mahnmal für die Opfer des Warschauer Ghettos in Warschau kniet er nieder. Das Foto vom Kniefall in Warschau geht um die Welt.
Bei seinem Polen-Besuch im Dezember 1970 überrascht Brandt mit einer Versöhnungsgeste. Beim Mahnmal für die Opfer des Warschauer Ghettos in Warschau kniet er nieder. Das Foto vom Kniefall in Warschau geht um die Welt.
Keystone
Für seine Aussöhnungspolitik wird Brandt im Jahr 1971 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Bild: Aase Lionäs, Vorsitzende des Nobelpreis-Komitees, gratuliert dem deutschen Kanzler bei der Preisverleihung in Oslo.
Für seine Aussöhnungspolitik wird Brandt im Jahr 1971 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Bild: Aase Lionäs, Vorsitzende des Nobelpreis-Komitees, gratuliert dem deutschen Kanzler bei der Preisverleihung in Oslo.
Bundesregierung, Gräfingholt
Im Dezember 1972 unterzeichnet Brandt in Warschau einen Vertrag mit Polen: Die Bundesrepublik Deutschland anerkennt die Oder-Neisse-Linie als Grenze zu Polen. Weitere Verträge schliesst die BRD mit der Sowjetunion und der DDR ab.
Im Dezember 1972 unterzeichnet Brandt in Warschau einen Vertrag mit Polen: Die Bundesrepublik Deutschland anerkennt die Oder-Neisse-Linie als Grenze zu Polen. Weitere Verträge schliesst die BRD mit der Sowjetunion und der DDR ab.
Keystone
Nach fünf Jahren ist die Kanzlerschaft von Brandt zu Ende: Der einstige Hoffnungsträger gibt im Mai 1974 seinen Rücktritt bekannt. Auslöser ist die Enttarnung von Günter Guillaume (links) als DDR-Spion. Guillaume war als Referent von Brandt im Kanzleramt tätig gewesen.
Nach fünf Jahren ist die Kanzlerschaft von Brandt zu Ende: Der einstige Hoffnungsträger gibt im Mai 1974 seinen Rücktritt bekannt. Auslöser ist die Enttarnung von Günter Guillaume (links) als DDR-Spion. Guillaume war als Referent von Brandt im Kanzleramt tätig gewesen.
Keystone
Brandt amtiert nicht nur als Chef der SPD (1964–1987), sondern auch als Vorsitzender der Sozialistischen Internationalen (1976–1992). Bild: Brandt bei einem Friedenskongress in Basel im November 1982, an dem auch der Schweizer SP-Bundesrat Willy Ritschard (rechts) teilnimmt.
Brandt amtiert nicht nur als Chef der SPD (1964–1987), sondern auch als Vorsitzender der Sozialistischen Internationalen (1976–1992). Bild: Brandt bei einem Friedenskongress in Basel im November 1982, an dem auch der Schweizer SP-Bundesrat Willy Ritschard (rechts) teilnimmt.
Keystone
Brandt ist ein grosses Vorbild für die jüngere SPD-Generation, und er tritt oft bei Wahlveranstaltungen auf. Im Juni 1985 geht Brandt gemeinsam mit dem befreundeten Schriftsteller Günter Grass auf Werbetour für den jungen Gerhard Schröder, der bei der Landtagswahl in Niedersachsen antritt.
Brandt ist ein grosses Vorbild für die jüngere SPD-Generation, und er tritt oft bei Wahlveranstaltungen auf. Im Juni 1985 geht Brandt gemeinsam mit dem befreundeten Schriftsteller Günter Grass auf Werbetour für den jungen Gerhard Schröder, der bei der Landtagswahl in Niedersachsen antritt.
Keystone
«Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört»: Mit dem Fall der Mauer geht für Brandt ein Lebenstraum in Erfüllung. Den Tag der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 begeht Brandt mit Regierungspolitikern, darunter Aussenminister Hans-Dietrich Genscher und Bundeskanzler Helmut Kohl.
«Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört»: Mit dem Fall der Mauer geht für Brandt ein Lebenstraum in Erfüllung. Den Tag der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 begeht Brandt mit Regierungspolitikern, darunter Aussenminister Hans-Dietrich Genscher und Bundeskanzler Helmut Kohl.
Keystone
Im November 1990 reist Brandt als internationaler Vermittler nach Bagdad. Nach Gesprächen mit Diktator Saddam Hussein werden rund 200 ausländische Geiseln freigelassen.
Im November 1990 reist Brandt als internationaler Vermittler nach Bagdad. Nach Gesprächen mit Diktator Saddam Hussein werden rund 200 ausländische Geiseln freigelassen.
Reuters
Im Dezember 1990 hält der 77-jährige Brandt im Reichstag die Eröffnungsrede des ersten gesamtdeutschen Bundestages. Sie endet mit den Worten: «Ich möchte den Tag sehen, an dem Europa eins geworden sein wird.» Das ist ihm nicht mehr vergönnt, anders als die deutsche Einheit.
Im Dezember 1990 hält der 77-jährige Brandt im Reichstag die Eröffnungsrede des ersten gesamtdeutschen Bundestages. Sie endet mit den Worten: «Ich möchte den Tag sehen, an dem Europa eins geworden sein wird.» Das ist ihm nicht mehr vergönnt, anders als die deutsche Einheit.
Keystone
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Herr Noack, als Journalist haben Sie Willy Brandt von 1970 bis zu seinem Tod 1992 immer wieder getroffen. Wie haben Sie ihn in Erinnerung? Ich habe Brandt als äusserst souveränen Menschen erlebt. Das betrifft sowohl seine politische Programmatik als auch sein persönliches Auftreten. Solche Menschen trifft man in der Politik sehr selten an. Brandt war ein Charismatiker. Mit seiner Persönlichkeit konnte er Menschen überzeugen und für sich einnehmen. Er wurde nicht nur geachtet, sondern regelrecht geliebt. Brandt hat aber auch stark polarisiert. In der Nachkriegsgeschichte Deutschlands gab es keinen anderen Politiker, der die Gesellschaft derart stark in Anhänger und Gegner gespalten hat.

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