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Eine Buchhalterin im Rampenlicht

Die Ex-Buchhalterin von Liliane Bettencourt, Claire Thibout, hat sich erstmals öffentlich zu Wort gemeldet. Ihr Zeugnis erschüttert Frankreichs Establishment.

Drei Monate lang blieb sie im Schatten, verweigerte sie sich den Kameras. Von Claire Thibout gab es einen hektischen Sommer lang nur Bilder, die sie beim eiligen Verlassen eines Kommissariats zeigten eine Jacke tief über den Kopf gezogen. Die flüchtigen Bilder trugen zum Mysterium bei, das Frankreichs berühmteste Buchhalterin bislang umgab. Und sie befeuerten die Thesen jener politischen Kreise, die in der ehemaligen Kassenhüterin von Liliane Bettencourt, der Milliardenerbin des Kosmetikkonzerns L’Oréal, eine maliziöse, ja vielleicht sogar korrupte Verschwörerin vermuteten.

Nun ist Thibout am Montagabend zum ersten Mal am französischen Fernsehen aufgetreten: in einem langen Hintergrundreport auf dem staatlichen Sender France 2, «Complément d’enquête», der ganz der Affäre um Milliarden und Macht gewidmet war. Sie ist die Hauptzeugin in dieser Affäre; sie weiss viele Details. Ihr Zeugnis belastet auch den Präsidenten der Republik, Nicolas Sarkozy.

Bild zurecht rücken

«Ich wollte, dass man einmal sieht, wie ich wirklich bin», sagte Thibout, die gut 50 Jahre alte Mutter zweier Kinder. Allzu verzerrt habe sie das Bild gedünkt, das Medien und Politik von ihr gezeichnet hätten. Nun lud sie in ihr Landhaus in der Normandie ein, führte durchs Wohnzimmer, zeigte ihre Lektüre, die sich auf dem Tisch türmte: «Ich lese alles über den Fall im Internet, in den Magazinen, in den Zeitungen.» Es ist viel, jeden Tag.

Nichts prädestinierte diese natürlich und bescheiden wirkende Frau zur heutigen hervorragenden Rolle, als sie sich 1995 auf ein Jobinserat für eine Anstellung als Buchhalterin meldete. Dass es sich dabei um die Bücher der Familie Bettencourt handeln würde, wurde ihr erst beim Vorstellungsgespräch klar. Sie bekam die Stelle, wurde zur engen Vertrauten der reichsten Frau Frankreichs und arbeitete 13 Jahre lang in deren Villa im bürgerlichen Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine. Liliane Bettencourts Vermögen wird auf 17 Milliarden Euro geschätzt. Das meiste davon steckt in Aktien von L’Oréal.

Umschläge voller Tausender

Thibout erzählte France 2 aus dem Innenleben eines Haushalts mit hohen Ausgaben. Sie nannte diese «unfassbar hoch»: «Wir alle waren überbezahlt: Ich hatte einen Lohn von 130'000 Euro im Jahr.» Als Buchhalterin. Auch der Koch des Hauses verdiente 10'000 Euro im Monat. Die Bettencourts waren immer schon generöse Leute. Ihre Grossherzigkeit wurde auch den Politikern zuteil, vor allem jenen aus dem rechtsbürgerlichen Lager.

Claire Thibout bestätigte im Interview mit France 2 all jene brisanten Aussagen, die sie zuvor schon in «vielen endlosen Anhörungen» gemacht hatte. Dass nämlich oft Politiker in der Villa vorbeischauten. Und dass sie jeweils auf Geheiss der Hausherren braune Couverts mit Banknoten füllte. Es waren beträchtliche Summen: 50'000, 100'000 Euro.

Gut genährte Schweizer Bankkonten

Sie behauptete nicht, dass sie das Geld selber überreicht habe oder dass sie bei der Übergabe dabei gewesen sei. Thibout erzählte nur, wie man ihr auftrug, das Geld vor den Besuchen abzuheben und es dann kodifiziert zu verbuchen. 2007 trug ihr der Vermögensverwalter der Familie einmal auf, 150'000 Euro vorzubereiten. Als sie Patrice de Maistre fragte, wozu das Geld diene, sagte der angeblich: «Ich muss das Geld Eric Woerth geben für die Wahlkampagne von Nicolas Sarkozy.»

Woerth war damals Kassenwart der Regierungspartei UMP. Und 150'000 Euro das ist 20-mal mehr, als es das französische Gesetz für Parteispenden maximal zulässt. Sollten die laufenden Ermittlungen den Vorwurf bestätigen, dann wäre Sarkozys politische Karriere für immer gezeichnet. Thibout sagte, de Maistre habe das Geld von einem jener gut genährten Schweizer Bankkonten abgehoben, die man vor den französischen Steuerbehörden versteckt habe, ohne je deren Kontrolleure fürchten zu müssen. Pikant daran: Zwischen 2007 und April 2010 hiess Frankreichs Budgetminister Eric Woerth.

Üppig entschädigt

Geniert reagierte Thibout nur, als sie auf die doppelte Entschädigung angesprochen wurde, die sie bei der Entlassung vor zwei Jahren erhalten hatte. Eine davon stammte von der Tochter der Erbin, Florence Bettencourt Meyers, und betrug 400'000 Euro. Thibout hatte die öffentlichkeitsscheue Tochter darüber aufgeklärt, dass ihre Mutter von einem unkonventionellen Freund, dem Fotografen und Lebemann François-Marie Banier, um Hunderte von Millionen Euro erleichtert worden war. Seither läuft ein Verfahren, in dem sich Mutter und Tochter vor Gericht bekämpfen.

Thibout bestritt, mit den 400'000 Euro bestochen worden zu sein: Es habe sich nur um eine Entschädigung für den Fall gehandelt, dass sie nach ihren Enthüllungen keinen Job mehr finde. Sie sei schliesslich über 50 Jahre alt. «Ich erfinde nichts. Ich erzähle nur, was ich weiss. Und die Ermittlungen bestätigen alles.» Von dem Geld hat sie sich das schöne Landhaus in der Normandie gekauft. Ein stattliches Anwesen für eine einfache Buchhalterin, die der Zufall einer Bewerbung auf die grosse Bühne katapultierte.

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