«Er wollte auch uns töten»

Die Männer, die den Bombenbauer von Chemnitz überwältigten, fühlten sich von ihm bedroht. Er sei «wahnsinnig » gewesen.

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Der Terrorverdächtige, der im Leipziger Gefängnis Suizid begangen hat, wirkte vor seiner Verhaftung «wirr». Das haben die drei Syrer, die den 22-Jährigen bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten haben, dem «Spiegel» erzählt.

Er sei «wahnsinnig» gewesen, seine Kleider schmutzig und die Harre zerzaust, sagt Sami M. «Ich hatte Mitleid mit ihm.» Der 26-Jährige Lastwagenfahrer und seine Freunde hatten ihn in ihrer Wohnung aufgenommen. Als sie ihn auf Fahndungsfotos erkannten, riefen sie die Polizei.

«Er wollte auch uns töten»

Sie fühlten sich von ihm bedroht. «Er wollte auch uns töten», sagt Ahmed E. Er bestreitet, sie seien Komplizen des mutmasslichen Bombenbauers gewesen. Das hatte dieser laut Berichten vor seinem Suizid in Vernehmungen behauptet. «Wir hatten nie im Leben etwas mit ihm zu tun», sagt der 28-jährige Maschinenbauer, dessen Frau und drei Kinder noch in Syrien sind. Er und seine Freunde flüchteten im Sommer und Herbst 2015 über die Türkei, Griechenland und den Balkan nach Deutschland.

Aus Angst vor Racheakten von IS-Anhängern hält sich das Trio derzeit bei Freunden in einer anderen deutschen Stadt versteckt. Nach Leipzig wollen sie aus Sicherheitsgründen auf keinen Fall zurück. «Wir fühlen uns dort nicht sicher.»

Verdächtiger spähte Berliner Flughafen aus

Berichten zufolge hatte der Verdächtige den Berliner Flughafen als mutmassliches Anschlagsziel ausgespäht. Der 22-jährige Syrer habe sich in der zweiten Septemberhälfte in Berlin aufgehalten und eine Nacht in der Hauptstadt verbracht, berichteten der RBB und die «Berliner Morgenpost» unter Berufung auf Sicherheitskreise.

Dabei habe er auch eine Kontaktperson getroffen. Der Aufenthalt in Berlin soll für die Planung des Anschlages eine wichtige Rolle gespielt haben, hiess es in den Berichten. Die Sicherheitsbehörden hatten ihn zum Zeitpunkt seines Aufenthalts in Berlin demnach allerdings noch nicht im Visier, sondern entdeckten seine Verbindungen in die Hauptstadt erst im Zuge der Ermittlungen.

Geheimdienst hörte Terrorverdächtigen ab

Einen entscheidenen Hinweis auf den Terrorverdächtigen hat einem Medienbericht zufolge der US-Geheimdienst geliefert. Dieser habe Telefonate des 22-jährigen Syrers mit einem Kontaktmann der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien abgehört und die deutschen Behörden informiert, berichtete die Zeitung «Welt am Sonntag».

In einem der abgefangenen Gespräche ging es demnach um die Herstellung von Sprengstoff und mögliche Anschlagsziele. Ein «grosser Flughafen in Berlin» sei «besser als Züge», habe der mutmassliche Bombenbauer dabei gesagt, schrieb die Zeitung unter Berufung auf Ermittlerkreise.

Bruder glaubt nicht an Selbstmord

Der 22-Jährige hatte sich am Mittwoch in seiner Gefängniszelle in Leipzig erhängt. Er war nach einer bundesweiten Fahndung in der Nacht zum Montag wegen mutmasslicher Anschlagspläne festgenommen worden. In einer von ihm genutzten Wohnung in Chemnitz hatten Ermittler zuvor bei einer Durchsuchung eineinhalb Kilogramm hochexplosiven Sprengstoffs gefunden.

Der Bruder des Terrorverdächtigen bezweifelte die offizielle Darstellung von dessen Tod. «Selbst wenn er IS-Mitglied war: Die begehen keinen Selbstmord», sagte er der «Welt». Das sei im Islam verboten. «Ich bin mir wirklich sicher, dass die Polizei ihn umgebracht hat. Ich beschuldige hiermit die deutsche Polizei, am Tod meines Bruders schuld zu sein.»

ij/AFP

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