Er wurde an der Erdogan-Pressekonferenz abgeführt

Der Exiltürke Adil Yigit protestierte bei Erdogans Deutschland-Besuch Ende September für Pressefreiheit. Nun fürchtet er, abgeschoben zu werden.

Protestierte für Pressefreiheit und wurde abgeführt: Journalist Adil Yigit. Video: Reuters
Michèle Binswanger@mbinswanger

Als deutsche Sicherheitskräfte den Journalisten Adil Yigit Ende September aus der Pressekonferenz im Bundeskanzleramt schleppten, lächelte Recep Tayyip Erdogan. Angela Merkel und der türkische Staatschef hatten zur Pressekonferenz geladen, der Saal war voller Journalisten. Einer davon war Yigit, bewehrt mit einer Kamera und einer aufs T-Shirt gedruckten Botschaft in deutsch und türkisch: «Gazetecilere Özgürlük - Freiheit für Journalisten in der Türkei», stand auf seiner Brust, was offenbar zu viel war. Ordnungshüter entfernten den Journalisten.

Dabei sollte die Botschaft selbstverständlich sein. Pressefreiheit gilt im Westen als höchstes Gut, Journalisten dürfen auch von der Staatsräson abweichende Meinungen vertreten. Nicht so in der Türkei. Dort werden Regierungskritiker und Journalisten eingesperrt und festgehalten, Dutzende sitzen in Haft. Es ist dies einer der Punkte, über die sich EU-Nationen und die Türkei regelmässig streiten. Deshalb wurde die Szene mit Yigit im Nachgang auch scharf kritisiert. Regierungssprecher Steffen Seibert verteidigte das Vorgehen später damit, dass Unruhe im Saal aufgekommen sei. Zudem sei es nicht erlaubt, bei Pressekonferenzen im Kanzleramt für politische Anliegen zu demonstrieren, auch wenn diese berechtigt seien.

Yigit ist Kolumnist bei der Taz und Herausgeber der regierungskritischen Online-Magazins Avrupa Postas. Nun teilte am Sonntag die deutschen Presseagentur dpa mit, der 60-jährige Journalist solle per Ende Januar 2019 nach 36 Jahren aus Deutschland ausgewiesen werden. Yigit ist überzeugt, die neuerliche Ausweisung müsse mit seiner Protestaktion zu tun haben. Zwar hatte er im Januar 2018 zu seinem Aufenthaltsstatus bereits einen ähnlichen Bescheid erhalten, doch er konnte ihn erfolgreich anfechten. Als Begründung für die Ausweisung angegeben, Yigit sei nicht erwerbstätig und auch die Lebensgemeinschaft mit seinen deutschen Kindern bestehe nicht mehr. Mittlerweile meldet sich auch ein Sprecher der Ausländerbehörde zur Sache und sagte, Yigits Ausreisefrist sei eine reine Formsache. Stelle er danach eine neuen Antrag, werde er sicherlich aus humanitären Gründen bleiben können.

Yigit schloss sich in den Siebzigerjahren der militanten marxistisch-sozialistischen Organisation «Devrimci Sol» («Revolutionäre Linke») an und besetzte in Istanbul Häuser. Als er nur knapp einem Bombenanschlag durch die Grauen Wölfe entkam, floh er nach Deutschland, heiratete und begann für die «taz» zu schreiben. Doch nachdem im Jahr 1996 in einer von ihm angemieteten Wohnung Fälscherutensilien und Waffen gefunden worden waren, musste er erneut fliehen, wurde dann aber doch gefasst. Mehr als zwei Jahre sass er im Gefängnis und wurde Anfang der Nullerjahre entlassen. Danach distanzierte er sich von allen politischen Organisationen, für die er sich engagiert hatte - verzichtete aber trotzdem nicht auf politische Engagement. Er fühle sich einfach nicht wohl, solange es Menschenrechtsverletzungen in der Türkei und in Kurdistan gebe, gab er als Begründung an.

Sein Traum sei immer gewesen, einmal in die Türkei zurückzukehren und dort Politik zu machen, sagte er im Interview mit der deutschen «taz». Deshalb habe er die deutsche Staatsbürgerschaft nicht beantragt, denn als Deutscher wäre dieser Traum nicht mehr zu realisieren gewesen.

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