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Gaulands Agenda

Warum die AfD den Holocaust verharmlost.

«Ruhmreiche Geschichte dauerte länger als die verdammten zwölf Jahre»: AfD-Gauland am Bundeskongress in Seebach. (2. Juni 2018)
«Ruhmreiche Geschichte dauerte länger als die verdammten zwölf Jahre»: AfD-Gauland am Bundeskongress in Seebach. (2. Juni 2018)
Alexander Prautzsch, AFP
Hat nun Stellung zum umstrittenen Kommentar genommen: Alexander Gauland nach einer Rede in Berlin im Mai 2018.
Hat nun Stellung zum umstrittenen Kommentar genommen: Alexander Gauland nach einer Rede in Berlin im Mai 2018.
Odd Andersen, AFP
Michael Kretschmer (l., mit Innenminister Seehofer) ruft dazu auf, bei der ganzen Sache «cool zu bleiben».
Michael Kretschmer (l., mit Innenminister Seehofer) ruft dazu auf, bei der ganzen Sache «cool zu bleiben».
Monika Skolimowska, Keystone
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Hitler und die Nazis seien nur ein «Vogelschiss» in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte gewesen, sagte Alexander Gauland. Der Chef der Alternative für Deutschland (AfD) provozierte damit grosse Empörung, ein Einzelfall war der Satz aber nicht.

Vor Gauland hatte sich Björn Höcke ähnlich geäussert: Das Berliner Holocaust-Mahnmal sei ein «Denkmal der Schande», Deutschland brauche eine erinnerungspolitische «Wende um 180 Grad». Beide verfolgen dieselbe politische Agenda: Wer es schafft, die Geschichte umzuschreiben, kann auch mit der Zukunft ganz anders umspringen.

Weder Gauland noch Höcke sind Neonazis oder Nazi-Nostalgiker, sie verharmlosen die NS-Verbrechen aus geschichtspolitischem Kalkül. Das Gedenken an den Holocaust hat Deutschlands Staatsräson nach dem Krieg entscheidend geprägt. Wer es angreift, greift das gültige Selbstverständnis des Landes frontal an: «Nur wenn sich Deutschland zu seiner immerwährenden Verantwortung für die moralische Katastrophe in der deutschen Geschichte bekennt, können wir die Zukunft menschlich gestalten.» So drückte Kanzlerin Angela Merkel es vor zehn Jahren aus, als sie in Jerusalem sprach.

Auf dem Weg zu einer hemmungsloseren Politik

Die AfD will aber ein anderes Deutschland, und diesem stehen die alten Scham- und Schuldgefühle im Weg. Indem sie das Gedenken an den Holocaust lächerlich macht oder die Verbrechen der Wehrmacht leugnet, stösst sie die Tür auf zu einer hemmungsloseren Politik. Wer keine Schuld mehr anerkennt, braucht auch keine besondere moralische Rücksicht mehr zu nehmen: weder gegenüber «faulen» Griechen, Italienern oder Afrikanern, muslimischen «Kopftuchmädchen» oder «Kamelfickern» noch gegenüber dem «Gender-Wahnsinn» der Feministinnen oder Homosexuellen. Wer das deutsche Selbstbewusstsein von moralischem «Ballast» befreit, kann aggressiv jenen alten Nationalismus und Rassismus durchsetzen, den die AfD für das Gebot der Stunde hält, sei es in der Flüchtlings- oder der Europapolitik.

Dass den neuen Rechten diese epochale Umwertung gelingt, scheint derzeit sehr unwahrscheinlich – das belegt auch die fast einhellige Empörung, die auf Gaulands Worte folgte. Die AfD-Strategen vertrauen freilich darauf, dass ihr Gift wirkt, auch wenn erst eine kleine, radikale Minderheit es einnimmt.

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