Grossbritannien, von innen zerfressen

Wer das Land weiterregiert, ist unklar. Klar aber ist, dass der Brexit als Ideologie das britische Parteiensystem zerrüttet.

Der rote Teppich ist ausgerollt, aber wer in 10 Downing Street einzieht, ist ungewiss. Foto: Kirsty Wigglesworth (AP)

Der rote Teppich ist ausgerollt, aber wer in 10 Downing Street einzieht, ist ungewiss. Foto: Kirsty Wigglesworth (AP)

Cathrin Kahlweit@CathrinKahlweit

Was nach den Kommunal- und Europawahlen im Mai noch vom britischen Parteiensystem und damit von der jahrzehntelang eingeübten Machtbalance übrig ist, liegt mittlerweile in Scherben. Vorhersagen, dass es bald schon keine Tory-Partei mehr geben könnte, dafür aber zwei Sozialdemokratien, sind nicht abwegig. Genauso wenig wie die, dass Nigel Farage von der Brexit-Partei nach vorgezogenen Neuwahlen in die Downing Street als Premier einziehen könnte oder dass eine junge Mutter von zwei kleinen Kindern, Jo Swinson, die gerade als nächste Chefin der Liberaldemokraten kandidiert, die Geschicke des Landes massgeblich mitbestimmen dürfte.

Jenseits des Ärmelkanals kannte man lange im Wesentlichen nur die Konservativen mit selbstbewussten Anführern wie Maggie Thatcher und die Sozialisten mit linken Popstars wie Tony Blair. Man wird sich umstellen müssen auf dem Kontinent. Und auch die Briten selbst reiben sich die Augen. Die LibDems, die unter David Cameron in der Koalition sassen, galten als abgemeldet, die Grünen holten aufgrund des Mehrheitswahlrechts gerade mal einen Sitz im Unterhaus, und die Austrittspartei Ukip, die vor allem im EU-Parlament in Brüssel ihr Unwesen trieb, hatte sich mit rechtsradikalen Umtrieben ins Aus geschossen.

Wahlkampf vom Brexit bestimmt

Aber plötzlich ist alles anders. Das liegt nicht nur, aber vor allem am Brexit, der das ganze politische Koordinatensystem verschoben hat. An einer extrem schwachen Premierministerin, in deren Amtszeit sich die schon lange zerstrittenen europhoben und europhilen Hälften ihrer Partei in tödlich verfeindete Lager aufspalteten. Sowie an dem von seinen Fans zum Helden und Heiligen erhobenen Labour-Chef, dessen Partei sich über Antisemitismus, Intoleranz und, ja natürlich, auch über der Brexit-Frage selbst zerlegt.

Jeremy Corbyn ist im Amt. Noch. Mitglieder und Wähler laufen davon, und laut Umfragen finden die Briten den Gedanken, dass der Chef der unlängst noch so siegesgewissen Labour Party das Land regieren könnte, ungefähr genauso unerträglich wie den, dass Theresa May weitergemacht hätte. Wer kann, wer soll also das Land einen und aus der tiefsten Krise seit Jahrzehnten führen, in der es sich, durchaus selbst verschuldet, befindet? Kein Retter, nirgends.

May hat den Parteivorsitz abgegeben. Premierministerin bleibt sie, bis die Queen ihren Nachfolger ernennt. Derzeit wetteifern elf Männer und zwei Frauen um die Tory-Führung. Wichtige Fragen wie Gesundheit, Klima, Armut werden zwar in diesem Massenwahlkampf, der an die Primaries in den USA erinnert, gestreift. Aber entscheiden wird sich der Wettbewerb am brennendsten Problem: dem Brexit.

Idee und Ideologie

Alle Bewerber behaupten, sie hätten Antworten, aber die Vorschläge gleichen dem, was man kennt und was durch stete Behauptung nicht glaubwürdiger geworden ist: Nachverhandeln mit der EU, ein besseres Team in Brüssel, eine technische Lösung für Irland, oder aber, höchst populär, «No Deal». Der wird teils verbrämt als «managed no deal», als könne man den harten Brexit abfedern, oder aber, von Kandidaten wie Ex-Aussenminister Boris Johnson oder Ex-Brexit-Minister Dominic Raab, als super Lösung verkauft.

Wer aus dem Rennen als Kandidat hervorgeht, ist unklar. Klar ist nur, dass der Brexit, der immer noch nur Idee und Ideologie ist, eine bewährte Demokratie von innen zerfrisst.

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