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Hervorragend unitalienisch

Der Italiener Mario Draghi wird als Topkandidat für das Präsidium der Europäischen Zentralbank gehandelt.

Wenn man in den Kreisen, die in der europäischen Finanzwelt etwas zählen, in London und Frankfurt, von Mario Draghi spricht, dann geht das selten ohne fast tiefenpsychologische Auseinandersetzung mit dessen Herkunft ab. Obschon es natürlich keinen Zweifel an seiner Nationalität gibt. Der Gouverneur der italienischen Notenbank, der Banca d’Italia, ist Italiener. Er ist in Rom geboren, ist in Rom aufgewachsen, hat in Rom studiert und hat vielen römischen Kabinetten angehört. Er vertrat Italien einst bei der Weltbank. Nur heisst es von ihm, er sei in seiner ganzen Art «unitalienisch». Und das ist in diesen Kreisen ein Kompliment, vielleicht das wichtigste Prädikat überhaupt.

Mario Draghi, 63 Jahre alt, passionierter Bergsteiger mit Hang zum Understatement, seriös und britisch distinguiert, soll bald Europas oberster Geldpolitiker werden, Nachfolger des Franzosen Jean-Claude Trichet an der Spitze der Europäischen Zentralbank. Die Franzosen wollen das so, die Spanier auch, die Italiener sowieso, auch die Luxemburger und die «Financial Times» – alle finden, dass es keinen Besseren gibt für den Posten. Und für einmal sieht es so aus, als ob die Europäer, die gemeinhin eher zur Nominierung des Mittelmasses tendieren, tatsächlich bereit sind, den Besten zu portieren. Nur die Deutschen zieren sich noch ein bisschen. Sie hätten lieber einen Deutschen gehabt. Doch nach dem Rückzug von Bundesbankchef Axel Weber fehlt es ihnen an einem valablen Kandidaten. Nicht dass sie etwas gegen Draghi persönlich hätten: Dessen Curriculum und Fachwissen sind unbestritten. Doch sie haben etwas dagegen, wenn die Franzosen und die Italiener unabgesprochene Deals besiegeln. Und sie haben etwas gegen Draghis Herkunft, gegen das Signal, das die Berufung eines Italieners in dieses Amt bedeutet.Italien ist im «Club Med» der Haushaltsünder Stammmitglied, die Staatsverschuldung ist horrend. Im wenig schmeichelhaften Akronym PIIGS steht ein I für Irland und eines für Italien. Aber eben, Draghi ist ein unitalienischer Italiener. Nach dem Studium der Ökonomie, das er am MIT in Boston mit dem Doktorat abschloss, arbeitete er als Professor in Harvard, als Berater und als Staatssekretär im italienischen Schatzministerium – ohne Parteiausweis. Draghi ist ein Technokrat, kein Politiker. Ein liberaler Pragmatiker und Analytiker, kein Theatraliker. Der Ziehsohn des früheren Ministerpräsidenten und Staatspräsidenten Carlo Azeglio Ciampi half bei der Privatisierung vieler Staatsbetriebe. Und als es Ende der 90er-Jahre galt, Italien für die Europäische Währungsunion zu qualifizieren, gehörte er zum Team, welches das unmöglich Gewähnte schaffte. Am meisten überrascht waren die Deutschen.Von 2002 bis zur Berufung zum «Governatore» der Zentralbank 2005 leitete Draghi das Europageschäft der Bank Goldman Sachs. Das rundete seine Vielseitigkeit ab, warf aber auch einen Schatten auf seine Karriere: Die Bank half Griechenland beim Schönen seiner Finanzen. Als allüren- und parteiloser Notenbankchef ist Draghi beliebt. So beliebt, dass er in der Dämmerung der Ära Berlusconi oft und ungefragt als künftiger Regierungschef gehandelt, ja herbeigesehnt wurde, gewissermassen als Retter der Nation. Doch für diese Rolle ist Mario Draghi wohl nicht italienisch genug.

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