Im Kampf gegen den Bedeutungsverlust

Deutschlands evangelische Kirche hat mit Heinrich Bedford-Strohm einen neuen Präsidenten. Er will sich einmischen.

Keine einfache Aufgabe: Die Evangelische Kirche Deutschlands muss mit einem überalterten Rat gegen den Mitgliederschwund kämpfen. Foto: Anthony Anex / Keystone

Keine einfache Aufgabe: Die Evangelische Kirche Deutschlands muss mit einem überalterten Rat gegen den Mitgliederschwund kämpfen. Foto: Anthony Anex / Keystone

Michael Meier@tagesanzeiger

Aufbruch dank Besinnung auf die Tradition: Die protestantischen Kirchen stehen ganz im Banne der bevorstehen Reformationsjubiläen – 2019 wird in Zürich gefeiert, 2017 in Wittenberg.

In Deutschland hatte man es der charismatischen Bischöfin Margot Kässmann zugetraut, Gläubige und Gesellschaft auf die 500-Jahr-Feier von Martin Luthers Reformationsakt von 1517 hinzuführen. Im Oktober 2009 mit Bravour zur Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) gewählt, trat sie schon vier Monate später wegen einer Alkoholfahrt wieder zurück. Auch ihr Nachfolger Niklaus Schneider ist ein Jahr zu früh aus dem Amt geschieden, weil er seine krebskranke Frau begleiten will.

Jetzt soll es der bayrische Landes­bischof Heinrich Bedford-Strohm richten, der vergangene Woche zum neuen Ratsvorsitzenden der EKD gewählt worden ist. Zwar besitzt er weder die Bekanntheit noch die Popularität von Kässmann – trotzdem ist er zweifellos eine gute Wahl: Der 54-Jährige ist ein international angesehener Theologieprofessor mit Schwerpunkt Sozialethik.

Der SPD-Mann steht für ein sozial engagiertes Luthertum. Angesichts der wachsenden Zahl von Flüchtlingen forderte er in Bayern mehr Tempo bei der Umwandlung leer stehender Bundeswehrkasernen in Asylzentren. Zum Schutz der Iraker vor den IS-Terrorgruppen sprach er sich allerdings für einen internationalen Militäreinsatz aus.

Identitätsfragen

Der dreifache Familienvater wird es nicht einfach haben, den 23,4 Millionen deutschen Protestanten vorzuleben, was heute evangelische Identität bedeutet. Von den Rücktritten geschwächt, ist der 15-köpfige EKD-Rat auch überaltert.

Angesichts der schrumpfenden Mitgliederzahlen und der fehlenden Steuergelder wird Bedford-Strohm mehr Sparrunden begleiten müssen, als ihm lieb ist. Dazu wird er sich – neben dem Inhaltlichen – vor allem auch mit Strukturfragen beschäftigen müssen. In der Schweiz machen die reformierten Kirchen heute vor allem durch Strukturprozesse von sich reden. Auf der inhaltlichen Dimension wird sich Bedford-Strohm – ein Kirchenmann, der für einen weltoffenen und ökumenischen Kurs steht und der einer vergleichsweise liberalen Kirche vorsteht – stark mit Fragen der Sexualität und des Sterbens auseinandersetzen müssen. In allen Kirchen aber erntet Sturm, wer an das traditionelle Familienbild rührt.

Mit der im letzten Jahr veröffentlichten Orientierungshilfe zu Ehe und Familie löste die EKD Entrüstung aus. Konservative Geister sahen in diesem «Plädoyer für die Gleichberechtigung aller Formen von Partnerschaft» eine akute Gefahr für die Ehe. Seither bleiben alle EKD-Papiere zur Sexualethik in der Schublade.

Zankapfel Sterbehilfe

Dennoch hat Heinrich Bedford-Strohm angekündigt, sich in die grossen ­gesellschaftlichen Ethikdebatten einmischen zu wollen. Vor allem also beim heiss diskutierten Thema ­Sterbehilfe, wo die evangelische Kirche in Deutschland eine konservative Position vertritt.

Das im Bundestag verhandelte strafrechtliche Verbot der organisierten Sterbehilfe wird ihn besonders stark herausfordern. Mit der Mehrheit der EKD-Funktionäre erklärt der neue Ratsvorsitzende: «Die organisierte oder kommerzielle Sterbehilfe lehne ich ab. Hier brauchen wir eine klare gesetzliche Regelung.» Trotz seines gewinnenden Wesens und seines scharfen Intellekts wird es ihm kaum gelingen, seine Position dem diametral anders denkenden Kirchenvolk verständlich zu machen.

In Sachen Sterbehilfe stehen also auch die protestantischen Kirchen im Gegenwind gesellschaftlicher Trends. Mehr noch als der moralische Bedeutungsverlust fällt der demografische ins Gewicht: Die protestantischen Kirchen werden kleiner, älter und ärmer.

Mag sein, dass das anstehende Reformationsjubiläum, das auch Bedford-Strohm als Weltereignis begehen will, eine Chance bedeutet, sich neu zu positionieren. Dennoch wird die Erwartung, mit den grossen Feierlichkeiten das evangelische Profil zu schärfen und damit die Gesellschaft neu zu beleben, wohl ein Traum bleiben.

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