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Jahrmarkt der Hoffnung

Eine Klimakonferenz ist mehr als eine Bühne zäher Verhandlungen. Sie ist auch Ausstellung und Hochschule. Ein Rundgang zwischen Zuversicht und Zweifel.

Im Kongressgebäude der polnischen Stadt Katowice findet zurzeit die internationale Klimakonferenz statt. Foto: Grzegorz Celejewski (Agencja Gazeta, Reuters)
Im Kongressgebäude der polnischen Stadt Katowice findet zurzeit die internationale Klimakonferenz statt. Foto: Grzegorz Celejewski (Agencja Gazeta, Reuters)

Wenn der Zug der Diplomatie ins Stottern gerät, ist es gut, einen Ort der Bewegung aufzusuchen. Der Weg dorthin ist an der Klimakonferenz im polnischen Katowice kurz, gerade einmal dreihundert Meter lang. Er führt durch eine verwinkelte Schleuse, die das Kongresszentrum der Verhandlungen mit dem Pavillon, sagen wir: der Hoffnung, verbindet.

Hier geht es zu und her wie in einem arabischen Suk. Es wird diskutiert, informiert, referiert. Tausende Menschen drängen sich durch das Zelt. Die meisten haben nichts mit dem Ausgang der Klimaverhandlungen zu tun. Auf ihren Badges, die sie um den Hals tragen, heisst es: Beobachter. Sie gehören zu Umwelt- und Entwicklungsorganisationen, Business-Institutionen, sind Unternehmer oder Vertreter indigener Völker. Sie wollen lehren und lernen, was sich so tut auf der Welt, die sich laut den Klimaforschern gefährlich schnell erwärmt.

Indonesien hat sich den besten Platz ergattert. Der Inselstaat empfängt die Gäste im «Pavillon der Hoffnung» als erstes Land und präsentiert sich wie auf einer Ferienmesse. Bunte Sonnenschirme, junge Damen in traditionellen Kleidern, Bilder von herrlichen Landschaften – und ein Pianospieler. Serviert werden Kaffee, Tee und Hochglanzprospekte über den Klimawandel und die Pläne der Regierung, dagegen anzukämpfen will. Es herrscht Aufbruchstimmung.

Die Zeiten haben sich geändert

Seit die Vertragsstaaten vor drei Jahren im Pariser Abkommen beschlossen, dass nicht mehr nur die reichen, industrialisierten Länder für den globalen Klimaschutz verantwortlich sind, sondern die gesamte Welt, jeder einzelne Staat seinen Beitrag leisten muss, ist offensichtlich Bewegung in den lahmen globalen Klimabetrieb gekommen. Wenigstens erhält man diesen Eindruck auf dem Jahrmarkt der Lösungen in Katowice.

Es ist noch nicht so lange her, da waren Klimakonferenzen vor allem politische Kämpfe, die sich in den Aktionen der Umweltbewegung spiegelten. Im niederländischen Den Haag vor 18 Jahren bauten Aktivisten noch einen Damm aus Sandsäcken vom Kongresszentrum bis an die Küste, um vor dem Anstieg des Meeresspiegels zu warnen. Oder Greenpeace kaperte die hohen Kamine eines Kohlekraftwerkes im polnischen Posen. In Kopenhagen gingen 2009 Hunderttausende auf die Strasse, um gegen die Regierungen und ihre wenig ehrgeizige Klimapolitik zu protestieren.

An politischen Protestaktionen fehlt es auch heute nicht. Aber sie sind kleiner geworden. In Katowice wird lautstark eine US-Veranstaltung sabotiert, in der es um saubere fossile Energie geht. Da wird in einer Nische des Kongressgebäudes «Klima-Gerechtigkeit für alle» skandiert. Doch die Digitalisierung hat auch bei den Umweltorganisationen Einzug gehalten, längst ist Social Media ihre grosse Bühne geworden.

Alle wollen sich präsentieren

In den letzten Jahren ist aber ein neues Element dazugekommen: Die Welt soll erfahren, was bereits getan und schon bald machbar wird. Indien hat in Katowice keine Kosten gescheut, um mit aufwendigen Projektionen zu demonstrieren, wie sein Netz der erneuerbaren Energieversorgung wächst. Ein japanischer Ingenieur erklärt im roten Arbeitsoverall eine neue Windanlage, die selbst bei einem Taifun Strom produziert, China entwickelt hocheffiziente Elektromotoren, Russland plant die Treibhausgase beim Bauxit-Abbau zu reduzieren, afrikanische Staaten forsten auf, und Saudiarabien entwickelt effizientere Verbrennungsmotoren. Auch Europa hat seinen Auftritt mit Grossbritannien, das ein autonom fahrendes Elektrofahrzeug ausstellt. Und die EU zeichnet in ihrem Pavillon mit klugen Vorträgen den Weg in die postfossile Gesellschaft.

Das sind bloss Kleinigkeiten im grossen Ganzen der geplanten weltweiten Energie-Revolution. Aber hier geht es um die Botschaft: Alle ziehen am gleichen Strick. «Together Change» heisst das Motto an der Klimakonferenz in Katowice. «Wichtig ist, dass die Regierungen überzeugt sind, dass sie etwas erreichen können», sagt Nate Hultman von der Maryland University in den USA in einem der vielen Vorträge und Podien, die in Katowice angeboten werden. Und nimmt sein Land als Beispiel.

US-Präsident Donald Trump bekräftigte vor wenigen Wochen am G-20-Gipfel in Buenos Aires, dass die USA aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen werden. Die USA seien nicht draussen, versichert der Wissenschaftler aus Maryland. Im Gegenteil. «Über 3500 US-Städte und -Unternehmen machten Klimaversprechen für das Pariser Abkommen», sagt Nate Hultman. Sie repräsentieren immerhin 60 Prozent der US-Wirtschaftsleistung.

Nachhaltige Städte sind bedeutend

Überhaupt überrascht, wie viele Städte und Wirtschaftsunternehmen weltweit schon Versprechungen gemacht haben. Würden sie ihre Versprechen wahr machen, so wird an dieser Veranstaltung vorgerechnet, wären die Vertragsstaaten des Pariser Abkommens auf Kurs. Will heissen: Die Treibhausgase würden in einer Weise sinken, dass das Klimaziel – nämlich deutlich unter einer Erderwärmung von 2 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu bleiben – wieder in Reichweite wäre. Die neusten Schätzungen liegen gemäss der Forschungsorganisation Climate Action Tracker bei 3 Grad.

Nate Hultman gehört zur nicht kleinen Gruppe, die das Bild des klimaskeptischen Amerikaners wieder ins rechte Licht rücken will. In früheren Jahren organisierte der weltweit zweitgrösste Produzent von Treibhausgasen nach China jeweils ein grosses Forum, auf dem Wissenschaftler und Spitzendiplomaten über die Lage der Welt nachdachten. Heute ist es die einzige Regierung der Grossproduzenten, die in Katowice fehlt. Nun gibt es den «Panda-Hub», den kleinen Debatte-Raum des amerikanischen WWF. Dort treten US-Bürgermeister und Unternehmer auf und verkünden ihren Beitrag für den weltweiten Klimaschutz.

Die fossile Energie wird immer noch weltweit mit etwa 400 Milliarden Dollar jährlich subventioniert.

Doch wo Euphorie herrscht, gibt es auch Enttäuschung. Wer ob der Aufbruchstimmung etwas abgehoben ist, landet schnell wieder auf dem Boden der Wirklichkeit. Neben zahlreichen Lösungen gibt es ebenso viele Probleme im «Pavillon der Hoffnung». So zeichnet Richard Birdle kein gutes Bild vom globalen Energiemarkt. «Es gibt eine Revolution bei der erneuerbaren Energie, die Technik ist marktreif, aber eine Barriere ist die Subventionierung der fossilen Energie», sagt der Experte vom kanadischen Internationalen Institut für nachhaltige Entwicklung.

Im letzten Jahr flossen etwa 400 Milliarden Dollar in die Förderung und Verbilligung von Erdöl, Gas und Kohle. «Niemand will die erneuerbare Energie subventionieren, aber solange die fossile unterstützt wird, bleibt nichts anders übrig.» Zum Vergleich: Die Industriestaaten müssen gemäss Klimaabkommen ab 2020 jährlich hundert Milliarden Dollar generieren, um die ärmsten Staaten im Klimaschutz zu unterstützen.

Die Tour durch den Jahrmarkt der Hoffnung hat zuversichtlich begonnen, geblieben ist jedoch grosse Skepsis, ob der globale Klimaschutz rechtzeitig in Schwung kommt. Da hilft auch die Lebensfreude der Indonesier nicht. Hinter der Werbekulisse im kleinen Atrium werden nicht Lösungen geboten, sondern sind diese gefragt. «Wir wissen nur wenig über die Torfmoore in Indonesien und das Management dieser Landschaften», referiert ein Wissenschaftler vor wenigen Zuhörern. Das grösste Kohlenstoffreservoir Südostasiens steckt in den Böden der Torfmoorwälder Indonesiens. Milliarden Tonnen Kohlendioxid entweichen jährlich durch die Trockenlegung. «Die Gesetze sind streng», sagt der Wissenschaftler. Doch an der Umsetzung hapere es noch.

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