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Jetzt schlägt die Stunde des Schiedsrichters

Staatspräsident Sergio Mattarella hat nun das Schicksal der italienischen Regierung in der Hand. Er selbst sieht sich wie als «Arbitro» in einem Fussballspiel.

Oliver Meiler, Rom
Jetzt ist der Staatschef am Zug: Sergio Mattarella entscheidet über das politische Schicksal in Italien. (Keystone/Simone Arveda/Archiv)
Jetzt ist der Staatschef am Zug: Sergio Mattarella entscheidet über das politische Schicksal in Italien. (Keystone/Simone Arveda/Archiv)

Und nun schaut alles zum «Colle», dem Hügel. So, ganz allgemein, nennen die Italiener jene sanfte Anhöhe in Rom, eine von sieben, die in politischen Krisenzeiten plötzlich zum leuchtenden Berg werden soll. Gemeint ist der Quirinal.

Dort steht der Palast des Staatspräsidenten, es ist ein wirklich stattlicher Palazzo mit prächtigem Garten und hochgeschossenem Wachpersonal, den Corazzieri. Früher zogen sich Könige und Päpste da zurück. Nun residiert Sergio Mattarella im Palast, ein Christdemokrat aus Palermo, 78, zwölfter Staatschef im republikanischen Italien. Das ist seine Stunde, die Stunde des Schiedsrichters. So beschrieb er seine Rolle selbst, als er 2015 überraschend ins Amt gewählt wurde. Ein Schiedsrichter wie beim Fussball, Hüter der Regeln.

Gespielt wird, um beim Bild zu bleiben, in der Sala alla Vetrata, wo Mattarella in den kommenden Tagen die Delegationen aller Parteien empfangen wird, um sich eine Übersicht zu verschaffen über die Mehrheitsverhältnisse im zerrütteten Parlament.

Natürlich weiss er das meiste schon, bevor sie hochsteigen zum «Colle». Doch das Ritual der Konsultationen folgt nun mal einer langen Tradition. Was in der Sala alla Vetrata genau gesagt wird, sollte vertraulich bleiben. Aber es gibt Kanäle nach draussen, manche dienen auch nur der politischen Weichenstellung und der Taktik. In dieser Phase pflegen die Politiker einhellig zu sagen, sie vertrauten auf den Präsidenten der Republik. Eine Formel der institutionellen Korrektheit, aber nicht nur: Damit zerren sie den Staatschef auch ein bisschen an der Jacke, wie man hier unziemliche Einflussnahmen auf den Staatschef nennt.

Die Regisseure in einem solchen Moment

Wenn etwa Matteo Salvini sagt, er vertraue auf Mattarella, meint er damit, dass der ja wohl hoffentlich schon so frei sei und seinem Wunsch nach baldigen Neuwahlen stattgibt. Sagt denselben Satz ein Sozialdemokrat, meint er, dass Mattarella wohl sicherlich genau davon absehen werde.

In Krisenzeiten sind italienische Präsidenten, die sonst vor allem hübsche Reden halten und Medaillen verteilen, wahre Regisseure des nationalen Schicksals. Sie dürfen dann fast alles. Parlamentskammern auflösen und Neuwahlen ausrufen. Übergangsregierungen einsetzen, institutionelle oder technokratische. Neue Mehrheiten ausloten für Kabinette, die dann die restliche Legislaturperiode regieren. Ohne den Segen des Präsidenten wird in Italien niemand Premier, für jeden Ministerposten braucht es sein Zuspruch. So steht es in der Verfassung.

Doch natürlich zerfällt bei vielen Politikern jeweils jeder institutionelle Respekt, sobald es nicht mehr nach ihrem Gusto läuft. Der Sozialist Sandro Pertini, Präsident von 1978 bis 1985, sagte einmal entnervt: «Sie hätten mich wohl gerne taub, stumm und blind.» Es gab Präsidenten, die ihre Rolle offensiv interpretierten und sich einmischten. Pertinis Nachfolger Francesco Cossiga etwa, ein sardischer Christdemokrat mit scharfer Zunge, trug den zweifelhaften Übernamen «Picconatore», Mann mit der Spitzhacke, weil er gerne polemisch über seine Gegner herzog.

Auch Giorgio Napolitano, Staatschef von 2006 bis 2015, war kein simpler Notar. Man nannte ihn «Re Giorgio». König Georg war ein Interventionist. Über allfällige Spitznamen für Mattarella entscheiden die kommenden Wochen. «Arbitro» wäre ihm am liebsten, Unparteiischer.

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