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Märtyrer Chodorkowski nimmt Schaden

Will sich Michail Chodorkowski wirklich ins Haifischbecken russischer Politik begeben, hat ihm Wladimir Putin heute gar keinen Gefallen gemacht – aber das war natürlich Kalkül.

Und wieder ist er für eine Überraschung gut. Geschlagene vier Stunden spricht Russlands Präsident Wladimir Putin mitunter einschläfernd über Gott und die Welt. Zum Thema Michail Chodorkowski und Jukos weiss er nicht viel mehr zu sagen, als dass er bisher keinen Grund sehe für einen dritten Prozess gegen den einst reichsten Mann Russlands, wie er die letzten Tage diskutiert wurde. Doch das sei Sache der Staatsanwaltschaft, sagt der Präsident, ganz der gesetzestreue Zar. Doch kaum sind die Kameras abgeschaltet, lässt er im kleinen Kreis russischer Journalisten die Bombe platzen: Michail Chodorkowski habe ein Gnadengesuch gestellt, sagt er. In den nächsten Tagen werde er einen Erlass zur Freilassung des einstigen Ölmagnaten unterzeichnen – aus humanitären Gründen. Chodorkowskis Anwalt liess umgehend verlauten, sein Mandant habe keinerlei Gnadengesuch gestellt. «Das hat nicht stattgefunden und wird nicht stattfinden.» Im Klartext: Chodorkowski wird dem Kreml niemals den Gefallen tun, um Gnade zu betteln.

Als Chodorkowski vor zehn Jahren verhaftet wurde, weinten ihm die Russen keine Träne nach. Er war ein typisches Beispiel jener Räuberbarone, welche Russland hemmungslos ausgeplündert haben. Putin wurde zwar im Ausland harsch für die Verhaftung mit vorgehaltener Waffe kritisiert, Chodorkowski als politischer Gefangener bezeichnet. Doch in Russland selber erntete Putin damals viel Applaus dafür, dass er dem Treiben der Oligarchen, die sich in der späten Jelzinzeit im Kreml breitmachten, endlich ein Ende setzte. Das Schicksal Chodorkowskis war das Warnsignal an alle Wirtschaftsbosse: So ergeht es jedem, der sich nicht an die Spielregeln hält und der Politik fernbleibt. Heute fordert Putin nach Belieben Geld für Projekte wie die Olympischen Spiele in Sotschi von den handzahmen Oligarchen.

Zehn Jahre Lager seien eine ernste Angelegenheit, sagt Putin zu Chodorkowskis Schicksal, will wohl heissen: Nun haben wir ihn kleingekriegt. Doch Michail Chodorkowski zeigte sich unbeugsam. Er schrieb über Demokratie und gegen den Verächter der Menschenrechte, Wladimir Putin. Die Bilder des Milliardärs an seinem kleinen Gefängnispültchen machten den Russen mit den Jahren Eindruck. Viele vergassen ihren Groll und identifizierten sich zunehmend mit diesem Opfer der russischen Willkür, welche die einfachen Menschen tagtäglich erleben. Lässt ihn Putin nun aus «humanitären Gründen frei», werden die Russen sofort irgendeinen unlauteren Deal hinter den Kulissen vermuten. Und das ist wohl auch Putins Absicht: Chodorkowski wäre ohne dritten Prozess dieses Jahr ohnehin freigekommen. Ihn wenige Monate vorher aus «humanitären Gründen zu begnadigen» schadet seinem Image als Märtyrer massiv, das er sich in zehn harten Jahren hinter Gittern erarbeitet hat und das er unbedingt braucht, wenn er sich nach seiner Freilassung wirklich ins Haifischbecken russischer Politik begeben will.

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