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«Mit dieser Gnade sollen sie zum Teufel fahren»

Nackter Protest, Zerstörung und Festnahmen: Das Pussy-Riot-Urteil wirft weltweit hohe Wellen. In Frankreich wurden Demonstranten mit Masken verhaftet. Auch in Zürich machen sich Aktivisten für Pussy Riot stark.

Ihr Anwalt fürchtete um ihre Sicherheit im Straflager: Die verurteilten Pussy-Riot-Mitglieder Maria Alechina und Nadeschda Tolokonnikowa.
Ihr Anwalt fürchtete um ihre Sicherheit im Straflager: Die verurteilten Pussy-Riot-Mitglieder Maria Alechina und Nadeschda Tolokonnikowa.
AFP
«Menschen, die niemals über diese Dinge nachgedacht haben, haben begonnen, darüber zu reden»: Jekaterina Samuzewitsch im Studio von Radio «Echo aus Moskau». (12. Oktober 2012)
«Menschen, die niemals über diese Dinge nachgedacht haben, haben begonnen, darüber zu reden»: Jekaterina Samuzewitsch im Studio von Radio «Echo aus Moskau». (12. Oktober 2012)
Keystone
Das kritisierte Punk-Gebet: Pussy Riot bei der Performance in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau. (Februar 2012)
Das kritisierte Punk-Gebet: Pussy Riot bei der Performance in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau. (Februar 2012)
Keystone
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Die drei zu Haftstrafen verurteilten Musikerinnen der russischen Punkband Pussy Riot wollen kein Gnadengesuch bei Präsident Wladimir Putin einreichen. «Mit dieser Gnade sollen sie zum Teufel fahren», hätten die Frauen auf eine entsprechende Nachfrage ihrer Anwälte geantwortet, sagte Verteidiger Nikolai Polosow heute.

Er bekräftigte jedoch, gegen die Urteile in Berufung gehen zu wollen. Die 22-jährige Nadeschda Tolokonnikowa, die 24-jährige Maria Alechina und die 30-jährige Jekaterina Samuzewitsch wurden am Freitag des «Rowdytums» aus religiösem Hass schuldig erklärt und zu jeweils zwei Jahren Lagerhaft verurteilt.

Sie hatten im Februar in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale ein Protestgebet gegen Putin aufgeführt. Nach Ansicht von Beobachtern könnte die Strafe in einem Berufungsverfahren reduziert werden.

Neues Verhör von Kasparow

Die russische Polizei hat heute den Regierungskritiker und früheren Schachweltmeister Garri Kasparow verhört. Er war am Freitag in Moskau bei einer Solidaritätskundgebung für Pussy Riot festgenommen worden und kam am Samstag zusammen mit etwa 50 weiteren Demonstranten wieder frei.

Laut Berichten wird Kasparow vorgeworfen, einem Polizisten ins Ohr gebissen zu haben. Kasparow wies den Vorwurf zurück und berichtete von Misshandlungen in der Untersuchungshaft. Ihm drohen nun bis zu fünf Jahre Lagerhaft. Kasparow sagte nach seinem Verhör in einem Moskauer Polizeikommissariat, die Polizisten hätten zugesagt, ein von ihm überreichtes Video an den örtlichen Untersuchungsausschuss weiterzuleiten. Dieser müsse dann entscheiden, ob Ermittlungen aufgenommen würden. Die Nachrichtenagentur Interfax zitierte Kasparow mit den Worten: «Ich möchte diesen Polizisten sehen. Zu sagen, ich hätte jemanden gebissen, das ist Wahnsinn!»

Prüfung von Klage gegen Madonna

Ein Gericht in St. Petersburg will nach eigenen Angaben zudem bis zum Ende der Woche über die Zulassung einer Klage gegen die US-Sängerin Madonna befinden. Die Klage wurde von russischen Aktivisten eingereicht, nachdem Madonna bei einem Konzert in der Stadt für die Rechte Homosexueller geworben hatte.

In St. Petersburg war im Februar ein Gesetz in Kraft getreten, das ein öffentliches Eintreten für Homosexualität und Pädophilie verbietet.

Von der französischen Polizei gestoppt

In Frankreich ist es bei einer Solidaritätskundgebung für die Band zu einem Zwischenfall gekommen: Polizisten verhafteten gemäss der Zeitung «La Provence» am Freitag in Marseille sieben Personen, weil sie eine Maske trugen, welche zum Markenzeichen der Pussy-Riot-Musikerinnen geworden ist. Der Grund: 2011 hatte die französische Regierung ein Gesetz erlassen, das die Gesichtsverschleierung verbietet. Um sich gegen Vorwürfe abzusichern, auf diese Weise würden Muslime diskriminiert, wurden die Einschränkungen auf alle Gesichtsbedeckungen ausgeweitet.

Ein Polizeibeamter rechtfertigte den Einsatz: «Sie trugen auf öffentlichem Grund Mützen im Gesicht – das ist illegal.» Die Demonstranten – Schriftsteller, Poeten, Kulturschaffende – wurden unter lautstarkem Protest zur nächsten Polizeistation gebracht und befragt. «Wir haben uns versammelt, um für die Meinungsäusserungsfreiheit in Russland einzustehen und werden von der französischen Polizei gestoppt», sagte einer der Verhafteten.

Die nackten Femen gehen noch weiter

Das Urteil gegen die Punkband Pussy Riot hat auch die ukrainische Frauenprotestgruppe Femen erzürnt. Dabei gehen sie mit ihrem Protest noch weiter als die Russinnen: Die Nacktaktivistinnen haben Putin und Kirill Gundyaev, dem Oberhaupt der orthodoxen Kirche, nichts weniger als den Krieg erklärt. Wie das Nachrichtenportal «Les nouvelles news» berichtet, hat am Freitag eine der Femen-Leiterinnen, Inna Shevchenko, ein grosses Kreuz im Zentrum Kiews zerstört. Auf ihrer Facebook-Seite haben Femen nun den Krieg für die Freiheit der Frauen ausgerufen. Auf Bildern sind die Aktivistinnen dabei zu sehen, wie sie mit Kettensägen blutüberströmte Fotos von Kirill und Putin zerstören.

Auch in Zürich machten sich heute Aktivisten für Pussy Riot stark: Das Freie Punk Komitee hat ein Transparent an einem der Türme des Grossmünsters in Zürich befestigt, auf dem der Spruch «Free Pussy Riot – Fuck Putin» prangte. Als die Polizei beim Grossmünster eintraf, rollten die Aktivisten das Transparent sofort wieder ein.

(sda/AFP)

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