Moderne Sklaverei – oft unbestraft

Menschenhandel und Sklaverei sind in Grossbritannien weit verbreitet. Eine Bande aus Newcastle wurde nun zu langen Haftstrafen verurteilt. Doch der Fall ist nur die Spitze des Eisberges.

Vor allem junge Frauen werden zu Opfern von Menschenhändlern. Die Täter bleiben – wie hier auf dem Symbolbild – meistens unerkannt.

Vor allem junge Frauen werden zu Opfern von Menschenhändlern. Die Täter bleiben – wie hier auf dem Symbolbild – meistens unerkannt. Bild: Fotolia

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Eine Bande in der Stadt Newcastle hat jahrelang Mädchen und junge Frauen mit Drogen gefügig gemacht und auf Sexpartys in Grossbritannien angeboten. Die 17 Männer und eine Frau, allesamt Briten mit Migrationshintergrund, wurden diese Woche in fast 100 Anklagepunkten – darunter Vergewaltigung und Menschenhandel – schuldig gesprochen. Sie erhielten Gefängnisstrafen von insgesamt mehr als 300 Jahren, wie der Nachrichtensender Sky News berichtete.

Der Fall von Newcastle ist nur einer von vielen. Frühere Ermittlungen hatten ergeben, dass in Rotherham mindestens 1400 Kinder zwischen 1997 und 2013 sexuell ausgebeutet worden waren. Menschenhandel und moderne Sklaverei blühen in Grossbritannien, und die Zahl der Betroffenen ist viel höher als bislang gedacht: Die Ermittlungsbehörde National Crime Agency (NCA) geht davon aus, dass die bislang geschätzten 13'000 Fälle nur die Spitze des Eisbergs sind.

Mit Arbeitsplätzen gelockt

Derzeit gebe es rund 300 Polizeiaktionen wegen vermuteter Fälle von Zwangsarbeit und sexueller Ausbeutung, erklärte die NCA diese Woche. «Wir waren geschockt von dem Ausmass», sagte der NCA-Beamte Will Kerr. «Das ist ein wachsendes Problem.» Dieses konzentriere sich dabei nicht auf eine bestimmte Region. Landesweit sei «jede grössere Stadt» betroffen, glaubt Kerr.

Die meisten Betroffenen werden aus dem Ausland nach Grossbritannien geschleust und dort zu Zwangsarbeit – häufig in Privathaushalten – oder zur Prostitution gezwungen, schreibt die Organisation Anti-Slavery International auf ihrer Website. Viele ausländische Opfer stammten aus armen Verhältnissen und würden mit der Aussicht auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz ins Land gelockt.

Hier angekommen, seien die Arbeitsbedingungen oft weitaus schlechter als beschrieben. Häufig würden die Opfer gezwungen, den Schleusern oder Vermittlern hohe Summen zu zahlen. Ihre Pässe würden ihnen abgenommen, die Betroffenen und ihre Familien würden dann durch Gewalt und Drohungen gefügig gemacht.

Die kriminellen Gruppen erzielen immense Profite. So habe eine Gruppe aus Osteuropa 5,7 Millionen Franken im Monat verdient, indem sie Frauen und Mädchen in die Prostitution verkauft habe.

Kritik an Sklaverei-Gesetz

Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, hat das Parlament in London 2015 den «Modern Slavery Act» verabschiedet, der hohe Strafen für Menschenhändler vorsieht. Ein Anti-Sklaverei-Kommissar, der dem Innenministerium unterstellt ist, befasst sich seitdem eingehend mit dem Problem.

Kritiker bemängeln jedoch, das Gesetz sei zu stark auf Überwachung und auf Strafverfolgung ausgerichtet und gehe nicht ausreichend auf die Opfer ein. Viele von ihnen würden von den Behörden als Straftäter behandelt, die gegen Einreisebestimmungen verstossen hätten, und nicht als Opfer von organisierter Kriminalität. Selbst Kevin Hyland, der Anti-Sklaverei-Kommissar, schätzt, dass nur etwa 1 Prozent der Opfer moderner Sklaverei eine Chance darauf habe, ihre Peiniger vor Gericht gebracht zu sehen.

Die britische Premierministerin Theresa May hat vor wenigen Wochen bei der Vorstellung ihres Regierungsprogramms angekündigt, sich länderübergreifend für ein Ende des Menschenhandels und der modernen Sklaverei einzusetzen. Konkrete Pläne hat sie aber bislang nicht vorgelegt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.08.2017, 11:45 Uhr

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