Neue Grexit-Debatte ist ein Spiel mit dem Feuer

Korrespondent Gerd Höhler erklärt, weshalb die Drachme für Griechenland keine Lösung ist.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Lange war das Thema tabu, jetzt ist das Wort plötzlich wieder in aller Munde: Grexit. Nicht nur der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble und FDP-Chef Christian Lindner stellen Griechenlands Zukunft in der Eurozone infrage.

Auch griechische Regierungspolitiker liebäugeln mit der Rückkehr zur Drachme. Mit der sei es den Griechen doch in den 1960er-Jahren ganz gut gegangen, glaubt sich Nikos Xydakis zu erinnern, Fraktionssprecher des Linksbündnisses Syriza. Das klingt ein wenig nach der «guten alten Zeit», die in der Erinnerung stets schöner erscheint, als sie wirklich war, und überdies nie wiederkehrt.

Schäuble versuchte schon 2015, den Griechen einen Grexit als «Auszeit» schmackhaft zu machen, als eine Art Reha, nach der sie gestärkt wieder in die Währungsunion zurückkehren könnten. Bei nüchterner Betrachtung ist allerdings klar: Wer einmal austritt, für den wird sich die Tür zur Eurozone nie wieder öffnen. Zumal es Griechenland während dieser Rosskur nicht besser, sondern sehr viel schlechter gehen würde.

Ein Grexit würde weder den Griechen noch ihren Gläubigern helfen. Die Probleme des Landes liegen nicht in seiner Währung, sondern in den chronischen Strukturschwächen sowie der Reform­unwilligkeit der Politik und grosser Teile der Gesellschaft. Durch eine Rückkehr zur Drachme würde das Land nicht per se wettbewerbsfähiger.

Zwischen 1975 und 1994 wertete sich die Drachme gegenüber den Währungen der wichtigsten Handelspartner um rund 85 Prozent ab. Dennoch stiegen die Exporte in diesem Zeitraum nur von 13 auf 16 Prozent des Bruttoinlandprodukts – trotz des Beitritts zur ­damaligen EWG und der späteren Zollunion. Das zeigt: Einem Land, das nur wenige gefragte Exportgüter produziert, helfen auch niedrige Preise nicht.

Der Tourismus könnte von einem Grexit eigentlich profitieren, weil die Ferien auf den griechischen Inseln dann für ausländische Gäste billiger würden. Aber wer reist schon gern in ein Land, das im Chaos versinkt? Genau das würde Griechenland drohen. Fachleute erwarten bei der Rückkehr zur Drachme eine Hyperinflation, einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um ein Fünftel und eine Abwertung gegenüber dem Euro um 65 Prozent im ersten Jahr.

Das Land bekäme Schwierigkeiten, Treibstoffe, Arzneien und sogar Lebensmittel zu importieren. Ihre Euroschulden könnten die Griechen mit der schwachen Drachme niemals abbezahlen. Die Hilfskredite wären verloren. Insofern hätten auch die Gläubiger nichts von einem Grexit.

Der Grexit würde zu noch höherer Arbeitslosigkeit und Massenelend in Griechenland führen. Das hätte unabsehbare Folgen für die politische Stabilität eines Landes, das im östlichen Mittelmeer ein wichtiger Sicherheitsanker sowohl der Europäischen Union als auch des Nato-Verteidigungsbündnisses ist – dies umso mehr, als sich die Türkei unter dem Despoten Erdogan gerade aus der europäischen Wertegemeinschaft verabschiedet.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund ist die Grexit-Debatte ein Spiel mit dem Feuer. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.02.2017, 08:22 Uhr

Gerd Höhler, Korrespondent
ausland@bernerzeitung.ch

Artikel zum Thema

Athen vor der Pleite – Lage erscheint aussichtslos

Ohne Finanzspritzen droht Griechenland im Sommer erneut der Staatsbankrott und der «Grexit». Diesmal könnte es ernst werden. Mehr...

Newsletter

Das Beste aus der Region.

Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Paid Post

«Erotik und nichts anderes»

Aus Umfragen ergibt sich einstimmig: Immer mehr Frauen wollen eine spontane, erotische Erfahrung mit einem Fremden erleben.

Die Welt in Bildern

Ab in den Matsch: Teilnehmer der Ostfriesischen Wattspiele versuchen im Schlamm Fussball zu spielen. (19. August 2017)
(Bild: Carmen Jaspersen) Mehr...