«Oh Kapitänin, meine Kapitänin»

Die junge deutsche Kommandantin Carola Rackete hat ein Schiff mit 42 Migranten an Bord in italienische Gewässer gesteuert – trotz Verbot. Italiens Innenminister ist erbost.

Eine Heldin, die Salvini herausfordert: Die Kapitänin Carola Rackete. Foto: Till M. Egen (EPA, Keystone)

Eine Heldin, die Salvini herausfordert: Die Kapitänin Carola Rackete. Foto: Till M. Egen (EPA, Keystone)

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Manche italienische Medien ­zeigen nun rund um die Uhr Livebilder aus Lampedusa. Sie stammen von einer Webcam am Hafen der Insel, sie filmt die Gewässer gleich davor. Im grauen Dunst der Hitze sieht man da, nur einige Hundert Meter vor der Einfahrt, jenes Schiff mit niederländischer Flagge, das nicht ­anlegen darf und damit die politischen Debatten im Land befeuert: die Sea-Watch 3, 50 Meter lang, 12 Meter breit, 42 Passagiere, 17 Crewmitglieder. Betrieben wird sie von der deutschen Hilfsorganisation Sea-Watch. Auch die Kapitänin ist Deutsche. ­Carola Rackete ist 31 Jahre alt, früher lenkte sie Eisbrecher in der Arktis.

«Eine kleine Angeberin»

Dass Rackete das Schiff nach langem Warten vor den Hafen von Lampedusa gesteuert hat, wo es jetzt in italienischen Gewässern liegt, und damit Italiens Verbot trotzt, gereicht ihr zu sehr unterschiedlichen Prädikaten. Ihre Fürsprecher nennen sie eine «Heldin» und eine «Verfechterin der Menschenwürde». Im Netz wurde ihr Mut mit der Anlehnung an eine berühmte Szene aus dem Film «Der Club der toten Dichter» begrüsst: «Oh Kapitänin, meine Kapitänin.»

Ihre rechten Kritiker dagegen beschimpfen sie. Matteo Salvini, der Innenminister der Lega, nannte sie in einer Liveschaltung auf Facebook eine «sbruffoncella», eine kleine Angeberin. Er wirkte dabei zornig. Die junge Kommandantin nervt ihn, weil sie schwer angreifbar ist. In einem Interview sagte Rackete, sie habe Glück gehabt in ihrem Leben, sie sei in einem reichen Land geboren, als Weisse, habe an drei Universitäten studiert. Darum habe sie sich entschieden, Menschen zu helfen, die weniger Glück haben. «Ich weiss, was ich riskiere», sagte sie auch, nämlich eine Geldstrafe bis zu 50000 Euro und eine Anklage wegen Begünstigung illegaler Einwanderung. Sie habe aber keine Wahl gehabt, die Menschen seien nach zwei Wochen an Bord am Ende.

Vieles an Salvinis Rundumschlag gegen die «Komplizen der Schlepper mit ihrem kleinen politischen Kalkül», wie er die NGO nennt, ist Propaganda. Und doch: Sein Duell mit der Kapitänin könnte bald Folgen haben für die Asylpolitik in Europa. Zumindest sieht es so aus, als habe Salvini vor, die Konfrontation mit Brüssel auf allen Ebenen zu suchen. Die EU, sagte er, schere sich keinen Deut um die Migration, lasse Italien damit allein und drohe dann auch noch mit einem Strafverfahren wegen zu hoher Staatsschulden. Natürlich haben die beiden Angelegenheiten nicht viel miteinander zu tun. Aber für die Eskalation ist die Verbindung gut. «La Stampa» schreibt von einem «totalen Krieg», den er da anstrenge.

Drohung aus Rom

In einem ersten Schritt könnte Italien damit aufhören, die Migranten zu identifizieren, die an seinen Küsten ankommen. Gemäss Dubliner Abkommen müssen die persönlichen Daten jedes Einzelnen in einer zentralen Datenbank registriert werden, samt Fotos und Fingerabdrücken. So lässt sich nachweisen, wo ein Asylsuchender als Erstes europäischen Boden betreten hat. Wird er dann in einem Drittland kontrolliert, kann er in das Erstland zurückgeschickt werden. Oft ist das Italien, weil der Stiefel im Mittelmeer geografisch nun mal exponiert ist. Salvini droht, er werde die Zuwanderer durchwinken, damit etwa Deutschland und Frankreich die Migranten später nicht einfach repatriieren könnten. Es wäre eine Rückkehr zu einer alten Praxis. Früher, als noch viele Migranten über die Route durch das zentrale Mittelmeer kamen, drückten die Italiener vielen ein Zugticket für die Weiterreise in den Norden in die Hand.

Luigi Di Maio, der andere ­Vizepremier von den Cinque Stelle, forderte nun eine schnelle Reform von «Dublin». Doch das gefiel dem Kollegen von der Lega nicht. «Ich bin hier der Innenminister», sagte Salvini. Verärgert ist er auch über die plötzlich angestiegenen Grenzüberschreitungen von Migranten zwischen Slowenien und Italien. Rom und Ljubljana haben jetzt beschlossen, an der Landesgrenze gemeinsam zu patrouillieren. Doch die ist lang: 230 Kilometer. Salvini soll von einem Stacheldrahtzaun träumen, wie ihn sein ungarischer Freund Viktor Orban an der Grenze zu Serbien und Kroatien gezogen hat.

Unterdessen liegt die Sea-Watch 3 im Hitzedunst vor Lampedusa und harrt der Dinge – wie ein Sinnbild für die Ohnmacht und die Heucheleien Europas im Umgang mit der Migration. Allein in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, als die Webcam des Hafens auf die Silhouette des blauen Kahns gerichtet war, kamen auf mehreren Booten 44 Migranten in Lampedusa an. Ohne Hilfe einer NGO. Und ohne Direktschaltung auf Facebook.

Video: Wer ist Matteo Salvini?

Ein rechter Hetzer oder gar der Retter Europas? Salvinis Aufstieg zum grössten Rechtspopulisten in Europa erklärt. (Video: Lea Koch und Nicolas Fäs)

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