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Serbiens Hang zum starken Mann

Osteuropa-Korrespondent Thomas Roser über die Präsidentschafts­wahlen in Serbien.

Die Verlierer lecken sich die Wunden, Serbiens Sieger triumphiert. Mit 55 Prozent hat Premier Aleksander Vucic bei der Präsidentenkür zwar 3 Prozent weniger erzielt als die ihn unterstützenden Parteien bei der Parlamentswahl vor Jahresfrist. Doch die Rechnung des Chefs der nationalpopulistischen SNS ist bei dem von ihm mit geballter Medienmacht inszenierten Blitzwahlkampf aufgegangen.

Ausdrücklich bedankte sich der frühere Informationsminister des verstorbenen Ex-Autokraten Slobodan Milosevic für die Schützenhilfe aus Berlin und Moskau. Tatsächlich hatten ihm sowohl Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch Kremlchef Wladimir Putin im Wahlkampffinale zu den begehrten Fototerminen verholfen. Berlin schätzt das wendige Politchamäleon wegen seiner Bereitschaft zum Kosovo-Dialog. Moskau sieht in Vucic wiederum die Garantie für bleibenden Einfluss beim EU-Anwärter – und einen verlässlichen Gegner einer Nato-Mitgliedschaft.

Katzenjammer ist bei der Opposition angesagt. Mit dem zweifelhaften Titel des Stärksten unter den Schwachen kann sich nur der frühere Ombudsmann Sasa Jankovic trösten. Der Parodiekandidat Ljubisa Überläufer erzielte zwar einen Achtungserfolg, vermochte aber eher enttäuschte Oppositionsanhänger denn wie erhofft bisherige Nichtwähler zu mobilisieren. Restlos enttäuschend verlief die Wahl für Ex-Aussenminister Vuk Jeremic und den ultranationalistischen SRS-Chef Vojislav Seselj. Ihr Debakel zeigt, dass Vucic die rechtsnationalen Kräfte fast vollständig absorbiert hat.

Die Verlierer machen vor allem die Wählerabstinenz und die totale Medienkontrolle von «Manipulator» Vucic für ihre Schlappe verantwortlich. Doch dass viele ihrer Anhänger den Urnen fernblieben, hat sich die Opposition auch selbst zuzuschreiben: Ihre Unfähigkeit, sich auf einen gemeinsamen Kandidaten zu einigen, hat die Erfolgschancen schon im Vorfeld deutlich gesenkt. Doch letztlich ist es wohl der serbische Hang zum starken Mann, der die Wähler wieder einmal auf den autoritären Platzhirsch setzen liess. Gemäss einer im November veröffentlichten Umfrage des Demostat-Instituts glauben drei Viertel der Serben, dass das Land einen «starken Führer» benötigt. Zu einem eher autoritären Politikmodell bekennen sich 61 Prozent.

Eine präsidiale Demokratie ist Serbien zwar keineswegs. Eine Selbstentmachtung hat der machtbewusste Vucic bei seinem bevorstehenden Wechsel ins eigentlich eher repräsentative Präsidentenamt trotzdem nicht geplant. Im Gegenteil: Statt von der Regierungsbank will er sein Land künftig vom Präsidentenpalast aus führen. Die Oppositionssorge, dass Vucic per Fernbedienung ein kaum mehr vom Parlament zu kontrollierendes Führersystem schaffen könnte, scheint angesichts seines autoritären Charakters nicht unbegründet. Als Staatschef dürfte Vucic seine dominierende Position noch zementieren.Mail:ausland@bernerzeitung.ch

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