Sie wollte so gern Opfer sein

Die preisgekrönte Bloggerin Marie Sophie Hingst erfand sich eine Familie von Holocaust-Opfern. Nun sind ihre Lügen aufgeflogen.

Hochstaplerin bei der Preisverleihung zur Bloggerin des Jahres: Marie Sophie Hingst. Foto: die-goldenen-blogger.de

Hochstaplerin bei der Preisverleihung zur Bloggerin des Jahres: Marie Sophie Hingst. Foto: die-goldenen-blogger.de

Michèle Binswanger@mbinswanger

Es ist wohl eine Art Münchhausen-Syndrom, also jene Störung, bei der die Betroffenen vorgeben, unter schweren Krankheiten zu leiden. Dabei sind sie kerngesund und wollen bloss Aufmerksamkeit. Die deutsche Historikerin Marie Sophie Hingst log nicht über ihren Gesundheitszustand, sondern über das Schicksal ihrer Verwandtschaft: Sie erfand sich eine jüdische Familie, die dem Holocaust zum Opfer gefallen sein soll. Für ihre abenteuerliche Geschichte fälschte sie auch Dokumente: Der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem meldete sie die Namen von 22 angeblichen Holocaust-Opfern, von denen die meisten gar nicht existierten. Davon berichtete der «Spiegel» in seiner aktuellen Ausgabe.

Was die 31-Jährige zu ihrer Herkunftslüge trieb, bleibt ihr Geheimnis – vermutlich hätte sie auch ohne gefälschte Herkunft Erfolg haben können. Tatsächlich stammt Hingst aus einer deutschen Akademikerfamilie mit evangelischem Glauben und studierte in Lyon, Berlin und Los Angeles Geschichte. 2013 promovierte sie in Dublin, wo sie heute noch lebt und mittlerweile Projektmanagerin einer internationalen IT-Firma ist. Bei ihrer Ankunft in Dublin hatte sie ihren Blog «Read On My Dear, Read On» gegründet. Sie erreichte zuletzt fast 240'000 Leser – 2017 wurde der Blog zum besten deutschsprachigen Blog gekürt.

Sie kommuniziert nur noch über ihren Anwalt

In ihren Beiträgen berichtete sie, dem deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel jeden Tag eine Postkarte geschrieben zu haben, als dieser in der Türkei inhaftiert war. Immer wieder schrieb sie auch von ihrer angeblich jüdischen Grossmutter und wie sie bei deren Sommerfesten den Erinnerungen anderer Auschwitz-Überlebender gelauscht habe.

Im vergangenen Jahr wurde Hingst bei einem Essay-Wettbewerb mit dem renommierten «The Future of Europe»-Preis der «Financial Times» ausgezeichnet. Bei der Preisverleihung in Dublin erwähnte sie einmal mehr den Leidensweg ihrer vermeintlich jüdischen Familie, und sie verglich das mit dem Leid der Flüchtlinge, die heutzutage in Europa stranden. Dafür wurde sie begeistert beklatscht. Mittlerweile ist ihr Blog gesperrt ebenso wie ihr Twitter-Profil, und sie kommuniziert nur noch über ihren Anwalt.

«Einige künstlerische Freiheiten»

Dass etwas mit Hingsts Erzählungen nicht stimmen konnte, fiel verschiedenen Leuten auf – etwa einer deutschen Historikerin. Von ihr alarmiert, recherchierte der «Spiegel» und stellte bald fest, dass Hingsts Erzählungen frei erfunden waren. Als sie schliesslich mit ihren Fälschungen konfrontiert wurde, stritt sie zunächst alles ab und stellte sich später via Anwalt auf den Standpunkt, ihr Blog sei nicht als Journalismus oder Geschichtsschreibung zu verstehen, sondern als Literatur. Sie habe sich einige künstlerische Freiheiten erlaubt.

Allerdings flogen bei der «Spiegel»-Recherche weitere Fälschungen auf: So hatte Hingst auch angegeben, als 19-Jährige in Delhi ein Slum-Krankenhaus gegründet und jungen indischen Männern Sexualaufklärung angeboten zu haben. Später berichtete sie für die «Zeit» und «Deutschlandfunk Nova» über ein ähnliches Projekt in Deutschland, wo sie in einer «kleinen deutschen Stadt» syrischen Flüchtlingen Aufklärungsunterricht gegeben habe. Beide Titel räumen heute ein, dass sie einer Betrügerin aufgesessen sind.

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